Abt Raimund Schreier Opraem beider Predigt am Gründonnerstag 2015

 

Es war am Abend vor seinem Leiden. „Da er die Seinen, die in der Welt waren, liebte, erwies er ihnen seine Liebe bis zur Vollendung“ (Joh 13,1) – und er begann, seinen Jüngern die Füße zu waschen.

Die Fußwaschung ist ein ganz wichtiges Symbol der jesuanischen Demut und Liebe. Beim Letzten Abendmahl hat Jesus nach der Überlieferung des Evangelisten Johannes dieses Zeichen der Liebe im Kreis seiner Jünger eingesetzt. Somit wird es zum Mandat, zum Auftrag an alle kommenden Generationen der Jünger Jesu. „Wenn nun ich, der Herr und Meister euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen“(Joh 13,14). 

 Die Fußwaschung folgt einem alten orientalischen Brauch der Gastfreundschaft. Der Hausherr oder einer seiner Bediensteten musste seinen Gästen die Füße waschen, bevor man sich zu Tisch begab. Man musste ja die Spuren der Reise beseitigen; denn die Füße waren meist sehr staubig. Es gab ja keine Asphaltstraßen. Aber neben der Reinigung konnte man durch diese Handlung dem Gast zeigen, dass man sich nun ganz in seinen Dienst stellt, und dass der Gast der Mittelpunkt des Beisammenseins ist. Im römischen Reich allerdings durften nur Sklaven die Füße der Gäste waschen. 

Dass nun Jesus selbst seinen Jüngern die Füße wäscht, das können die zuerst überhaupt nicht begreifen. Ja, Petrus weigert sich zunächst, sich von seinem Herrn und Meister die Füße waschen zu lassen (Joh 13,6). Aber Jesus sagt ihm ganz klar: „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keinen Anteil an mir“ (V.8). Daraufhin will sich der meist impulsive und auch mit Übertreibungen nicht sparende Petrus sogar den Kopf und die Hände waschen lassen. 

Dieses Beispiel der Demut und der Liebe hat schon sehr früh Eingang in die kirchliche Liturgie gefunden. Vor allem in den Kathedralen, in den Abteikirchen, wie auch in den Ostkirchen gehört die Fußwaschung am Gründonnerstag zum festen Bestandteil des Gottesdienstes. 

Die Fußwaschung ist jedoch nicht nur ein Ritual, sondern sie trifft einen wunden Punkt unserer Nachfolge Jesu: Da wird unser Gottesdienst direkt, da rückt er uns peinlich dicht auf den Leib, hautnah. Wir erwarten Jesus meist irgendwo oben im Himmel; aber wir finden ihn unten auf dem Boden.

In dieser Geste der Fußwaschung also wird die dienende und demütige Nächstenliebe konkret gezeigt. Der Bischof, der Abt, aber vor allem der Papst wäscht verschiedenen Vertretern der Gemeinden die Füße. Papst Franziskus geht heute Abend in ein Jugendgefängnis und wäscht dort Gefangenen die Füße. Bei uns hier sind es Mitglieder unserer Pfarrgemeinde; es ist ein Stellvertreter der Mitarbeiter unserer Abtei; es ist stellvertretend für alle, die für unser Stift amtlich wie auch ehrenamtlich arbeiten, unser Rechtsberater; weiters der Leitende Komtur der Ritter vom Heiligen Grab, die sich für die Christen im Heiligen Land einsetzen, und heute auch ein Gast aus unserem Waldhüttl in Mentlberg, Stefan, ein Roma. Er vertritt Flüchtlinge und Arme.

Fußwaschung bedeutet, dem anderen in seinen ganz elementaren Bedürfnissen nahe zu sein. Das geschieht häufig lautlos, im Verborgenen, wie z. Bsp. in der Pflege älterer Menschen in vielen Familien; es geschieht, wenn ich einmal für den anderen „Klagemauer“ sein darf, oder ihm einfach Zeit schenke, damit er sich aussprechen kann. Das geschieht, wenn ich mit jemandem teile, der in materieller Not ist.

Bei der Fußwaschung verdeutlicht also Jesus, dass er ein Beispiel der demütigen Liebe gibt. Es ist seine alles durchdringende und einschließende Liebe, die sich in diesem Zeichen der Fußwaschung ausdrückt. 

In der Hofburg gab es vor kurzem eine ganz tolle Ausstellung. Künstler aus der ganzen Welt, aber auch Schulklassen von Innsbruck haben ihre Werke ausgestellt unter dem Motto „Speak together“. In ihren Kunstwerken wollten alle zum Ausdruck bringen, dass der Dialog für unser Menschsein etwas ganz Wesentliches ist, und dass es nicht nur die Sprache der Worte gibt, sondern auch die Sprache der Zeichen, der Symbole, die Sprache der Kunst, aber vor allem die Sprache der Liebe. 

Die Sprache der Liebe ist die Sprache, die alle Menschen verstehen. Anlässlich dieser Ausstellung hat der chinesische Künstler Hung auch Schulklassen besucht und dort Workshops gemacht. Sehr oft wurde ihm von den Schülern die Frage gestellt: Was heißt auf Chinesisch Liebe und wie schreibt man das? Er hat es ihnen aufgeschrieben und auch bei der Ausstellung gezeigt. 

Das chinesische Wort für Liebe (ai) besteht aus drei Symbolen

• aus einem Hut oder einer Krone, 

• aus einem Herz 

• und aus einem Zeichen der Verkettung und Verlinkung, Symbol für Freundschaft. 

Dieses chinesische Zeichen zeigt, was in dem einen Wort Liebe alles steckt, was Liebe alles beinhaltet. 

Der Hut oder die Krone sind Zeichen für Höflichkeit, für Respekt, für Anstand und Würde.

Das Herz wiederum ist Zeichen für das Gefühl, für Mitleiden – Kompassion, für Toleranz, für Geduld, für das Wartenkönnen, für die Tugend der Barmherzigkeit.

Und das Seil oder die Verlinkung ist Zeichen für die Freundschaft, für die Verbindung, die langlebig, dauerhaft sein soll; es ist Zeichen der Beziehung wie auch Zeichen des Anders-sein-dürfens. 

Übrigens haben Psychologen bestätigt, dass man die psychische Gesundheit eines Menschen messen kann an seiner Beziehungsqualität: Wie viele Freundschaften hast du, wie tief sind sie? Wie lange halten sie an?

In der Fußwaschung also zeigt uns Jesus ganz konkret seine Liebe. Und er möchte, dass auch wir den anderen die Füße waschen, dass wir den anderen unsere demütige Liebe zeigen. „Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen“ Amen. 

 

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