Seit Jahren reist der Schrein mit den Reliquien der hl. Thérèse vom Karmel von Lisieux durch die Welt. Heute steht dieser Schrein im Innsbrucker Karmel. Es scheint, als ob die hl. Thérèse nicht müde wird, durch die Welt zu wandern; um als Missionarin und jüngste Kirchenlehrerin Seelen für Gott zu gewinnen.

Dabei hat Thérèse Martin nie Theologie studiert und außer ein paar Briefen, Gedichten, Gebeten und Theaterstücken keine theologischen Werke hinterlassen. Weniger durch große Taten als vielmehr durch die „Wissenschaft der Liebe“ ist die hl. Thérèse von Lisieux der ganzen Welt bekannt und ein Vorbild für unzählige Menschen geworden. Das Gebet vor ihrem Reliquienschrein, bei dem die Gläubigen immer wieder Rosen ablegen, nimmt eines ihrer Worte auf: „Ich werde im Himmel nicht ausruhen, sondern Gutes tun auf Erden; ich werde Rosen regnen lassen“.

Deshalb möchte ich im Anblick und im Duft der vielen Rosen diese wunderschöne Blume als Chiffre nehmen für die Botschaft, die uns die kleine hl. Thérèse heute wieder ins Herz legen möchte.

Die Rose ist in vielen Kulturen auf Grund ihres Duftes, ihrer Schönheit und ihrer Vergänglichkeit Symbol für Liebe, Paradies und Tod. Die Rose kann uns also Entscheidendes sagen über die Liebe.

1. Wir staunen über das Wunder der roten Blüte. Sie strahlt Schönheit aus, Wärme und Zärtlichkeit. Rot ist die Farbe der Liebe, auch der Passion, des Leidens und damit der Leidenschaft. Rot weist auf „rota“, „das Runde“, auf die Kreisform, die wiederum ein Symbol für das Göttliche ist.

Am Dreifaltigkeitssonntag 1895 – es ist ein strahlender Frühlingsmorgen: Während der Eucharistiefeier empfängt sie die Gnade, klarer denn je zu verstehen, wie sehr Jesus sich danach sehnt, geliebt zu werden. Geliebt zu werden bedeutet bei Jesus, dass man ihm erlaubt, uns aktiv zu lieben. Wir dürfen uns öffnen und uns von ihm lieben lassen. Wir lieben also Jesus, wenn wir uns von ihm lieben lassen.

Allein diese Botschaft könnte unser ganzes Leben verändern: das Wissen und die Überzeugung: Ich werde von Gott geliebt.

„Ich will die Liebe ins Herz der Kirche tragen“, sagt Thérèse von Lisieux. Unsere Kirche wird sicher nicht erneuert durch neue Pastoralkonzepte und Synoden, durch Abschaffung des Zölibats oder anderer ständig und sich wiederholender Themen, so wichtig das alles ist, sondern nur, wenn wir Christen uns hineinbewegen in das Mysterium der barmherzigen Liebe. Karl Rahner soll einmal gesagt haben: „Der Christ der Zukunft wird ein mystischer sein oder er wird keiner sein.“ Hier trifft sich der große Theologe mit der kleinen Schwester aus dem Karmel von Lisieux. Wenn wir nicht nach innen gehen, halten wir als Kirche nicht durch. Wir müssen zu den Quellen des dreifaltigen Gottes.

Und dann tritt auch automatisch der Mitmensch in den Mittelpunkt und nicht die Struktur und nicht mein Ich, um das ich ständig kreise. Thérèse fasst diese Entdeckung so zusammen: „Ich fühlte die Liebe in mein Herz einziehen, das Bedürfnis, mich selbst zu vergessen, um anderen Freude zu machen, und von da an war ich glücklich“ (A97). Die rote Blüte ist also das Symbol der göttlichen Liebe.

2. Die fünf Kelchblätter

Wenn die Blüte, sprich die gegenseitige Liebe, verblüht, erkaltet: die fünf Kelchblätter bleiben immer erhalten. Diese Liebe ist keine Verliebtheit, es ist eine gereifte Liebe. Sie zeigt sich vor allem in der Treue, im Vertrauen, im Glauben. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott ein liebender, ein barmherziger Gott ist. Wir dürfen daran glauben, dass die Liebe Gottes in den kleinsten Dingen des Alltags zu erfahren ist. Das nennt Thérèse „den kleinen Weg der Liebe“ als Weg zur größten Heiligkeit. Und weiters sagt sie: „Habt Vertrauen in die unendliche Barmherzigkeit des lieben Gottes; sie ist groß genug, um die größten Verbrechen auszulöschen…(Récréations Pieuses 6). Die fünf Kelchblätter sind also Symbol des Vertrauens, des Glaubens.

3. Die Rose versteckt aber auch nicht die Dornen, die die Liebe für uns bereithält. Verletzend und scharfkantig warten sie, bis wir sie unversehens zu spüren bekommen.

Im Dunkel ihres Glaubens und im körperlichen Leiden, das sich von Tag zu Tag verstärkt (Thérèse leidet an Tuberkulose), befindet sich das Innerste ihres Wesens im Frieden und in der Freude. Ihr Lächeln ist bei ihren Schwestern sprichwörtlich; sie fühlen, dass es ihrer Gottesbeziehung entspringt. Das Leid hat sie reifen lassen zu einer mit Gott tief verbundenen Christin. Angst, Schmerz, die schlechte Gesundheit, ein verletzendes Wort, all dies „berührt nur noch die Oberfläche meiner Seele“, sagt die kleine Thérèse (IGL 54). Die Dornen, das Leid lässt uns reifen und uns Christus immer ähnlicher werden.

4. Da gibt es noch das Grün der Blätter, das immer wieder Hoffnung aufkeimen lässt, die Hoffnung, dass die Liebe stärker ist als alles Leid, stärker als die Sünde. Thérèse ist die Heilige der Hoffnung. Sie hat genau verstanden, dass der „Gott der Liebe“ (1 Joh 4,7) auch der „Gott der Hoffnung“ (Röm 15,13) ist.

In diesem Kontext der Hoffnung spricht Thérèse immer wieder vom „Kleinsein“. Kleinsein wird für sie zum Synonym für die Hoffnung eines Kindes gegenüber seinem Vater, der es liebt, in dessen Armen es geborgen ist. Die in der Lesung eben gehörte Stelle aus dem Propheten Jesaja bringt genau diesen Gedanken: „Ihre Kinder wird man auf den Armen tragen…“ (Jes 66,12b). Deshalb nennen wir sie die „kleine hl. Thérèse“.

 

Liebe Andächtige!

„Ich werde Rosen regnen lassen“: Wenn wir heute Rosen mit nach Hause nehmen dürfen, dann sollen sie uns erinnern an die Botschaft der hl. Thérèse von Lisieux:

1. Die rote Blüte: Sinnbild für die göttliche Liebe.
2. Die fünf Kelchblätter: Zeichen des Vertrauens und Glaubens sowie der Treue Gottes zu uns Menschen.
3. Die Dornen: Zeichen des Leidens, das uns reifen lässt und sich in Liebe verwandelt.
4. Das Grün der Blätter: Symbol der Hoffnung, dass wir in den Armen des göttlichen Vaters getragen und von ihm zur Heiligkeit geführt werden.
Amen.

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