Das Leiden und Sterben unseres Herrn Jesu Christi nach dem hl. Evangelisten Matthaeo von Johann Theile (5. Fastensonntag, 22. 3. 2015, 20.00 Uhr Stiftskirche Wilten)

Liebe Andächtige!

Es war einer der Höhepunkte des Heiligen Jahres 2000

Papst Johannes Paul II. sprach bei einem großen Gottesdienst im Petersdom in Rom ein umfassendes Schuldbekenntnis. Dabei bat er Gott um Verzeihung für alles Unrecht, das Amtsträger in der Kirche Menschen zugefügt haben. Auch hat Papst Johannes Paul II. den „Sonntag der Barmherzigkeit“ eingeführt; es ist der erste Sonntag nach Ostern, der Weiße Sonntag, an dessen Vorabend im Jahre 2005 er auch gestorben ist. 

Inzwischen hat Papst Franziskus ein außerordentliches Heiliges Jahr 2016 ausgerufen: das „Jubiläum der Barmherzigkeit“. Es wird das Lesejahr der Kirche des Evangelisten Lukas sein, der den Ehrennamen trägt „Evangelist der Barmherzigkeit“. Außerdem hat Papst Franziskus vor zwei Jahren seinen Bischofswahlspruch auch zum Papstwahlspruch gemacht; damit steht das Thema der Barmherzigkeit im Zentrum dieses Pontifikates: „Miserando atque eligendo“ – „mit Erbarmen und Erwählen“. 

Der Cantus firmus der biblischen Heilsgeschichte ist die Botschaft von der Barmherzigkeit, von der Vergebung, vom Erbarmen Gottes gegenüber uns Menschen. 

Jesus von Nazareth hat die Vergebung Gottes nicht nur verkündet, sondern auch den Menschen in der Kraft Gottes zugesprochen. Zu ihrer Erfüllung kommt die Vergebung Gottes im Tod am Kreuz. Jesus vergibt selbst denen noch, die ihn ans Kreuz geschlagen haben. Wenn Jesus selbst seinen Mördern vergibt, dann dürfen auch wir auf seine Vergebung jeder noch so großen Schuld vertrauen. 

Der Evangelist Matthäus, dessen Leidensgeschichte wir in dieser Stunde betrachten, hat die Vergebung als die zentrale Grundhaltung für die christlichen Gemeinden beschrieben. In seinem 18. Kapitel setzt Matthäus einzelne Worte Jesu zu einer eigenen Rede zusammen, die sich mit dem Leben in der christlichen Gemeinde befasst. Da meint Petrus, er habe Jesus gut verstanden, wenn er, statt wie seine jüdischen Brüder zwei bis drei Mal zu vergeben, so-gar bereit ist, sieben Mal Vergebung zu gewähren. Doch Jesus setzt der Vergebung keine Grenzen. „Nicht sieben Mal, sondern 77 Mal“ (Mt 18,22) sollen wir einander vergeben. Die Zahl 77 bedeutet eine unendliche Zahl. Der Christ soll bereit sein, immer wieder von neuem zu vergeben, weil auch Gott ihm täglich neu vergibt. 

In der letztgehörten Szene der Matthäuspassion haben wir auch von der Vergebung Jesu gehört. Petrus folgt ganz heimlich dem gefangenen Jesus bis hinein in den Hof des Hohen Rates, wo Jesus verhört wird. Dabei wird Petrus von zwei Frauen als Jünger Jesu erkannt. Er aber leugnet, er lügt. Er beteuert, dass er mit diesem Jesus nichts zu tun habe. Auch andere Leute kommen auf ihn zu und sagen: Auch du gehörst zu ihnen, nämlich zu diesem Kreis von Jesus von Nazareth; deine Sprache, dein Dialekt aus Galiläa verrät dich ja. Und Petrus fängt an zu fluchen und sogar zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht. Gleich darauf kräht ein Hahn. Und Petrus erinnert sich an das, was Jesus ihm vorausgesagt hatte: „Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen“. Petrus hatte damals hoch und heilig beteuert, dass er Jesus niemals verlassen würde; ja, dass er sogar bereit wäre mit ihm ins Gefängnis und in den Tod zu gehen (vgl. Lk 22,33). Petrus erkennt, dass er seinen Herrn und Meiser nun verraten hat. Er geht hinaus und weint bitterlich. Die Tränen sind Zeichen seiner Reue. 

Der Evangelist Lukas ergänzt hier noch einen ganz wichtigen Satz: „Da wandte sich der Herr um und blickte Petrus an … und er ging hinaus und weinte bitterlich“. Dieser Blick Jesu ist nicht vorwurfsvoll, dieser Blick Jesu bedeutet Verzeihen, Erbarmen. Es ist ein verzeihender Blick. Das ist das „Voraus“ absoluter Absolution, absoluter Vergebung. Weil Jesus ihm vergibt, kann er seine Schuld einsehen, kann Petrus bereuen.

In der wunderbaren eben gehörten Arie haben wir die Gewissens-frage gehört: „Wird Gott keine Gnade senden, dass ich drei Mal meinen Gott verleugnet?“ Und dann im Ritornell die tröstliche Ermunterung: „Weint, ihr Augen, Tränenquellen, zu bereuen meine Schuld … ich liege hier und bitte tränend dich um Gnade“. Gnade, das ist Erbarmen, das ist Barmherzigkeit. Gott hat ein Herz für die Armen, für die Sünder. Er schenkt Verzeihung, schon bevor ich etwas einsehe oder bereue. Deshalb singen wir auch in der Osternacht im Exultet von der „glücklichen Schuld“, die Voraussetzung ist für die Barmherzigkeit Gottes. 

Die biblische Heilsgeschichte ist also die Geschichte von der Barmherzigkeit Gottes. Sie ist aber auch eine Einladung, eine Aufforderung an alle, mit den Mitmenschen Erbarmen zu haben, Verzeihung zu gewähren. Matthäus begründet diese Forderung nach Vergebung ohne Grenzen mit dem berühmten „Gleichnis vom barmherzigen Gläubiger“. Dieses Gleichnis zu Hause zu lesen möchte ich Sie einladen: Mt 18, 23-35. Da ist ein Knecht, vermutlich der Statthalter des Königs, der dem König 10.000 Talente schuldet. Das ist eine fantastisch große Summe; das wären etwa 20 Millionen Euro. Wenn man bedenkt, dass 10.000 die größte Zahl ist, mit der der Altorientale überhaupt rechnet, und dass das Talent die größte Geldeinheit darstellt, die es im vorderasiatischen Raum gibt, kann man ermessen, dass es sich dabei um eine Schuld handelt, die der Gläubiger unmöglich bezahlen kann. Er ist auf Gedeih und Verderb geradezu bedingungslos auf Schuldenerlass und Vergebung elementar angewiesen. 

Indem Jesus von dieser großzügigen Vergebung erzählt, erwartet der Zuhörer, dass der Statthalter voller Dankbarkeit nun auch barmherzig mit seinen Mitmenschen umgeht. 

Dass wir einander vergeben sollen, ist keine übergroße Leistung, die Jesus von uns verlangt, sondern eigentlich Ausdruck der Dankbarkeit für die unermessliche Vergebung, die wir von Gott erfahren. Es gibt keinen Grund, einander nicht zu vergeben. 

Vergebung ist nach Matthäus die Ermöglichung von menschlicher und christlicher Gemeinschaft. Ohne Vergebung gibt es nur ein gegenseitiges Vorrechnen und Aufrechnen, nur den Teufelskreis von Vergeltung und Wiedervergeltung. 

 Auch der Apostel Paulus sieht die Vergebung als die Grundlage christlicher Gemeinde, wenn er an die Kolosser schreibt: „Ertragt euch gegenseitig und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“ (Kol 3,13).

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