Es war im Jahre 1224, einige Tage vor Weihnachten. Der heilige Franz von Assisi teilt seinem Freund, dem Grafen Giovanni von Greccio mit, er wolle das Weihnachtsfest bei ihm feiern, und bittet ihn, er möge dazu alles so vorbereiten, wie es im biblischen Bericht steht. „Ich möchte mit eigenen Augen sehen, in was für armseligen Umständen sich das Neugeborene befand, das in eine Krippe gelegt wurde, auf Heu, zwischen Ochs und Esel.“  Und so entstand die erste Krippe – nicht mit geschnitzten Figuren, sondern mit echten Menschen und Tieren. Mit Fackeln kommen die Leute aus der Umgebung zur nächtlichen Feier herbei. An der Krippe feiert der Priester die Messe, und Franziskus als Diakon singt mit bewegter Stimme das Evangelium. Franziskus ist ganz hin- und hergerissen, voller Emotionen, voller Freude, ganz gerührt über das Kind von Bethlehem. Und er steckt die andern an. Auch sie sind ganz gerührt und berührt von dieser unfassbaren Demut Gottes: Gott wird ein Kind. „Auf diese Weise“, schreibt sein Biograph Thomas von Celano, „wurde das Jesuskind im Herzen vieler neu zum Leben erweckt“. Und das geschieht bis in unsere Zeit, wenn zum Weihnachtsfest Krippen aufgestellt werden, um – wie Franziskus – mit eigenen Augen zu sehen, um berührt zu werden über das, was in Bethlehem geschehen ist.

So sind auch wir heute eingeladen, vor unserer Krippe zuhause, hier in der Kirche, bei diesem Festgottesdienst, nachzudenken über dieses große Geheimnis: Gott wird aus Liebe zu uns ein kleines Kind, er wird Mensch – in einer Grotte, in einem dreckigen Stall. Lasse ich mich berühren von dieser unendlichen Liebe Gottes, von der Zärtlichkeit Gottes? Lasse ich mich von ihm erreichen? Lasse ich mich von ihm umarmen oder hindere ich ihn daran, mir nahe zu kommen? Lasse ich zu, dass Gott mich liebhat?

Ein berühmter Schriftsteller des 19. Jahrhunderts könnte uns eine solche Erfahrung des Berührtwerdens vom Weihnachtsgeheimnis auch vor Augen führen.

Es war am Weihnachtstag im Jahre 1886. Der junge französische Schriftsteller Paul Claudel ging in die Kathedrale Notre Dame in Paris, die heute leider zum Teil durch einen Großbrand vom vergangenen Jahr zerstört wurde. Der Bischof zelebrierte gerade das Hochamt. Dorthin ging er freilich nicht mit der Absicht, den Weihnachtsgottesdienst mitzufeiern. Denn nach seiner Erstkommunion hatte er sich von der Kirche immer mehr entfremdet und sich von seinem bisherigen Glaubensleben verabschiedet. Von der gottesdienstlichen Atmosphäre in Notre Dame erwartete der damals 19-jährige Dichter deshalb nur ein paar Anregungen für sein literarisches Schaffen, wie er selbst bekennt: „In dieser Verfassung wohnte ich, von der Menge gestoßen und gedrückt, dem Hochamt bei“.

Paul Claudel konnte mit dem Weihnachtsfest nichts mehr anfangen und wusste deshalb auch nicht, was er mit dem freien Weihnachtstag machen sollte. Dennoch ging er am Nachmittag nochmals nach Notre Dame zur Feier der feierlichen Vesper. Während die Sängerknaben das Magnificat sangen, geschah etwas, das man nur mit den Worten Claudels wiedergeben kann: „In einem Nu wurde mein Herz ergriffen, ich glaubte. Ich glaubte mit einer so mächtigen inneren Zustimmung … mit solch unerschütterlicher Gewissheit, dass keinerlei Platz auch nur für den leisesten Zweifel offen blieb, dass von diesem Tag an alle Bücher, alles Klügeln, alle Zufälle eines bewegten Lebens meinen Glauben nicht zu erschüttern, ja auch nur anzutasten vermochten… Es ist wahr! Gott existiert, er ist da. Er ist jemand, er ist ein ebenso persönliches Wesen wie ich. Er liebt mich, er ruft mich.“

Dieses Ereignis muss Paul Claudel wie einen „Überfall der Gnade“ empfunden haben, „der ihn zu einem neuen Leben führte“ (F. Wetter). Denn viele Jahre später konnte er sich noch erinnern, wo er in Notre Dame gestanden hatte. Und Jahre später konnte er dieses Ereignis so deuten: „Während ich auf das Magnificat hörte, hatte ich die Offenbarung von einem Gott, der die Arme nach mir ausstreckte“. Das Wunder der Weihnacht hat sich in seinem Leben sehr konkret und hautnah ereignet. Seither war Claudel nicht nur ein tiefgläubiger Mensch, sondern er stellte auch sein literarisches Schaffen ganz in den Dienst der Verkündigung des christlichen Glaubens.

Liebe Andächtige! Möge dieses Wunder der Weihnacht auch in uns geschehen: Beim Betrachten der Krippe, beim Weihnachtsgottesdienst, beim Hören des Bach‘schen Weihnachtsoratoriums, bei einem Spaziergang durch den verschneiten Wald, beim Lesen und Meditieren des Weihnachtsevangeliums, beim Beten: Möge es geschehen, dass wir uns öffnen für die Zärtlichkeit, die Umarmung Gottes und sie dann als Söhne und Töchter Gottes weiterschenken an andere Menschen, die diese Liebe brauchen. AMEN.

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