Abt Raimund Schreier OPraem

Ein Gespenst geht um in Europa…“, so begann vor mehr als 100 Jahren das kommunistische Manifest. Ein Gespenst geht um in unserer heutigen Gesellschaft, durch alle Berufe hindurch, besonders bei führenden und leitenden Funktionären in Politik, Wirtschaft und Kirche. Dieses Gespenst heißt: Resignation, Müdigkeit, am Ende sein. Die Psychologen sprechen vom „Burnout“ – „ausgebrannt sein“. Inzwischen werden für solche Menschen mit diesem Burn-out-Syndrom eigene Kliniken gebaut. Sie sind bereits alle überfüllt.
Menschen, oft in der Lebensmitte, sind am Ende, kommen nicht mehr weiter. Sie haben sich die Latte zu hoch gesteckt. Sie sind an ihren eigenen und von außen erwarteten viel zu hohen Ansprüchen gescheitert. Was oft mit Begeisterung, zu großem Einsatz und Idealismus begonnen hat, das endet manchmal mit totaler körperlicher Erschöpfung, Rückzug, Resignation, psychosomatischen Erkrankungen, Depressionen, Sucht, im Extremfall sogar mit Selbstmord.

Dieses Gespenst ist eigentlich nicht neu. Das hat es immer schon gegeben. Vielleicht nicht so krass wie heute.
Wir haben eben in der Lesung des heutigen 19. Sonntags im Jahreskreis B eine Geschichte gehört, die hat sich vor fast dreitausend Jahren abgespielt. Und sie zeigt uns, dass es auch damals dieses Gespenst gegeben hat.

Elia, der große Prophet Gottes, er hatte eben 450 Baalspriester erfolgreich besiegt; er hatte Unglaubliches geleistet für die Sache Gottes; er war angesehen, jetzt auch in der heidnischen Welt des kanaanitischen Fruchtbarkeits- und Wettergottes Baal. Denen hat er nämlich gezeigt, dass letztlich der Gott Israels Macht hat über die Natur. Aber nun ist plötzlich alles aus. Elia muss fliehen. Die Königin Isebel, die Schutzherrin der getöteten Baalspriester, droht ihn umbringen zu lassen. Sein ganzer Erfolg, sein ganzer Einsatz ist mit einem Schlag zunichte gemacht. Er rennt in die Wüste. Todmüde und erschöpft setzt er sich unter einen Ginsterstrauch und möchte sterben. Elia kann nicht mehr. Er ist am Ende. Er ist ausgebrannt. Das also ist die Geschichte der Elias-Müdigkeit, wie man im Mittelalter den Zustand resignierter Erschöpfung umschrieben hat: Das Burnout. Dieses Wort wurde übrigens erst 1974 vom deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger erfunden.
Aber im Gegensatz zu heutigen Situationen endet die Geschichte nicht unter dem Ginsterstrauch. Gerade darin zeigen sich diese Kapitel aus dem ersten Buch der Könige im Alten Testament so hilfreich. Sie zeigen Grundzüge von Vorbeugung und Heilung, von Therapie.

1. Und in der Tat: Es geschieht etwas Erstaunliches. Wir lesen: „Doch ein Engel rührte ihn an und sprach: Steh auf! “ (1Kön 19,5). Gott also schickt einen Boten, der Elia anrührt. Er wird berührt. Die Begegnung berührt ihn. Wenn mich etwas anrührt, bringt es mein Inneres in Bewegung, rührt es mich vielleicht zu Tränen. Etwas Verhärtetes in mir wird gelöst.
Menschen in solchen Nöten brauchen Engel, die sich ihnen ganz zuwenden, die ihnen zuhören, Geduld haben, Zeit haben für sie, die ihre Traurigkeit und ihr Leid teilen und nicht gleich mit Ratschlägen kommen; die ihnen Liebe schenken und Geborgenheit.
Gerade als Resignierende, als Hoffnungslose brauchen wir den Partner, mit dem wir uns gut verstehen; das Kind, das Freude macht; den Freund, der in der rechten Stunde zur Seite steht; den Gesprächspartner, der mir aufmerksam zuhört; den Arzt, der sich um meine Gesundheit müht; den Beamten am Schalter, der mir weiterhilft in bürokratischen Fragen; die Pfarrgemeinde, die mich im Glauben stützt; den Priester, der mich von meinen Belastungen befreit; den Beter, dem ich meine Sorgen mitteilen darf. Wir brauchen Menschen, die zu uns immer wieder sagen: Steh auf!

2. Und da gibt es noch das Brot und den Krug Wasser, der Elia stärken soll, um weiterzugehen für einen 40tägigen und nächtlichen Marsch zum Gottesberg Horeb. Es heißt nämlich weiter: „Steh auf und iss! “ Auch uns bietet Gott Nahrung an, damit wir auf unserem Lebensweg weitergehen können, immer näher zu Gott.
Er schenkt uns Speise, seine Speise, sich selbst, wie wir im Johannesevangelium eben gehört haben: „Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist“ (Joh 6,41). Er schenkt uns die heilige Eucharistie, die wir jeden Tag, Sonntag für Sonntag feiern dürfen. Hier bietet er uns an das Lebensbrot, das Lebensmittel, das uns Kraft und Mut gibt für unseren oft beschwerlichen Weg.
Er schenkt uns als Nahrung des Weiteren sein Wort, damit wir seinen Willen erkennen: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat“ (Joh 4,34). Hören wir nicht auf, das Wort Gottes jeden Tag zu lesen und zu meditieren. Daraus können wir immer wieder Kraft schöpfen für unser Christsein.
Es ist auch das Gebet, das Gespräch mit Gott, in dem er uns sein Hilfe zusagt, seine Nähe.
Es sind seine Sakramente, durch die Gott uns an sichtigen Stationen unseres Lebens begleitet, stützt und aufrichtet.
Es sind die heiligen Orte, Wallfahrtsorte, an denen wir etwas vom Heil Gottes spüren, erfahren dürfen. Solche Orte sind heilsame Orte, sind Biotope für die Seele, an denen Christus uns sagt: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, die ihr schwere Lasten zu tragen habt, die ihr nervös und aggressiv, angespannt und workaholic, eben burnout seid, ich werde euch Ruhe verschaffen! (vgl. Mt 11,28 ff.)

Liebe Mitchristen!
Burnout heißt das herumschleichende Gespenst. Aber dagegen steht das Wort der Heiligen Schrift: „Steh auf und iss!

Der hl. Laurentius hat als Diakon die Armen zu sich gerufen, diejenigen, die materiell und manchmal auch seelisch burnout waren, ausgebrannt, am Ende. Mit ihnen hat er alles geteilt. Die ersten Christen haben ja zu jedem Gottesdienst an Nahrung und Kleidung und anderen Lebensmitteln alles mitgebracht, was sie im Überfluss hatten, um es mit den Armen zu teilen. Das war Aufgabe der Diakone. Und er hat ihnen besonders durch das Wort Gottes eine geistliche Nahrung geschenkt.

Seien auch wir Engel oder Heilige - wie Laurentius, die ausgebrannte Menschen berühren und ihnen Nahrung schenken und zu ihnen sagen: Steh auf und iss! So sei es!

Newsletter

Wenn Sie unseren regelmäßig erscheinenden Newsletter abonnieren wollen, geben Sie bitte hier Ihre Daten ein:

Anschrift

Stift Wilten
Prämonstratenser-Chorherren
Klostergasse 7
6020 Innsbruck
Tirol, Österreich
Telefon: +43 512 583048

email


Klosterladen

An der Pforte unseres Stiftes finden Sie unseren Klosterladen. Wir freuen uns auf Ihren Besuch auch auf unserer facebook-Seite


Volltextsuche

Stift Wilten, Innsbruck

powered by webEdition CMS