Am 8. Dezember hat Papst Franziskus das „Jahr der Barmherzigkeit“ eröffnet und damit einen Zentralbegriff der biblischen Botschaft ins Zentrum gerückt.

Das Wort Barmherzigkeit klingt eher altertümlich. Kein Jugendlicher würde heute von Barmherzigkeit sprechen. Eher versteht man Worte wie: jemand ist eine Seele von Mensch, mitfühlend, einfühlsam, fürsorglich, selbstlos, warmherzig, rücksichtsvoll, gefällig, herzensgut, hilfsbereit, gutmütig, empfindsam…

Doch zugleich fasst wohl kein Begriff den Kern der biblischen Botschaft und auch das Zentrum des Pontifikats von Papst Franziskus so zusammen wie dieser Begriff: „Etwas mehr Barmherzigkeit verändert die Welt; es macht sie weniger kalt und mehr gerecht“, erklärte Franziskus bereits bei seiner ersten Ansprache als neu gewählter Papst am 17. März 2013. 

Das ist auch mein Wunsch für das kommende Jahr, das „Jahr der Barmherzigkeit“: Dass es uns immer mehr gelingt, barmherzig zu sein, Frieden zu stiften, zu vergeben, zu versöhnen. 

Auf der Gloriole unserer Tiroler Krippen lesen wir die Worte der Engel, die sie den Hirten verkünden: „Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden ist Friede bei den Menschen seiner Gnade“. „Gloria in excelsis Deo, et in terra pax hominibus bonae voluntatis“(Lk 2, 14).

Der Friede beginnt im Kleinen: in der Ehe, in der Familie, in der Klostergemeinschaft, im Dorf, im Verein, im Club,  in der Stadt, im Land. Da gibt es so viele Kränkungen, Verletzungen. Da gibt es tiefe Wunden, die oft nicht heilen wollen. Ruhelos kreisen unsere Gedanken um die anderen Personen und ihr verletzendes Verhalten. Die Atmosphäre ist gestört, vergiftet. Und wir suchen nach Rache, nach Vergeltung: „Dem werde ich es schon noch heimzahlen!“ „Das verzeihe ich ihr nie!“ Wir sind enttäuscht, verletzt; wir werden nicht fertig mit den Kränkungen, die uns tief getroffen haben. Und es droht die Verbitterung, es droht der Hass, der Krieg im Kleinen oder die Resignation. Wir sind in uns selbst gefangen. Wir tragen nach und dabei tragen wir selber schwer. Das Zusammenleben wird unerträglich.

Hier gilt es, die Kunst des Vergebens wieder neu einzuüben.

Um es vorweg zu nehmen: Verzeihen heißt nicht, dass wir das Verhalten des anderen automatisch gutheißen. Wir lassen lediglich nicht länger zu, dass die Tat, die uns so sehr verletzt hat, unser Leben dauerhaft negativ beeinflusst. Vergebung beinhaltet auch keinen Verzicht auf Gerechtigkeit.

Vergeben: Das ist ein innerseelischer Prozess, der auch manchmal lange dauern kann. Manchmal ist es gar nicht möglich, sofort zu verzeihen. Da würden wir uns überfordern. 

Walter Kohl schreibt ganz eindrucksvoll, welche Kraft im Vergeben liegt. In seinem autobiographischen Buch „Leben oder gelebt werden. Schritte auf dem Weg zur Versöhnung“ setzt er sich mit seiner verhassten Rolle als Sohn des deutschen Bundeskanzlers auseinander. Er musste immer im Schatten seines Vaters stehen. Walter Kohl hat mit seinem Schicksal gehadert, ist innerlich immer mehr versteinert geworden, bis er den Wert der inneren Aussöhnung für sein Leben erkannt hat. Er hat die Vergebung als eine Kraft entdeckt, die ihn zu sich selbst bringt. Seine Erfahrung war: Vergebung hilft, sie heilt und wandelt von innen her. Sie bewirkt, dass er Frieden mit dem Unabänderlichen zu schließen vermag, und dass „er endlich leben kann, ohne gelebt zu werden“. Schmerzende, negative Energie kann sich so in heilende, positive Energie, in Freude, Kreativität und Harmonie verwandeln. Kraft des Vergebens kann Walter Kohl schließlich auch seinen Eltern mit einem neuen Denken versöhnt begegnen.

Diese Geschichte von Walter Kohl zeigt, was vielleicht ich in meinem eigenen Leben erfahren habe. Vergeben ist ein Weg, der in die Freiheit führt.

Vergeben ist also in erster Linie ein Prozess in mir selbst, für den ich verantwortlich bin, an dem ich arbeiten muss. Erst dann ist eine Versöhnung mit einem anderen möglich! 

Jesus, der menschgewordene Gottessohn hat sein Leben hingegeben wie ein Verbrecher am Kreuz, um die Menschen mit Gott zu versöhnen, um Frieden zu stiften. Und er nennt in seiner Bergpredigt die Friedensstifter selig!

Der Apostel Paulus fasst die göttliche Botschaft zusammen in dem großartigen Satz in seinem Brief an die Gemeinde in Kolossä: „Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat. Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr“ (Kol 3,13). 

Ehrwürdige Schwestern, liebe Andächtige!

Möge dieses „Jahr der Barmherzigkeit“ ein Jahr sein, in dem es uns allen immer mehr gelingt, Frieden zu stiften, zu vergeben und wenn möglich uns zu versöhnen. Dann wird das Wort von Papst Franziskus Wirklichkeit: „Etwas mehr Barmherzigkeit verändert die Welt…“.

So sei es.

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