Marc Kardinal Ouellet im Stift Wilten

 

 

BEKEHRUNG DES HEILIGEN NORBERT

BISCHOF UND GRÜNDER DES ORDENS DER PRÄMONSTRATENSER

HOMILIE

Sir 50, 1-14; Röm 12, 1-8; Mt 5, 1-12

 

Liebe Freunde,

die Bekehrung des Heiligen Norbert ist mit einem starken Unwetter verbunden, das ihn im Jahr 1115 auf dem Weg nach Vreden überraschte. Seine Seele war verwirrt und betrübt aufgrund der dramatischen Vorgänge in der Christenheit. In jener Zeit hatten nämlich die Bischöfe und die regionalen Konzilien wegen des Investiturstreits Kaiser Heinrich V. exkommuniziert, dem Norbert diente. Jetzt war er zwischen zwei Loyalitätsverpflichtungen hin- und hergerissen und wusste nicht mehr, was er denken sollte.

Norbert wird von dem Unwetter völlig überrascht. Er wird von einem Blitz erfasst, der ihn zu Füβen seines Pferdes auf den Boden schleudert. Als er wieder zu sich kommt, ist ihm, als höre er die Worte des 33. Psalms: “Meide das Böse und tu das Gute. Suche den Frieden und jage ihm nach”.

Und tatsächlich, nachdem die Gnade Gottes lange Zeit in ihm gewirkt hatte, ganz nach dem Beispiel des berühmten Augustinus von Hippo, entscheidet Norbert sich schließlich, sein Leben zu ändern. Er ist im Alter von 33 Jahren, ist kaiserlicher Kanoniker, also weltlicher Kleriker im kirchlichen Stand, allerdings ohne die Weihen empfangen zu haben. Kaiser Heinrich V. (der fünfte) hatte ihm schon den Bischofssitz von Cambrai angeboten, den Norbert jedoch abgelehnt hatte wegen des Investiturstreits, in dem sich der Kaiser gegen Papst Pachalis II. aufgelehnt hatte. Bei der Krönung Heinrichs V. im Jahre 1111, hatte der Papst ihn aufgefordert auf die Laieninvestitur zu verzichten, weil sie der Reform der Kirche im Wege stand. Der Kaiser aber hatte dies, unter dem Druck des deutschen Klerus, der nicht auf seine weltlichen Privilegien verzichten wollte, abgelehnt.

Norbert, der die Zurückweisung des Papstes durch den Kaiser in Rom selbst miterlebt hatte, war verwirrt. Er sah sehr klar, dass die Gregorianische Reform die Kirche von ihrer weltlichen Macht und vom Handel mit kirchlichen Ämtern befreien musste, auf der anderen Seite jedoch war er selbst Teil und Gefangener dieses Systems. Diesen jungen Kirchenmann - aus adliger Familie und von hoher Bildung, reich begabt, geschätzt und bewundert, beachtet wegen seiner Eloquenz, herausragend am Hof des Erzbischofs von Köln und dann im kaiserlichen Gefolge -, nur eine mächtige Gnade konnte ihn von sich selbst befreien.

Wie der Völkerapostel (Paulus), wird er bei jenem Unwetter auf dem Weg nach Vreden durch die Gnade Gottes zu Boden geworfen und während er den Weg zurückgeht, ereignet sich in seiner Seele eine tiefe Bekehrung. Unter der Führung des Abtes der Benediktinerabtei Siegburg beginnt er einen ernsthaften Weg der Vereinigung mit Gott, indem er sich ausgiebig der lectio divina widmet und einen Bußgürtel anlegt. Er verzichtet auf sein Kanonikat und seine weltlichen Güter und bekräftigt seine Entscheidung, gemäß dem Evangelium zu leben, indem er “den neuen Menschen” anzieht und dem Geist der Seligpreisungen folgt. Jetzt bittet er um die Heiligen Weihen, in der Absicht, sie, ganz im Sinne der Gregorianischen Reform, auszuüben in einer armen und tief religiösen Lebensweise. Aus diesem Grunde wählt er später die Lebensform der Regularkanoniker nach der Regel des Heiligen Augustinus, im Gegensatz zur Lebensweise der Säkularkanoniker, die er für verweltlicht hält.

Heute, in dieser Stunde der Erneuerung der Kirche durch Papst Franziskus, würden wir sagen, dass der Klerus von damals nicht nur von einer Verweltlichung im geistlichen Sinne erfasst war, sondern von einer Weltlichkeit ganz allgemeiner Art, denn die kirchlichen Ämter hatten oft Prälaten von geringer Bildung inne, die einen laxen, wenn nicht unwürdigen Lebenswandel führten und mehr Interesse an ihrem weltlichen Besitz hatten als an der Seelsorge. Seine Bekehrung führt Norbert vor allem in ein intensives Gebetsleben, hin zur Armut in der Nachfolge Jesu und schließlich zum völligen Vertrauen auf die Göttliche Vorsehung. Nach dem Empfang der Weihen kennzeichnen ihn das Wanderpredigertum und die tägliche Feier der Heiligen Messe, was unter den Priestern seiner Zeit alles andere als üblich war.

Die Bekehrung des Heiligen Norbert kennt gewiß einen aufsehenerregenden Moment, aber sie besteht vor allem in einem langen Prozess, der, ausgehend von seiner Person, eine gewaltige Jüngerschar umfasst, die mit ihm die vita apostolica angenommen haben, nach dem Beispiel der ersten Gemeinschaft in Jerusalem, die sich um die Jungfrau Maria und die Apostel gebildet hat. Norbert hat sich dann (im Jahr 1120)  für einige Jahre in Prémontré niedergelassen, bevor er im Jahr 1126 zum Erzbischof von Magdeburg ernannt wurde, von wo aus er, zum Erstaunen seiner Zeitgenossen, die Reform der Kirche und des Klerus mit unermüdlichem Eifer fortsetzte.

Ich bin froh und dankbar, dass ich hier in Stift Wilten vor 42 Jahren begonnen habe den Heiligen Norbert kennenzulernen, und dass ich heute, aus Anlass des 900. Jahrestages seiner Bekehrung, hierher zurückkehren darf. Das Evangelium der Seligpreisungen, das uns soeben verkündet wurde, ist dieses Licht vom Himmel, das den Heiligen Norbert getroffen und aus seiner Verweltlichung herausgeführt hat, indem es ihm seine Sünden vor Augen führte und sein Herz so berührte, dass er – zuinnerst verwandelt - zu einem Herold für die Erneuerung der Kirche wurde, einer Reform durch die Heiligkeit des Klerus. 

Miserando atque eligendo. Die Erinnerung an Norberts Bekehrung, lässt mich an dieses Motto von Papst Franziskus denken, das inspiriert ist von einem Kommentar Beda des Ehrwürdigen zur Berufung des Matthäus. Jesus hat den Sünder Matthäus mit einem Blick der Barmherzigkeit angesehen: miserando, aber er hat in ihm vor allem den Apostel erblickt, der er dank der Gnade werden konnte: atque eligendo. Das Motto betont die erwählende Liebe Jesu, welche den Sünder in einen Verkünder des Evangeliums verwandelt. Und es ist Matthäus, der uns die Aufzählung der Seligpreisungen überliefert hat, dieses authentische Portrait Jesu, der die Kirche durch die Jahrhunderte begleitet, indem er immer wieder das Ideal der vita apostolica in ihr wachruft, das im 12. Jahrhundert den “Prinz des Nordens” ergriffen und so der Lebensform des Prämonstratenserordens Gestalt verliehen hat. 

Lectio divina, Armut und gemeinsames Leben, Marienfrömmigkeit, mit einer schoenen Liturgie an erster Stelle, all diese Charakteristika des Ordens gestalten ihn zu einer freudigen Gemeinschaft österlicher Couleur, die seit nunmehr neunhundert Jahren die Wahrheit und Schönheit des Evangeliums bezeugt. Indem wir gemeinsam dieses große Jubiläum der Bekehrung Norberts feiern, lasst uns von Neuem, von ganzem Herzen, die eindringliche Ermutigung des Heiligen Paulus an die Römer aufnehmen:

“Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst. Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist. “

Diese vom Heiligen Geist inspirierten Worte haben ihre Gültigkeit für jede Epoche, für die Gregorianische Reform wie für jene des Zweiten Vatikanischen Konzils, die Franziskus heute vorantreibt durch seinen Aufruf zu einer missionarischen Bekehrung der ganzen Kirche in dieser Stunde der Globalisierung. Unter dem kraftvollen Impuls dieses charismatischen Papstes, der aus einem großen  Missionsorden hervorgegangen ist, sehen wir alle charismatischen Gemeinschaften, die im Laufe der Jahrhunderte zum Dienst am Evangelium aufgeblüht sind, bestätigt und wiederbelebt – neuen Horizonten missionarischer Heiligkeit entgegen. Die zahlreichen Heiligsprechungen von Missionaren und Kirchengründern, die Franziskus seit seiner Wahl vorgenommen hat, eröffnen geradezu den missionarischen Horizont für einen universalen Appell zur Heiligkeit.

Der gleiche missionarische Geist hat den Heiligen Norbert im zwölften Jahrhundert bewegt, als er ihn unablässig umhertrieb um vom Himmel jenes Feuer des Wortes Gottes auf seine Zeitgenossen herabzurufen, das zuvor ihn selbst aus seiner Verweltlichung aufgerüttelt hatte. Er ist also nach dem Beispiel Simeons aus dem Buch Jesus Sirach jener Hohepriester geworden, zu dessen Zeit “das Gotteshaus ausgebessert“ und  “der Tempel befestigt” wurde. „Wie herrlich, […] wenn er emporstieg zum erhabenen Altar. […] Rings umgab ihn der Kranz seiner Brüder, wie junge Zedern auf dem Libanon“. 

Liebe Freunde, die Dankbarkeit, die uns an diesem festlichen Tag innewohnt, führt uns an das Fundament des Charismas Eures Ordens: die Bekehrung des Heiligen Norbert. Hier liegt für jeden von uns dieses Licht des Wortes Gottes, das unser Leben erhellt, reinigt und verwandelt. In dieser fruchtbaren Zeit der Erneuerung, bekräftigt durch das Zeugnis so vieler Märtyrer, sind wir alle zu einer Gewissenserforschung eingeladen, mit Herzen, die geöffnet sind für die Gnade des Heiligen Geistes. Wenn wir dem Beispiel des Heiligen Norbert folgen, können wir nicht Gefangene von Systemen bleiben, von Gewohnheiten oder eines zweifelhaften Lebenswandels, welche der Verkündigung des Evangeliums im Wege stehen. Lassen wir uns die Freude des Evangeliums nicht rauben!

Bitten wir Gott, auf die Fürsprache des Heiligen Norbert, dass er die schöpferische Treue des Prämonstratenserordens erneuern möge – entsprechend dem Charisma, das ihm zur Erneuerung der Kirche geschenkt wurde. Beten wir auch um die Gnade der Heiligung der Priester, auf dass die missionarische Bekehrung, die das Zweite Vatikanische Konzil und die heiligen Päpste unserer Zeitstunde beabsichtigt haben, schließlich die ganze Kirche wahrhaft ergreift.

Möge unser österliches Opfer, das wir Gott in Gemeinschaft mit der Himmelskönigin, mit den Engeln und den Aposteln, im kontemplativen und apostolischen Geist des Heiligen Norbert darbringen, uns mit ihm vereinen in der Anbetung Gottes und im apostolischen Einsatz, der darauf zielt, der ganzen Welt das Glück eines Lebens nach dem Evangelium zu entdecken.

Amen!

 

Marc Kardinal Ouellet

Stift Wilten, Innsbruck, Österreich

6. Juni 2015

 

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