Abt Raimund Schreier bei der Christmette in der Stiftskirche Wilten

Höchstwahrscheinlich haben Sie es heute Abend vor dem Christbaum schon gesungen – in der Familie, mit Freunden und Bekannten – und wir werden es am Ende dieses Festgottesdienstes singen: das bekannteste Weihnachtslied der Welt, in rund 300 Sprachen übersetzt, vom Vikar Joseph Mohr von Oberndorf in Salzburg gedichtet und vom Dorflehrer und Organisten Franz Xaver Gruber im Jahre 1818 komponiert – also nächstes Jahr 200 Jahre alt: Das Weihnachtslied „Stille Nacht, heilige Nacht“.

In dieser heiligen Nacht feiern wir das Fest der Geburt von dem Heiligen, von Jesus von Nazareth, genannt der Christus, der Messias, der Retter und Heiland. Den Tag und die Stunde, wann Jesus Christus geboren ist, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass er leise in diese Welt eingetreten ist. Fast unbemerkt ist er auf der Bühne der Weltgeschichte erschienen. Er, der Retter der Welt, der Allherrscher, er kam nicht in Rom zur Welt, in der Mitte und Machtzentrale des damaligen Erdkreises, auch nicht in der heiligen Stadt Jerusalem, sondern in Bethlehem, an einem total unbedeutenden Ort.

Stille Nacht

Wir feiern das Fest der Geburt Christi um Mitternacht. In der Nacht also feiern wir seine Geburt, so wie wir auch Ostern, das Fest seiner Auferstehung in einer Liturgiefeier in der Nacht begehen. Um Mitternacht ist nämlich die Zeit, in der auch die leisen Stimmen vernehmbar sind und nicht übertönt werden durch den Lärm des Tages. Darauf bezieht sich eben unser bekanntestes Weihnachtslied: Stille Nacht, heilige Nacht! Wir besingen also die Stille dieser Nacht. Jesus, der Retter ist leise in diese Welt eingetreten.

Dort, wo Stille ist, also Bereitschaft zum Hören, zum Horchen und Gehorchen, dort kann Gott mit seinem Wort den Menschen erreichen. „Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht in ihrem Lauf bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein mächtiges Wort vom Himmel herab…“ (Weish 18,14.15),so steht es im Buch der Weisheit im Ersten Testament. Gott kommt im Schweigen, in der Stille.

Auch der Prophet Elija begegnet Gott im leisen Säuseln des Windes, und nicht im Lärm und nicht im Sturm (vgl. 1Kön 19). Im hebräischen Original steht für „leises Säuseln“ „Hauch einer klingenden Stille“.

Wir Menschen brauchen Zeiten und Orte der Stille. Da studiert jemand, jemand ist ganz konzentriert bei einer Arbeit beschäftigt. Ein kleines Kind schläft und wir sagen: Ganz leise sein! „Still, still, weil‘s Kindlein schlafen will!“, so der Titel eines anderen Weihnachtsliedes.

Immer mehr Menschen sehnen sich nach Stille, nach Tagen der Stille, nach schweigsamen Wanderungen, Exerzitien in Klöstern. Still sein heißt ganz bei sich sein, so bestätigen Mediziner. Wir brauchen Stille für unsere körperliche und mentale Gesundheit.

Alle Meister des geistlichen Lebens haben das Schweigen gesucht: in Wüsten und auf heiligen Bergen, an stillen Seen und in der Einsamkeit der Wälder, in Felsenklöstern und unter den Bögen der Kreuzgangsgewölbe, vor den Tabernakeln in den Kirchen mitten in der lärmenden Stadt. Der erwachsene Jesus, der von den Menschen so gefordert und gesucht wurde, er hat sich in die Stille der Berge zurückgezogen; und der bedrängte Jesus sucht die Stille des Gartens Gethsemani. Der auferstandene Jesus hat zur Begegnung mit seinen Jüngern die leise Morgenstunde gewählt.

Nur in der Stille kommt uns Gott entgegen. So wie der Muslim seinen Gebetsteppich ausrollt, so müssten wir in dieser Welt manchmal den Teppich des Schweigens ausrollen, damit wir einen Hauch von Ewigkeit zu spüren bekommen. Deshalb betet der Psalmist: „Zu Gott allein ist still meine Seele…“ (Ps 62). Zu Gott beten heißt nicht nur reden. Es heißt zunächst still werden, still sein und warten. Deshalb gibt es in den Klöstern eine Statio, eine Vorbereitung auf die Liturgie in Stille, ein Ruhigwerden, um dann in die Begegnung mit Gott zu gehen. Deshalb gibt es die Aufforderung zur Stille, zum Sich-bereit-machen für das Gebet, wenn der Priester sagt „Lasset uns beten“. Erst wenn ich still geworden bin, und die vielen Gedanken sich ruhig setzen können, erst dann bin ich frei für das Gespräch mit Gott. So hat es auch der dänische Existenzphilosoph und Theologe Sören Kierkegaard ausgedrückt: „Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still“.

Stille Nacht, heilige Nacht!

Daran, meine lieben Schwestern und Brüder, erinnert uns das wunderbare, auf der ganzen Welt beliebte und nahezu 200 Jahre alte Weihnachtslied: Stille Nacht! Amen. 

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