„Ehe beginnt mit Champagner und endet mit Kamillentee.“ Dieser Satz ist ebenso witzig wie ernüchternd. Und doch setzt gerade die Ehe eine Gotteserfahrung frei, wovon ein zweites ehrwürdigeres Zitat spricht: „Denn wie ein Mann eine Frau lieb hat…und wie sich ein Bräutigam freut über die Braut, so wird sich dein Gott über dich freuen“ (Jes 62,5).

Dass Eros und Gottesnähe zusammenhängen, das wissen große Texte der Weltliteratur, das wissen vor allem religiöse Texte, die mit einer Sprache der Leidenschaft die Sehnsucht des Menschen nach dem Göttlichen beschreiben.

Die Heilige Schrift bringt viele Bilder aus der Ehe, aus der Liebesbeziehung, um die Liebe Gottes zu den Menschen deutlich zu machen.

Ein Buch aus dem Alten Testament sticht diesbezüglich förmlich hervor – es ist das Hohelied, das Canticum Canticorum, das Lied der Lieder, also das schönste Lied, das hier in dieser Kirche vor einigen Tagen mit wunderbarer Musik von Jakob, Michael und Hieronymus Prätorius erklungen ist. Vom achten bis zum sechsten Jahrhundert vor Christus wurden in Israel Lieder niedergeschrieben, teils Hochzeitslieder, teils einfache Freundschaftslieder, die Gelehrte dann in dieses Hohelied aufgenommen haben. Das Grundthema dieses Buches ist die Liebe. Es beginnt mit dem klingenden Satz: „Er küsse mich mit dem Kuss seines Mundes, denn deine Liebe ist süßer als Wein.“ Was in diesem Hohenlied besonders auffällt, ist das Wort Liebe. Im hebräischen Urtext kommen dafür zwei verschiedene Begriffe vor. 

Da ist einerseits das Pluralwort dodim: Es kommt dort vor, wo die Öffentlichkeit noch am Sich-Einüben und Begegnen der beiden Liebenden teilhat. Die Töchter Jerusalems treffen die jungen Männer auf dem Marktplatz, sodass das Annähern noch in der Gruppe geschützt ist. Jean Paul hat das Wort „Tutti-Liebe“ geprägt. Es ist ein pubertäres Suchen nach dem Gegenüber. Es richtet sich mehr auf das Äußere, das Schöne, das Heitere, das Beschwingende eines Liebenwollens, das noch in keine Entscheidung, noch nicht ins Liebenmüssen übergegangen ist. Dodim ist mehr die Freundlichkeit, die Liebenswürdigkeit, das sind die Liebeleien, das unverbindlich Erotische, das Anziehende, viele werden geliebt – eben „Tutti-Liebe“.

Aber „Tutti-Liebe“ heißt eigentlich niemanden wirklich lieben.

Deshalb braucht es das zweite Wort für Liebe: ahaba. Im Hohen- lied beginnt nach einigen Kapiteln eine neue Dramaturgie. Der Geliebte springt über die Hügel, er rüttelt an der Türklinke und bittet die Geliebte aufzumachen. Doch das Mädchen weist ihn ab. Sie kann nicht aufstehen, die Schuhe seien schon ausgezogen, sie könne sich die Füße nicht schmutzig machen. Das veranlasst ihn wegzugehen.

In diesem Augenblick geschieht der bedeutsame Wechsel: Von der „Sprache des Marktplatzes“ zur „Sprache des Brautgemachs“, wie Simone Weil es nennt. Da kommt ein neuer Begriff für Liebe: eben ahaba (auch verwandt mit dem griechischen agape). Ahaba ist jene Liebe, in der sich in jeder Sprache Herz auf Schmerz reimt. Hier vertieft sich Eros zu einem ausgesprochenen Leiden, zur echten Leidenschaft. Die Frau fragt nach ihrem Geliebten. Sie erträgt sogar Schläge und Bloßstellung, weil man sie auf dem Marktplatz für eine Dirne hält. Ahaba liebt den einzigen und keinen anderen. Sie läuft dem nach, den „einzig meine Seele liebt“. Diese Liebe geht an die Grenze des Todes. Ahaba ist jene Hingabe, die bereit ist, sich auszuliefern. Sie ist der Wechsel aus dem Plural der Liebeleien in den Singular der Liebe. Diese Liebe gibt nicht etwas, sondern sich selbst. Und eben das entspricht der Erfahrung des Todes: „Stark wie der Tod ist die Liebe, die Leidenschaft unwiderstehlich wie die Unterwelt…viele Wasser können die Liebe nicht löschen“ (Hld 8,6f).

Agape im Christentum

Ahaba tritt im Neuen Testament auf als Agape und gehört zu dem kaum auszulotenden Wort, das Johannes überliefert hat, wie wir in der Lesung gehört haben. „Gott ist Liebe“ (1Joh 4,9). Agape meint nicht einen „lieben Gott“, der eben immer nett und lieb sein muss. Agape meint eben ahaba, die Liebe, die sich hingibt bis zum Äußersten.

Bernhard von Clairvaux hat Gott mit der Frau verglichen, die auf die Gassen rennt und nach der Menschheit schreit und sie nicht findet. Es ist Gott, der um den Menschen seufzt und leidet und eine bewegende Preisgabe vollzogen hat. Hier berührt sich passio mit amor, Leid, Leidenschaft mit Liebe. Der lateinische Dichter Ovid prägt in seiner „Liebeskunst“ das Wort „amare amare est“ (amaris, amare = bitter). „Lieben ist bitter“. Gott liebt uns mit einer Bitterkeit, so Bernhard von Clairvaux, die dem Schmerz der jungen Frau im Hohenlied gleichkommt. Diese Liebe kennt alles, auch den Schmerz, auch die Bitterkeit.

Diese Liebe, diese ahaba, diese Agape, also die Liebe, die bis zum Äußersten geht, hat Gott gezeigt im gekreuzigten Jesus Christus. Deshalb kann Johannes, der unter dem Kreuz die Durchbohrung des Herzens Jesu gesehen hat, im ersten Johannesbrief uns zurufen: „Wir haben die Liebe Gottes zu uns erkannt und gläubig angenommen“. Diese Gewissheit, dass Gott uns liebt, ausnahmslos, ist die Quelle der christlichen Freude. Wir sind von unserem Schöpfer persönlich geliebt. Er hat uns zuerst geliebt. Jeden von uns, vom Mutterleib an bis über unseren Tod hinaus. 

Weil Gott uns aber immer schon geliebt hat, können wir im Grunde nur mit Liebe antwortenGott will, dass auch wir Liebende werden; dann sind wir nämlich Ebenbilder von ihm. Er möchte, dass wir Menschen, die Krönung seiner Schöpfung, ihm ähnlich werden und nur dadurch zu ihm gehören.

Der Kirchenvater Augustinus, dessen Hochfest wir heute feiern, wurde einmal nach dem Glauben an Gott gefragt. Seine Antwort ist sowohl verblüffend als auch logisch einfach: „Holt einen Liebenden her und ihr begreift, was ich sage!“ Augustinus bringt es auf den Punkt: Der Schlüssel unseres Glaubens ist die Liebe, die im Kreuz Christi ihr Urbild gefunden hat. Und diese Liebe dürfen wir erfahren im Mitmenschen, im Gebet, in der Schöpfung, und vor allem in den Sakramenten.

Wenn wir die anschließende Eucharistiefeier als das erneute unblutige Opfer Jesu Christi aus Liebe zu uns sehen, dann sind wir auf den Kern, auf die Mitte unseres christlichen Glaubens gestoßen. Hier tauchen wir ein in die göttliche Liebe, nach der sich unser Herz so sehr sehnt. Amen.

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