Unsere Welt kommuniziert zunehmend mit Kürzeln. Ein paar wenige Buchstaben sollen klarmachen, um was es geht. ORF. OMV. IWF. OESSH. Abkürzungen sind inzwischen nicht mehr wegzudenken aus unserem Alltag. Eine ganz weit verbreitete, weltweit bekannte Abkürzung lautet „www – world wide web“.

Heute am Abend gilt das nicht. Heute bedeutet „www“ etwas anderes. Ich möchte anhand der drei „w“ erschließen, was für ein alltägliches christliches Leben wesentlich ist. Alltagsspiritualität. Was macht das Leben eines Christen, einer Christin aus? Wie geht „christlich leben“? Es geht ja heute zunehmend darum, Zeugnis zu geben. Wenn wir wollen, dass der Glaube weitergegeben wird, dann bleibt nur der Weg über das Lebens-Zeugnis. 

Papst Paul VI hat in seiner Enzyklika „Evangelii nuntiandi“ schon im Jahr 1975 festgehalten: „Die Welt verlangt und erwartet von uns Einfachheit des Lebens, Sinn für das Gebet, Nächstenliebe gegenüber allen, besonders gegenüber den Armen und Schwachen, Gehorsam und Demut, Selbstlosigkeit und Verzicht. Ohne diese Zeichen der Heiligkeit gelangt unser Wort nur schwer in die Herzen der Menschen unserer Zeit. Es läuft Gefahr hohl und unfruchtbar zu sein.“ Und an anderer Stelle: „Der heutige Mensch hört lieber den Zeugen zu als den Lehrern, und wenn er die Lehrer anhört, dann deshalb, weil sie Zeugen sind.“[1] Also „www“: Wandeln. Wachsen. Wachen.

Wandeln

Jene, die mich näher kennen, wissen, dass ich meine geistliche Heimat in Frankreich habe. In der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé. Dieser Ort ist für mich, unter anderem, mit einer bestimmten Erfahrung verbunden. Jede Woche am Freitag gibt es beim Abendgebet einen Ritus, den der Gründer der Gemeinschaft, Frère Roger Schutz, aus Russland mitgebracht hat. Das Kreuz liegt in der Mitte der Kirche. Und alle, die das möchten, legen ihr Haupt oder ihre Hand schweigend auf das Kreuz, um dem Herrn alles anzuvertrauen, was schwer ist und was niederdrückt. Die eigene Last, das eigene Leiden mit dem Leiden Jesu verbinden. Und jeden Samstagabend gibt es ein Gebet mit kleinen Kerzen. Tausende Lichter erfüllen den Raum. Ein kleiner Osterritus. Das Licht des Auferstandenen erhellt alles.

Jede Woche wird in Taizé ein kleines Osterfest gefeiert. Und die Botschaft: Geh deinen Weg mit Christus. Geh mit ihm vom Tod zum Leben. Vom Dunkel ins Licht. Von dem, was kaputt macht und schmerzvoll ist, zu dem, was aufleben lässt und Freude schenkt. Geh ganz treu den österlichen Weg! Der österliche Weg ist ein Weg der Wandlung. Jesus Christus ist nicht nur eine historische Gestalt, nicht nur ein Idol. Er ist gegenwärtig, jetzt und hier, aktiv. Gott ist Gegenwart. Er arbeitet in uns. Er will uns wandeln, jeden Tag. Wer als Christ, als Christin lebt, der versucht, ihm immer wieder neu das Leben zu übergeben. Jesu Gestalt anzunehmen. 

Heute hier ist das ganz ähnlich. Das Evangelium hat uns vom Sterben und Auferstehen Jesu erzählt. Und die Lichter, die wir tragen, sind Botschafter des siegreichen Lebens. Ein Weg, diese Wandlung bewusst zu leben, besteht darin, das Gebet zur Sterbestunde Jesu zu pflegen, und auch das Gebet am Sonntagmorgen. Wandeln. 

Wachsen

In den letzten Monaten ist mir eine Aussage von Papst Franziskus ganz wichtig geworden. Aus einer Morgenmesse in Santa Marta: „Es gibt so viele Christen im Stillstand, die nicht weiter gehen; Christen, die im Sand der Alltagsdinge steckengeblieben sind – auch gute Leute, aber sie wachsen nicht, sie bleiben klein. Geparkte Christen. Sie haben sich eingeparkt. Christen im Käfig, die nicht fliegen können mit dem Traum, zu dem Gott uns ruft.“ Starke Bilder, die der Papst da verwendet. Christen im Stillstand. Da geht nichts weiter. Da ist etwas steckengeblieben. Geparkte Christen. Nichts mehr ist spürbar von Dynamik, von Bewegung, von Freude, von Esprit. 

Wer Christ oder Christin ist, wird wachsen. Ohne Wachstum verkümmert alles. Wachsen ist das Um und Auf. Eine Saat soll aufgehen. Die Wiesen sollen blühen. Wenn es zu kalt wird oder der Regen ausbleibt, dann ist Gefahr in Verzug. Dann droht alles, mickrig zu bleiben oder einzugehen. In der Wirtschaft geht es ja auch ums Wachsen. Ein Betrieb, der nicht wächst, hat keine Chance, so sagt man. Wobei: Dass ein ständiges Wachsen nicht möglich ist, das weiß auch jeder. Es gibt immer ein Auf und Ab. Aber: Insgesamt muss ein Betrieb gesund sein und innere Kraft haben, sonst geht er ein.

Wie ist das beim Christsein? Ganz gleich. Christen, die in ihrem Glauben nicht wachsen, gehen ein. Wer vom Wachsen im Glauben redet, spricht zuerst einmal nicht von Zahlen, sondern von einem inneren Wachstum. Nicht die Quantität entscheidet, sondern die Qualität. Es geht darum, tiefer zu werden, sich mehr und mehr vom Evangelium prägen zu lassen, christlicher zu werden.

Wachse ich im Glauben? Gibt es bei mir eine Dynamik der Entwicklung und des Wachstums? Mache ich die Erfahrung, dass mir mein Glaube schrittweise mehr bedeutet, vielleicht auch nur in ganz kleinen Schritten, aber immerhin? Wieder Papst Franziskus, am Hochfest Peter und Paul im heurigen Jahr: „Bitten wir um die Gnade, keine lauwarmen Christen zu sein.“ Wachsen. 

Wachen

Der Abend vor der Investitur ist ein besonderer Abend. Ein Abend des Wachens. Deshalb auch der Name „Vigil“. Stunde des Wachens. 

Damit wird ein Herzensanliegen Jesu aufgegriffen. Er ist nicht müde geworden, zur Wachsamkeit einzuladen, ja aufzufordern. Immer wieder sagt er: „Seid wachsam!“ Wir kennen das Gleichnis vom wachsamen Hausherrn (Mt 24,43-44). Wir sind vertraut mit den Worten: „Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt.“ (Lk 12,37) „Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt.“ (Lk 21,36) Jeder kennt das Gleichnis von den fünf klugen und den fünf törichten Jungfrauen. (Mt 25,1-13)

Wachen. Wachsam leben. Es geht darum, wach zu sein nach innen. Für die inneren Regungen und für die Sprache des Herzens. Sie spürsam wahrzunehmen. Denn in ihnen zeigt sich, was uns bewegt und umtreibt. In ihnen lässt sich auch Gottes Präsenz und Wirken erahnen. Die Wachsamkeit zeigt sich auch im Leben nach den evangelischen Räten. Gehorsam – ein hörender und bereiter Mensch sein. Armut – einfach und bescheiden leben. Keuschheit – wie schön ist es, wenn ein Mensch durchscheinend und achtsam lebt, selbstlos und authentisch.

Wachen bedeutet auch, nach außen wachsam zu sein. Im Blick auf den Umgang mit Menschen. In Leitbild der Grabesritter heißt es: „Die Ritter vom Heiligen Grab … stehen in der Tradition der ‚Geistlichen Ritterorden‘, deren eigentliche Aufgabe die barmherzige Sorge für das Wohl von Pilgern, Kranken, Bedürftigen und Verwundeten war.“ Ein Wort von Simone Weil: „Nicht daran, wie einer von Gott redet, erkenne ich, ob seine Seele durch das Feuer der göttlichen Liebe gegangen ist, sondern daran, wie er von irdischen Dingen spricht.“

www – wandeln, wachsen, wachen. Ein Lebensprogramm. Ein Programm für christliche Alltagsspiritualität. Möge das gemeinsame Fest uns darin stärken!


[1]Insegnamenti XIII, 1975, 1458-1459.

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