Kreuz im Stift Wilten

Am 2. April 2005, also gestern vor 10 Jahren, es war der Vorabend des Barmherzigkeitssonntags, ist Papst Johannes Paul II. in das Haus des Vaters heimgekehrt. So wie seine Vorgänger Johannes XXIII. und Paul VI. hat er die Frage nach der Barmherzigkeit immer wieder in die Mitte der kirchlichen Verkündigung und Praxis gestellt. Ihm ist das Thema der Barmherzigkeit nicht am Schreibtisch eingefallen. 

Dieser Papst hat wie kaum ein anderer die Leidensgeschichte der Zeit gekannt und sie am eigenen Leib erfahren. Er war in der Nähe von Auschwitz aufgewachsen; er hat in seiner Jugend, in seinen frühen Priesterjahren und seiner Krakauer Bischofszeit brutale totalitäre Systeme erlebt und viel Leid im eigenen Volk und im eigenen Leben erfahren. Sein Pontifikat war von den Folgen eines Attentats und in den letzten Jahren von persönlichem Leiden geprägt. Das Zeugnis seines Leidens war eine stärkere Predigt als seine vielen Predigten und seine zahlreichen Schreiben. So hat er die Botschaft von der Barmherzigkeit zum Leitthema seines langen Pontifikats gemacht. Er hat sie der Kirche des 21. Jahrhunderts ins Stammbuch geschrieben. 

Seine erste Heiligsprechung im neuen 3. Jahrtausend galt am 30. April 2000 bewusst und programmatisch dem Thema der Barmherzigkeit. Denn an diesem Tag hat er die polnische Schwester und Mystikerin Faustina Kowalska (gest. 1938) heilig gesprochen. Diese einfache Schwester hat in ihren Aufzeichnungen ganz im Sinn der Bibel die Barmherzigkeit Gottes als die größte und höchste der Eigenschaften Gottes bezeichnet und sie als die göttliche Vollkommenheit schlechthin herausgestellt. 

Und bei seiner Begräbnisfeier am 8. April 2005 hat der damalige Kardinal Ratzinger als Kardinaldekan auf dem Petersplatz die Barmherzigkeit als das Anliegen seines Vorgängers herausgestellt und dieses Anliegen als Selbstverpflichtung übernommen. Er sagte: „Er (das ist Papst Johannes Paul II.) hat uns das österliche Geheimnis als das Geheimnis der göttlichen Barmherzigkeit aufgezeigt. In seinem letzten Buch schreibt er: ‚Die dem Bösen gesetzte Grenze ist letztendlich die göttliche Barmherzigkeit.‘“

Selig die Barmherzigen, denn sie werden Erbarmen finden“ (Mt 5, 7). Im griechischen und lateinischen Text kommt dieser gegenseitiger Austausch der Barmherzigkeit besser zum Ausdruck: Beati misericordes: quoniam ipsi misericordiam consequentur. Selig die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen. Diese Seligpreisung Jesu ist eine Konkretion der Nächstenliebe. Barmherzigkeit – misericordia: Ein Herz haben für den, der im Elend ist, der arm, der ein Sünder ist, der schwer gefehlt hat. Wer ein Herz hat für den anderen, der kann ihm auch vergeben. Im Verzeihen zeigt die barmherzige Liebe erst ihre wahre Größe.

Heute am Karfreitag stehen wir vor dem enthüllten Kreuz Jesu. Es sagt uns: Jesus hatte eine solch radikale Liebe, ein so großes Herz, so große Barmherzigkeit, dass er sein Leben hingegeben hat für uns Menschen. Durch diesen Tod am Kreuz hat er die Welt mit Gott versöhnt. Und an diesem Kreuz betet Jesus: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!

Das Kreuz Jesu ist das Wort, mit dem Gott auf das Böse in der Welt geantwortet hat. Manchmal scheint es, als antworte Gott nicht auf das Böse, als verharre er im Schweigen. In Wirklichkeit hat Gott gesprochen, er hat geantwortet, und seine Antwort ist das Kreuz Christi: ein Wort, das Liebe, Barmherzigkeit und Vergebung ist.

Das Wort vom Kreuz ist auch die Antwort der Christen auf das Böse, das immer noch in uns und um uns wirkt. Die Christen müssen auf das Böse mit dem Guten antworten, indem sie wie Jesus das Kreuz auf sich nehmen.

Bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz am 13. Mai 1981 feuerte der türkische Rechtsextremist Mehmet Ali Ağca aus nächster Nähe mindestens zwei Pistolenschüsse auf Johannes Paul II. Eine Kugel hat den Papst an der linken Hand und an der Schulter getroffen, eine zweite ist in seinen Unterleib gedrungen. Sofort in das römische Gemelli-Krankenhaus gebracht, konnte sein Leben durch eine fünfstündige Operation gerettet werden. Noch im Krankenbett hatte Papst Johannes Paul II. seinem Attentäter vergeben. Noch größer war das Aufsehen, als nach seiner Genesung der Papst ins Gefängnis fuhr, dort seinen Attentäter in der Zelle besuchte, mit ihm unter vier Augen sprach, ihn umarmte und dann ihm seinen Mordversuch verzieh, ihm Verzeihung schenkte.

Nach dem Vorbild Jesu sollen auch wir den Menschen Barmherzigkeit erweisen, sollen auch wir verzeihen – so sagt uns der Blick auf das Kreuz. Deshalb gilt das Wort des Apostels Paulus: „Vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat“ (Eph 4,32) und: „Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!“ (Kol 3,13). 

In dieser Nacht muss ein einziges Wort verbleiben – das Kreuz. Es ist DAS Zeichen der Barmherzigkeit, das Zeichen der Vergebung.

„Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung“.

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