Geheimnis von Ostern: Wieder aufstehn

Ein junger Geistlicher sollte im Gefängnis predigen. Tagelang sucht er Formulierungen, die geeignet seien, harte Herzen zu rühren. Wie er die Kirche betritt, erschauert er unter der Kälte der höhnischen Gesichter. Mit einem stummen Gebet um Erleuchtung steigt er zur Kanzel hinauf. Auf der vorletzten Stufe stolpert er, und über sämtliche verfügbaren Körperteile rollt er ins Kirchenschiff zurück. Das Auditorium brüllt vor Lachen. Einen Augenblick lang fühlt sich der junge Geistliche von Schmerz und Scham gelähmt. Dann springt er auf, stürmt die Treppe hinauf und lacht auf die Gestreiften hinunter. „Deswegen, Männer, bin ich gekommen: Ich wollte euch zeigen, dass man wieder aufstehen kann, wenn man gestürzt ist!“

„Wieder aufstehn, wenn man gestürzt ist“, so könnte man das große Geheimnis von Ostern in einem Kurztitel zusammenfassen.

Ostern heißt demnach wieder aufstehn aus dem Sumpf der Resignation, des ständigen Jammerns und Lamentierens und Raunzens. Ostern ist das Fest der Freude, der Hoffnung und des Optimismus.

Ostern heißt wieder aufstehn vom steinigen Weg unseres grauen und sündigen Alltags, unseres oberflächlich und lau gewordenen Christseins.

Ostern heißt Aufstehn von unserem Unglauben, von unserem Zweifel, so wie der Apostel Thomas in der Begegnung mit dem Auferstandenen den Glauben wiedergefunden hat (vgl. Evangelium vom heutigen Sonntag: Joh 20, 19-31).

Ostern heißt wieder aufstehn aus den tiefen Fahrrillen eingelaufener schlechter Gewohnheiten, Untugenden, unserer Abhängigkeiten und Süchte, unserer Bequemlichkeit und Gleichgültigkeit gegenüber dem Nächsten. Ostern ist das Fest gegen die Schwerkraft des Ego und des übertriebenen Individualismus.

Ostern heißt wieder aufstehn aus dem Schlamm der Rechthaberei und des Eigensinns; heißt aufstehn aus den Gräbern unserer Verschlossenheit, unserer Abkapselung und unseres Misstrauens. Ostern ist nämlich das Fest des Gesprächs und des Dialogs, das Fest der Versöhnung, der inneren Befreiung. Ostern schenkt Leben und Aufatmen in den Beziehungen.

Ostern ist der Urfeiertag der Christen, jenes Fest, an dem wir mit Christus aufstehn aus den Niederungen unserer Traurigkeit und der Depression.

Steh auf, wenn dich etwas umgeworfen hat“, so schreibt Wilhelm Willms in einem Meditationstext mit der Überschrift „Auferstehung“.

Steh auf
wenn dich etwas umgeworfen hat
steh auf
gerade wenn du meinst
du könntest nicht aufstehen
der Stein vor deinem Grab
wird sich von selbst fortbewegen
es wird dir ein Stein
vom Herzen fallen.

Ostern ist das Fest des Wieder-aufstehns, des sich Wieder-aufmachens zum Fest des Lebens. Gott lässt uns jetzt schon teilhaben an der Auferstehung Jesu, heute, jeden Tag. „Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung“, so singen die Jugendlichen in einem modernen Kirchenlied.

Ostern ist auch das Fest der Hoffnung, dass wir aus Krisen, wie der derzeitigen Pandemie, wieder auferstehen werden. Es wird der Tag kommen, an dem wir wieder gemeinsam Eucharistie feiern und uns umarmen dürfen. Haben wir Geduld. Nutzen wir diese Zeit der Krise, um ganz persönlich die Beziehung mit dem Auferstandenen zu vertiefen – im Gebet, im Lesen der Heilligen Schrift, im geistlichen Gespräch in der Familie oder mit Freunden über die social medias. Einige Bekannte haben mir erzählt, wie sie – bei aller Trauer über die fehlende Osternachtfeier – zu Hause mit dem Partner, der Partnerin oder der ganzen Familie in aller Ruhe Ostern gefeiert haben, wie sie ohne Hektik die österlichen Geschichten durchmeditiert und wie sie viel Zeit „verschwendet“ haben, um bei brennender Osterkerze in der Familie Ostermahl zu halten – wunderbare Beispiele gelebter Hauskirche.

Glaubwürdige österliche Menschen
Wenn Christen sich wieder mehr auf die Osterbotschaft vom „immer wieder aufstehn“ einlassen, dann wird diese Botschaft für andere ablesbar, wird sie glaubwürdig. Schon der berühmte Dichter und Philosoph aus dem 19. Jahrhundert, Friedrich Nietzsche, hat in seinem Werk „Also sprach Zarathustra“ diese Forderung an die Christen gestellt, wenn er schreibt: „Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glaubte: erlöster müssten seine Jünger aussehen!“

Liebe Geschwister im Glauben!
So wünsche ich uns allen den österlichen Sprint, wieder aufzustehn, wieder neu anzufangen; ich wünsche uns den Elan, alle Gräben des Hasses und Egoismus zu überspringen, die uns trennen vom Miteinander (wenn auch auf Entfernung), von jeglicher Kommunikation.
In diesem Sinn wünsche ich uns die Erfüllung des Psalms 18, meines Lieblingspsalmes:

„Mit dir erstürme ich Wälle,
mit meinem Gott überspringe ich Mauern“.

Abt Raimund Schreier OPraem 

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