„O faustissima et auspicatissima – nunque a Deo fortunata dies! Consecratur nostra reparata Ecclesia ab ipso illustrissimo Sigismundo Alphonso Episcopo principe Brixinensi Praesente Augustissimo Imperatore Romanorum Leopoldo primo“, so schreibt Abt Dominikus Löhr in seinem Tagebuch am 18. Oktober 1665.

Auf Deutsch: „Oh überaus glücklicher und glückseliger, von Gott gesegneter Tag! Unsere wiederhergestellte Kirche wird vom hochwürdigsten Fürstbischof Sigismund Alphons von Brixen in Gegenwart seiner Römisch-Kaiserlichen Majestät Leopold I. geweiht“. 

Die Freude muss sehr groß gewesen sein – denken wir nur an die große Anteilnahme, wie uns ein Bild dieser Kirchweihe von Stefan Keßler in unserem Stiftsmuseum zeigt. 21 Jahre lang wurde an dieser Kirche gebaut, bzw. war zwischendurch immer wieder Stillstand, weil das Geld ausgegangen war. Das Stift litt damals an großer Geldnot, in die es durch die überall bemerkbaren Folgen des 30jährigen Krieges gekommen war. Auch musste man viele Rechnungen laut den Bauregistern in Naturalien bezahlen: mit Weizen, Gerste, Roggen sowie mit Schmalz. Die Bausteine wurden zum Teil aus dem Stiftssteinbruch am Bergisel gewonnen, das war ungefähr dort, wo heute die Brennerbahn in den Tunnel fährt. Auch hatte das Stift damals eine eigene Ziegelei und einen Kalkofen. Das Bauholz kam natürlich aus den nahen Stiftswaldungen. Aber dann, am 18. Oktober 1665 stand die Kirche da, allerdings ohne Türme, ohne Deckengemälde, ohne Stuck. Es war eher ein Rohbau. Der Rest folgte später.

Warum überhaupt musste eine neue Kirche gebaut werden?

Die Vorgängerkirche, die gotische war baufällig geworden, hatte bedenkliche Risse und Klüfte. Dazu kam, dass Abt Andreas Mayr die an den gotischen Turm angebaute Johanneskapelle niederreißen und tief in die Erde graben ließ, um die Gebeine des sagenhaften Gründers, des Riesen Haymon, zu entdecken. (Die Figur, die früher auf seinem Grab lag, steht heute in der Vorhalle unserer Kirche.) Eine solch massive Operation aber hat der altersschwache Turm nicht vertragen: die Kluft vergrößerte sich und es begannen Mauerstücke herabzufallen.

Dann kam der 3. Dezember 1644, als der Turm beim Läuten der großen Glocke bedenklich sich zu neigen begann. Abends um 07.00 Uhr waren die Chorherren bei der Komplet, also beim Nachtgebet versammelt. Da lösten sich faustgroße Steine und fielen auf das Chorgestühl. Mit einem solchen Stein schickte man einen Laienbruder, der Schneider war, zum Prälaten. Die Antwort des Abtes: „Nimm den Stein und nähe ihn mit der Nadel wieder an. Die Herren wollen sich nur vom Chor freimachen.“ Gegen Ende der Komplet mussten einige der Chorherren sogar ihren Platz verlassen und in die letzten Stühle fliehen. Die marianische Antiphon am Schluss der Komplet, das „Alma Redemptoris“ wurde nur mehr schnell rezitiert, nicht mehr gesungen. Nur eine viertel Stunde später, als niemand mehr in der Kirche war, erfolgte der Einsturz des Glockenturmes. Er fiel auf die Kirche und zerstörte etwa die Hälfte des Gotteshauses. Aber das ganze Kirchengebäude hatte Schaden erlitten, sodass die Hauptmauern und Pfeiler fast ganz abgetragen werden mussten; damit war an eine Wiederherstellung nicht mehr zu denken. Das geschah 1644. Wie schon erwähnt, auf Grund des Geldmangels konnte man erst 1651 den Grundstein für die neue, die frühbarocke Stiftskirche legen.

Aber eine weitere Katastrophe erfolgte, sodass der Bau unterbrochen werden musste. Am 6. September 1657 stürzte das ganze Tonnengewölbe ein und begrub unter seinen Trümmern sechs Arbeiter. Traurig und niedergeschlagen steht Abt Dominikus Löhr vor den Ruinen, die der unbesonnene Baumeister Jörg Scheffler verursacht hatte. Dieser musste fliehen, und dann übernahm der Innsbruck Hofmauermeister Gallus Apeller 1661 die Fortsetzung und Vollendung des Baues.

Und so kam der freudenreiche Tag – o faustissima et auspicatissima dies! - der 18. Oktober 1665, an dem der Bischof von Brixen Sigmund Alfons Graf Thun in Gegenwart des Kaisers Leopold I. und des ganzes Hofes die Kirchweihe feierlich vollzog.

Leider hat die Kirche während des Zweiten Weltkrieges wieder einen großen Schaden erlitten: im Jahre 1944 wird sie durch Fliegerbomben schwer getroffen; diesmal im hinteren Teil der Kirche. Aber nach dem Krieg konnte man die Kirche wiederherstellen. Und in den Jahren 2005 bis 2008 hatten wir die Möglichkeit, den Innenraum dieses ehrwürdigen Gotteshauses total zu restaurieren.

So bleibt uns heute nur zu danken, dass wir in einer Zeit leben dürfen, in der wir eine wunderschöne Kirche haben, die immer wieder erbaut, restauriert und erneuert wurde: ein Gotteshaus, in dem wir täglich Gott loben und preisen dürfen.

Gleichzeitig erinnert uns dieses strahlende Gotteshaus, dass wir, die Kirche aus lebendigen Steinen, dass wir uns selbst täglich erneuern, renovieren müssen: Ecclesia semper reformanda. Die Kirche muss immer erneuert werden! Täglich ruft uns Christus zu: Kehr um! Lebe nach dem Evangelium! Teile mit den Menschen in Not, mit flüchtenden und armen Menschen! Verzeihe deinen Gegnern und Feinden, denen, die dir Böses angetan, die dich beleidigt haben! Versöhne streitende Parteien! Nimm dir Zeit, Menschen zuzuhören, die in seelischer Not sind! Denk an deine Verantwortung, anderen Menschen, besonders dir anvertrauten den Weg zu zeigen, der gepflastert ist mit christlichen Werten, der dem Willen Gottes entspricht! Jeden Tag sind wir aufgerufen, Kirche aufzubauen, zu erneuern: vor allem durch unsere persönliche Umkehr, unsere Hinkehr zum Evangelium Gottes.

Es gibt oft große Sorgen und Ängste wegen islamischer Überfremdung. Mehr Sorgen macht mir jedoch die eigene Lauheit von uns Christen, die abnehmende Glaubenssubstanz in unserem christlichen Abendland. Haben wir den Mut, unseren Glauben zu studieren und ihn zu bekennen. Wenn ausländische Menschen spüren, dass wir Christen den Glauben ernst nehmen, wenn sie unsere Gotteshäuser sehen, in denen wir die heiligen Feste des Kirchenjahres feiern, wenn sie unsere Glocken hören, die uns aufmerksam machen auf das Gebet, dann werden sie sich fragen: Woran glaubt dieses Volk, was bewegt es, wovon ist es getragen, dass es so gastfreundlich ist und mit uns teilt? Erinnern wir uns an die ersten Christen: Die Umwelt war fasziniert von ihrem Glaubensernst und vom liebevollen Umgang untereinander (vgl. Apg 2,44-47).

Liebe Festgemeinde!

Aber heute dürfen wir vor allem jubeln und danken und einstimmen in die Worte, die Abt Dominikus in sein Tagebuch geschrieben hat: „O faustissima et auspicatissima – nunque a Deo fortunata dies… Oh überaus glücklicher und glückseliger, von Gott gesegneter Tag!….“. Amen.

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