Am Heiligen Abend im Jahr 1818 erklang in der Kirche von Oberndorf in Salzburg erstmals das Lied Stille Nacht“. 200 Jahre später ist es das bekannteste Weihnachtslied der Welt, das bisher in rund 350 Sprachen übersetzt wurde. 

Auf dem Hintergrund der damaligen Weltereignisse hat es der Hilfspriester von Oberndorf, Joseph Mohr im Jahre 1816 geschrieben. 1816 ist als Jahr ohne Sommer“ oder „Elendsjahr“ in die Geschichte eingegangen. Nach einem Vulkanausbruch in Indonesien war es ungewöhnlich kalt besonders in Mitteleuropa. Da und dort schneite es mitten im Sommer. Es kam zu katastrophalen Überschwemmungen. An vielen Orten fiel die Ernte aus. Die Getreidepreise stiegen auf das drei-bis vierfache. Millionen Menschen litten Hunger; besonders in den Berggegenden haben sich die Kinder mit Gras und Wiesenblumen ernährt. Zehntausende starben. Zudem litt Europa an den Folgen der napoleonischen Kriege. 

In dieser Zeit der Sehnsucht nach „himmlischer Ruh“, in dieser Zeit der Sehnsucht nach besseren Zeiten, der Sehnsucht nach Frieden, schrieb Joseph Mohr dieses Gedicht: Stille Nacht, heilige Nacht“. Immer wieder spricht dieses Lied von „Stille“, von „Ruhe“, von der „Nacht“, die Frieden, die einen Retter in der Not verheißt: „Jesus, der Retter ist da“. Das „Stille Nacht“-Lied vermittelt durch seinen Text und seine einmalige Melodie, die der Dorflehrer Franz Gruber im Jahre 1818 komponierte, himmlische Ruhe, inneren Frieden; Frieden, der trotz vieler bedrohlicher Mächte und Ängste möglich zu sein scheint. 

100 Jahre später, am 24. Dezember 1914 und an den folgenden Tagen, also im Ersten Weltkrieg, gab es den sogenannten „Weihnachtsfrieden“ an einigen Abschnitten der Westfront in Flandern, wo es vor allem zwischen Deutschen und Briten zu spontanen Verbrüderungen kam. In den Schützengräben wurden Weihnachtslieder gesungen, auch und vor allem das „Stille Nacht“. Es gab zwar kein autorisiertes Waffenstillstandsabkommen: aber trotzdem hörten die Soldaten plötzlich auf, sich gegenseitig zu beschießen. Vielmehr begannen sie aus den Schützengräben herauszusteigen, aufeinander zuzugehen und sich gegenseitig zu besuchen. Am Weihnachtstag wurden sogar kleine Geschenke ausgetauscht.

Das Weihnachtslied „Stille Nacht“ ist ein Plädoyer für Zeiten himmlischer Ruhe, für Zeiten des Friedens, des Dialogs, des aufeinander Zugehens, des gegenseitigen Respekts, des Wohlwollens, der Liebe.

Ich möchte jetzt nicht einen großen zu Weihnachten üblichen Friedensappell an die Welt richten. Das steht mir auch nicht zu. Ich möchte uns einladen und an uns alle appellieren, anlässlich des Weihnachtsfestes – wie Bischof Reinhold Stecher es einmal ausgedrückt hat – mit einer Sperrmüllaktion des eigenen Herzens zu beginnen. Wir können nicht vom Weltfrieden reden, wenn es keinen Frieden in unserem Herzen gibt. Dort möchte Christus, der Retter einziehen und durch uns und mit uns Frieden stiften und Frieden ausstrahlen. Aber er kann nicht einziehen, wenn unser Herz voll von Barrikaden und Straßensperren ist gegen Einzelpersonen und Gruppen, gegen „die da oben“ und „die da drüben“, gegen jeden Fremden und gegen jeden, der nicht nach meiner Pfeife tanzt. Hier gibt es vieles aufzuräumen. Aber vor allem der Sperrmüll wie Hass, Vorurteile, Rachegedanken, Opposition nur aus einem übersteigerten und narzisstischen Ich-Gefühl heraus, Abneigungen und Blockaden, Unfreundlichkeit und Gehässigkeit, „das tue ich grad zu Fleiß“, bewusste Lügen, damit ich ja gut dastehe, Eifersucht und Neid, Schwächen und Defizite meist nach oben projiziert: Eine solche Sperrmüllaktion in unserem Herzen ginge eher an die Wurzeln vielen Unfriedens in der Welt als ein wortreiches – pathetisches Friedenstrara und weinerliches Gerede von Gemeinschaft und Familienidylle. 

Wenn dieses Gerümpel in den Herzen uns dann nicht mehr die Sicht verstellt, dann würden wir den anderen und die anderen mit neuen Augen sehen, mit den Augen Gottes; und es könnte der Sinn für die eigentliche Tiefendimension dieses Festes wachsen. Und dann würden wir entdecken, dass Weihnachten sich nicht nur in Stimmungswogen und seichtem Friedenswellengeplätscher am Ufer der Konvention und des Kalenderbrauchs erschöpft. 

Wir würden erkennen, dass Weihnachten auf das Geheimnis einer strömenden Liebe verweist, die aus den Abgründen des Göttlichen kommt. Und diese göttliche Liebe verheißt einen Shalom, einen Frieden, der das ersehnte Schweigen der Waffen bei weitem übersteigt und mitten in einer schwierigen Lebenswirklichkeit aufblühen kann, wenn wir unsere Herzen öffnen. Wie sagt schon Angelus Silesius, der große geistliche Schriftsteller des 17. Jahrhunderts: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir: du bliebest doch in Ewigkeit verloren.“ Oder anders gesagt: Dann wäre Weihnachten vergeblich. 

Öffnen wir also unsere Herzen für die Weihnachtsbotschaft, damit Christus in uns geboren wird und Er Frieden stiftet in uns, durch uns und unter uns. Dann können wir mit frohem und dankbarem Herzen neben dem „Stille Nacht“ auch das älteste Weihnachtslied anstimmen, das Lied der Engel auf den Hirtenfeldern von Bethlehem: „Ehre sei Gott in der Höhe und FRIEDE auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens“. Amen.

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