Datum: Mittwoch, 18. März 2020
Ort: Stift Wilten, Innsbruck

Liebe Freunde und Freundinnen unseres Stiftes Wilten!

 

Ein winzig kleines Virus hält die ganze Welt in Atmen – oder besser macht Atemprobleme, zwingt zu Maßnahmen, die wir vor allem in Mitteleuropa und in reichen Ländern überhaupt nicht kennen. Plötzlich müssen wir alle zu Hause bleiben, müssen auf sehr vieles verzichten. 

Ich möchte uns jedoch einladen, auch die positiven Aspekte dieser Krisenzeit zu sehen und zu erfahren.

Die Worte Quarantäne und Quaresima bedeuten 40. Quarantäne meinte früher: Wenn Schiffe Pestkranke an Bord hatten, durften sie 40 Tage lang nicht in den Hafen einfahren. Quaresima (so in den romanischen Sprachen) bedeutet Fastenzeit. Diese 40-tägige Fastenzeit oder österliche Bußzeit ist jetzt sowohl die Zeit der Quarantäne wie auch der Quaresima.

Nutzen wir sie, um auf vieles zu verzichten, dabei aber auch vieles zu gewinnen. So den Blick auf das Wesentliche, mehr Zeit als sonst für das Gebet, für die Feier der Hauskirche, für die Lektüre eines guten Buches, für das Lesen und Meditieren der Heiligen Schrift – besonders der Sonntagslesungen, für mehr Zeit in der Familie, für Kontakte mit Freunden, Einsamen und Kranken via Email, Telefon, WhatsApp, einen Brief.

Wir müssen jetzt auch auf die Feier der hl. Messe verzichten. Sicher feiern wir Priester im ganz kleinen Kreis im Kloster die hl. Messe und beten für Euch alle. Aber es gibt auch ein eucharistisches Fasten. So wie bei vielem werden wir dann nach der Pandemie die Feier der hl. Eucharistie vielleicht noch mehr schätzen und regelmäßiger besuchen. Es gibt auch ein Fasten von negativen Worten, von Schimpfen, Jammern und Maulen, ein Fasten vom Pessimismus, von Unzufriedenheit, vor allem vom Egoismus, um so jetzt mehr an die anderen zu denken, besonders an die, die viel Schlimmeres als wir erleiden müssen wie Krieg, Verfolgung, Flucht, Terror, Hunger und Durst. Es gibt auch ein Fasten von allzu vielen Worten, vom ständigen Reden, um so mehr auf die anderen zu hören, zuzuhören.

Wir Christen glauben, dass Jesus Christus auf verschiedene Weise unter uns gegenwärtig sein kann: Natürlich in erster Linie und in ganz dichter Weise in der heiligen Eucharistie. Er ist aber auch gegenwärtig in seinem Wort, im Gebet, im Kreuz und wo zwei oder drei in seinem Namen (d.h. in seiner Liebe, in seinem Frieden) versammelt sind. Deshalb schauen wir jetzt ganz besonders auf die Zeichen der Gegenwart, die in dieser Situation möglich sind. Dazu habe ich einen wunderschönen Text von Chiara Lubich aus dem Jahr 1960 gefunden. 

 „Auch wenn die Kirchen geschlossen werden, wer wird jedoch den lebendigen Tempel Gottes, nämlich Christus in unserer Mitte zerstören können? Und wenn es keine Sakramente mehr gibt, wie könnten wir nicht unseren Durst stillen an der Quelle lebendigen Wassers, die die lebendige Liebe unter uns ist, Christus in unserer Mitte?“ 

So wünsche ich uns in dieser auferlegten Quarantäne eine gesegnete Quaresima!

Abt Raimund Schreier OPraem
Stift Wilten, 17. März 2020

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