Liebe Geschwister in Christus!

Bevor Sie diese Betrachtung lesen, empfehle ich Ihnen, zuerst das Evangelium dieses Sonntags zu meditieren: Johannes 21,1-14.

Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch so geht wie mir: ich habe von meinem Unterricht in der Schule verhältnismäßig viel vergessen. Aber eines ist mir aus dem Musikunterricht noch in guter Erinnerung: ich sehe den greisen Musikprofessor heute noch vor mir, wie er uns Schülern an der Tafel eine wichtige Gestaltungsform in der Musik erklärt hat, nämlich „Das Thema mit Variationen“. Da ist also ein Thema, das dem Komponisten so gut gefällt, dass er es in unterschiedlichen Variationen durchspielt: Einmal majestätisch wuchtig – majestoso oder grave. Dann lustig und verspielt in einem allegro. Dann wieder meditativ, traurig, nachdenklich in einem largo. Thema mit Variationen!

In diesem Bild kann man vielleicht die unterschiedlichen Osterberichte der Evangelien verstehen. Da ist das Thema „Der Herr lebt. Und dieses Thema wird nun in Variationen durchgespielt. In der zunächst traurigen Variation der Emmausjünger, in der skeptischen Variation des Thomas, in der liebevollen Variation der Magdalena, in der eiligen Variation vom Wettlauf des Petrus und des Johannes zum Grab. Und in all diesen Variationen ist das Thema deutlich herauszuhören: der Herr lebt!

Auch die Johannesperikope vom dritten Sonntag der Osterzeit hat ein eigenes Thema, das dreimal wiederkehrt: „Es ist der Herr!

a) Der Lieblingsjünger Johannes sagt es zu Petrus, nachdem die sieben Jünger (sie werden namentlich genannt) auf das Wort Jesu hin nochmals das Netz ausgeworfen haben und es wegen der Menge der Fische nicht ins Boot ziehen können. „Es ist der Herr!“ Johannes hat Jesus erkannt an der Unermesslichkeit seiner sorgenden Liebe.

b) Petrus glaubt dem Wort des Freundes und als er hört, dass „es der Herr sei“ – hier klingt die zweite Variation auf – stürzt er sich voll Übereifer ins Wasser, um schneller als die anderen beim Herrn zu sein.

c) Zum dritten Mal steht dieses Wort „Es ist der Herr!“ in einem geheimnisvollen Zwielicht von Freude und Furcht: am Ufer des Sees von Tiberias lädt Jesus sie ein, mit ihm am Kohlenfeuer zu essen. Aber keiner wagt ihn zu fragen: „Wer bist du?“ Denn sie wussten, dass es der Herr war. Die Jünger wissen es: Es ist der Herr!

Liebe Mitchristen!

Wissen wir es? Immer noch steht Jesus verhüllt im Dämmerlicht an den Ufern unseres Lebens. Er hat uns beim Namen gerufen, er blickt uns an, aber wir erkennen ihn nicht sogleich.

Es gibt, so meine ich, vor allem zwei Variationen dieses Themas in unserem Leben, wo er uns ganz nahe ist, wir ihn aber oft nicht erkennen.

1.   Die erste Variation klingt eher traurig, nachdenklich. Es ist der Largo-Satz. Nämlich dann, wenn wir traurig sind, resignieren wollen – „mir reicht’s!“, wenn wir den Kopf hängen lassen, depressiv werden. Es ist der Herr, der mir in dieser Dunkelheit Licht sein möchte. Wenn unsere Kinder uns nerven, die jetzt nicht in die Schule gehen dürfen, die uns bei ihren Hausaufgaben ständig Fragen stellen und wir die Geduld verlieren und uns keinen Rat mehr wissen. Wenn Verletzungen und Kränkungen in der Ehe oder Partnerschaft durch das Daheimbleiben jetzt herauskommen und wir die Beziehung abbrechen wollen. Es ist der leidende Herr, der mir in meiner Familie begegnet.

Oder wenn wir eine schwere Prüfung durchstehen müssen, und wir nicht mehr aus noch ein wissen; wir haben unsere Arbeit verloren; wir wissen nicht, wie es finanziell weitergeht; ein Freund hat uns getäuscht und enttäuscht; wir spüren rundherum den gleichgültigen Egoismus, ein noch viel schlimmeres Virus als das Corona-Virus. Es überträgt sich, wie Papst Franziskus am letzten Sonntag gesagt hat, ausgehend von der Idee, „dass das Leben besser wird, wenn es besser wird für mich; dass alles gut ausgeht, wenn es gut ausgeht für mich“. Wir leiden darunter, dass wir keine Freunde treffen können, nicht gemeinsam Eucharistie feiern dürfen. Es ist der Herr, der uns in dieser Krisenzeit begleitet, der bei uns ist.

Oder wenn ein lieber Mensch verunglückt oder stirbt; wenn eine Katastrophe unser Tal, unser Dorf trifft: es ist der Herr, der diese schmerzenden Wunden zulässt und uns durch diese Wunden reifen lässt, zur Auferstehung führt.

Wenn wir also in unserem Leben diesen Largo-Teil anstimmen, dann braucht es oft lange, bis wir das Thema heraushören, bis wir erkennen: es ist der Herr! Der Herr, der mir in diesem Leid, in dieser Krise, in diesen Mitmenschen begegnet, der bei mir sein möchte.

2.   Die zweite Variation klingt fröhlicher: es ist das Allegro.

Es sind die freudigen Situationen unseres Lebens, die uns mitten im Tag ein Stück Auferstehung erleben lassen, wo Jesus, der Auferstandene uns nahe ist: wenn ein anderer auf mich zugeht und mir sagt, dass er irgendetwas an mir gut findet; wenn mir jemand sagt, dass er mich mag; wenn mir jemand zulächelt und mich grüßt; wenn wir miteinander offen sprechen können; wenn wieder ein paar Menschen sich einsetzen für die Umwelt, die Schöpfung Gottes, die zur Zeit wunderbar aufblüht; wenn Menschen sich engagieren für Flüchtlinge, für Hungernde und Notleidende, für den Frieden in der Welt; wenn wir so viel Solidarität und Hilfe anderer erfahren, wie jetzt in dieser Zeit der Pandemie. Wir müssen zwar auf Distanz bleiben, waren uns aber dank der verschiedenen Kommunikationsmittel kaum einmal so nahe wie jetzt. Wenn ich echte Harmonie in der Partnerschaft und in der Familie erleben darf. Diese Variation erklingt vor allem, wenn uns Christus zusagt: Seid nicht verzagt! Habt Vertrauen! Werft trotz allem die Netze aus. Jeder einzelne ist wichtig für mich. Auch diese Variation hat das Thema: es ist der Herr!

Ob largo, ob allegro oder sonst eine Variation in unserem Leben, dieses Thema sollte die Kennmelodie der Christen sein. So wie jede Radio- oder Fernsehsendung ihre Erkennungsmelodie hat, so sollte jeder Christ diese Melodie ausstrahlen, die da heißt: es ist der Herr, der mir nahe ist in Leid und Freud.

„Wann ist Gott bei uns?“ – fragt der Religionslehrer. „Wenn wir glücklich sind“, sagt ein Bergbauernbub in der ersten Reihe, und er sagt es mit strahlenden Augen. Ein anderes Kind sagt: „Nein, Gott ist bei uns, wenn wir traurig sind.“ Beide haben Recht.

Das also ist die österliche Botschaft: es ist der Herr, der mir nahe ist in Leid und Freud. 

Abt Raimund Schreier OPraem

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