1. Stehvermögen

Eine Lehrerin hat festgestellt, dass die schlauesten Kinder, also jene, die den Lehrstoff am leichtesten und schnellsten lernten, nicht unbedingt jene waren, die ihre Ziele im Leben schlussendlich erreichten. Sie ging dieser Beobachtung auf den Grund und fand eine Charaktereigenschaft, die sie mit „Stehvermögen und Leidenschaft für langfristige Ziele“ umschrieb. Eine schlüssige Antwort, wie man Stehvermögen lernen kann, hat sie nicht gefunden, aber eines ist klar: Stehvermögen setzt voraus, dass wir das Leben als einen ständigen Wachstumsprozess verstehen.

Eine Welt, in der es keine Sieger und Verlierer gibt, wäre zwar schön, stimmt aber leider nicht mit der Realität überein. Als Kinder haben wir das Verlieren gelernt. Manchmal ist eine Niederlage, die ich gut verkrafte oder verarbeite, wie ein Sieg. Wahrscheinlich ist das der Hintergrund einer Aussage eines Mitbruders, der gemeint hat, „wir müssen lernen, Niederlagen zu feiern.“

Missionare verschiedener Orden, egal ob Prämonstratenser oder Jesuiten, die losgeschickt wurden, um in fremden Ländern neue Niederlassungen zu gründen, haben Stehvermögen bewiesen. Sie haben ihr Ziel mit Ausdauer und Leidenschaft weiterverfolgt, auch wenn ihr erster Versuch auf keinen fruchtbaren Boden gefallen ist. Sie zogen aus den negativen Erfahrungen die richtigen Schlüsse und manchmal gelang es ihnen, ihr Ziel im zweiten oder dritten Anlauf zu erreichen.

2. Ostern zusammen mit Christus durchleben

Die Fastenzeit ist die Vorbereitungszeit auf Ostern. Frère Roger, der ehemalige Prior der Gemeinschaft von Taizé hat einmal gemeint: „Glücklich, wer sich die Hand von den Augen reißt, um das kühnste aller Risiken einzugehen: Ostern zusammen mit Christus durchleben.“ Der Weg Jesu vom Palmsonntag über den Karfreitag bis zum Ostersonntag - durch das Leiden zur Auferstehung - innerlich mitzugehen, ist nicht einfach. Das braucht eine Vorbereitungszeit. Wie können wir uns also in rechter Weise auf die Heiligen Tage vorbereiten?

P. Markus Inama SJ - Stiftskirche Wilten 

a) Taufe

In der heutigen Lesung war von der Taufe die Rede. Für mich gehören Taufen zu den schönsten Aufgaben, die ich als Priester habe. Und das obwohl ich bei der Prüfung über die Theologie der Taufe im ersten Versuch durchgefallen bin. Nicht nur deshalb verbinde ich Taufe auch mit dem Scheitern.

Beim ursprünglichen Ritual der Taufe wurden die Gläubigen in einem Fluss oder in einem Becken ganz untergetaucht. Das Untertauchen steht für das Eintauchen in die Begrenztheit und Sterblichkeit menschlichen Lebens. Das Auftauchen ist Symbol für das göttliche oder ewige Leben. Die erste Antwort, wie wir Ostern gemeinsam mit Christus erleben können, liegt in unserer Taufe.

Religionen ganz allgemein und der christliche Glauben im Speziellen helfen uns schrittweise zu wachsen und auch schwierige Erfahrungen in unser Leben zu integrieren. Schon bei der Taufe verlassen wir zum ersten Mal die Komfortzone, indem wir – wenn auch nur symbolisch – mit dem Ende unseres Lebens konfrontiert werden.

b) Asche

Jeder Mensch, sagt eine alte jüdische Überlieferung, benötige zwei Taschen. In der rechten müsse er einen Zettel mit den Worten aufbewahren: „Um meinetwillen wurde die Welt erschaffen.“ In der linken Tasche müsse es ein Zettel mit der Botschaft sein: „Ich bin nur Staub und Asche.“

Wir brauchen beides. Etwas von dem Gefühl: Ich bin ganz wichtig! Aber wenn es dabeibliebe, würden wir abheben und größenwahnsinnig werden. Beispiele dafür gibt es genug. Deswegen brauchen wir ein Gegengewicht. Ich bin begrenzt, bin vergänglich, bin ersetzbar! Vielleicht sollten wir uns besonders dann, wenn wir uns etabliert haben und stolz auf unsere Arbeit schauen, das Wort, das wir am Aschenmittwoch gehört haben, zu Herzen nehmen: „Bedenke Mensch, dass Du Staub bist, und zum Staub zurückkehrst.“

c) Wüstenerfahrungen

Im heutigen Evangelium haben wir gehört, dass Jesus nicht sofort damit begann, Menschen um sich zu sammeln. Unmittelbar nach seiner Taufe nahm er sich Zeit, um in sich zu gehen. Dafür zog er sich nicht in ein Haus zurück, in dem er durch Mauern und verschließbare Türen geschützt war, sondern er ging in die Wüste.

Die Wüste ist eine Gegend, in welcher der Mensch nicht oder nur schwer überleben kann. Jesus erfährt sein Menschsein, seine Schwachheit, sein Angewiesen-Sein auf die Natur und vor allem auf Nahrung.

Die Wüste ist aber vor allem ein Bild für den geistlichen Weg. Sie nimmt uns die Illusionen und gibt uns die Möglichkeit, uns im richtigen Licht zu sehen. Jesus ließ Fragen, Zweifel, Versuchungen ganz nahe an sich herankommen. Jesus hat am eigenen Leib erfahren, was Menschsein bedeutet, was Menschen durchmachen und wonach sie sich sehnen.

Dazu müssen wir nicht unbedingt in die Wüste gehen. Wahrscheinlich macht jeder von uns seine eigenen Wüstenerfahrungen.

Aktualisierung:

Für mich waren die vier Jahre, die ich in Bulgarien lebte und ein Sozialzentrum für Kinder und Jugendliche aufbaute, eine Art Wüstenerfahrung. Die Jugendlichen, die ich auf der Straße oder in den Armenviertelen traf, haben von klein auf erfahren, dass sie nicht willkommen sind. Ich bin Jugendlichen begegnet, die traumatisiert waren und kaum redeten oder mit sich selbst redeten.

3. Früchte am Ende der Komfortzone

Ich merkte, wie mich diese Erlebnisse belasteten. Gleichzeitig spürte ich, wie mich zum Beispiel die Seligpreisungen zu tragen begannen. Ich war überzeugt, dass Jesus Menschen wie die Straßenkinder im Blick hatte als er sagte: „Selig die Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich.“ Diese zentralen Aussagen der Bibel gaben mir Kraft und halfen mir, mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern trotz aller Schwierigkeiten nicht aufzugeben. Die Illusion, die Welt groß zu verändern war zwar weg, aber im Vertrauen auf diese Worte machten wir weiter und siehe da, immer wieder haben junge Menschen einen Neuanfang gewagt und eine Perspektive für ihr Leben gefunden.

Schluss

Mitka, eine Jugendliche, die in unserem Sozialzentrum wohnte, hat mir zum Abschied aus Bulgarien dieses Herz aus Papier geschenkt. Für mich ist dieses Herz ein Symbol dafür, dass die Liebe, die Gott uns schenkt, stärker ist, als all das Menschenverachtende, das die Kinder erfahren mussten. Und so wurde für mich diese Wüstenerfahrung auch zu einem Neubeginn. Es ist gut, unsere Komfortzone zu verlassen und uns mit unseren Niederlagen auseinanderzusetzen, weil uns dadurch die Kraft des Evangeliums wieder bewusst wird und wir daran wachsen können.

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