Abt Raimund Schreier bei der Predigt in der Jesuitenkirche

Heute, am Hohen Frauentag, möchte ich neben der Gottesmutter Maria eine große Frau vorstellen, die eigentlich noch viel zu wenig bekannt ist. Eine Straße in Innsbruck neben dem ehemaligen Karmel in Wilten ist nach ihr benannt. Sie war Philosophin, Frauenrechtlerin, Pädagogin, Jüdin und dann Christin und Ordensfrau und schließlich Märtyrerin. Derzeit wird in Kremsmünster von einem amerikanischen Regisseur ein Spielfilm über sie gedreht: Edith Stein.

Edith Stein war eine der ersten Frauen, die Anfang des 20. Jahrhunderts als Frau Matura und in einer Universität immatrikulieren und inskribieren durfte. Später wird sie sich als Deutschlehrerin in Speyer mit guten Argumenten gegen Unterdrückung und Benachteiligung der Frau einsetzen. Es war die Zeit, in der überall nach dem starken Mann gerufen wurde. Da plädiert sie ganz nüchtern für politische Mitverantwortung aller. Edith Stein wird dann Assistentin beim berühmten Philosophen Edmund Husserl in Freiburg, mit dem sie Suche nach der Wahrheit verbindet. Viele Jahre sucht sie, tastet und liest. Von ihr überliefert ist der berühmte Satz, den sie erst dann viel später schreiben wird: „Wer die Wahrheit sucht, der sucht nach Gott, ob es ihm bewusst ist oder nicht“.

Als im ersten Weltkrieg einige ihrer Freunde fallen, als sie als freiwillige Krankenschwester Tod und Elend erleben muss, da wird die Frage nach dem Sinn des Lebens noch virulenter. Sie durchlebt innere Dunkelheit, eine totale Sinnlehre und bricht dabei fast zusammen. Gibt es Wahrheit, die mir Sinn gibt? Es war dann in einer Juninacht 1921. Sie liest die Autobiographie der hl. Theresia von Avila – ein ziemlich dickes Buch. Erst gegen den frühen Morgen schließt sie es und hat die Wahrheit gefunden: Die Wahrheit in der Person Jesus Christus. In dieser Nacht begegnet sie Christus, der von sich sagt: „Ich bin die Wahrheit“ (Joh 14,6). Dabei bleibt sie Jüdin. Ja, im Christentum dann lernt sie das Judentum erst lieben. Und sie erkennt schnell, dass diese Wahrheit ein Gesicht hat, das die Liebe ist. Damit findet sie das Ziel ihres Lebens: „Die Liebe Gottes, die sich im Kreuz konzentriert hat“.
Das Kreuz wird auch ihr Weg werden, ihr Kreuzweg. Edith lässt sich taufen und tritt einige Jahre danach in den Karmel von Köln ein und heißt ab jetzt mit Ordensnamen: Theresia Benedicta a cruce – die vom Kreuz Gesegnete. Sie stellt sich auf die Seite des Gekreuzigten.
Das große Drama des menschenverachtenden politischen Terrors im Nazi-Deutschland kommt immer näher. Schwester Theresia lässt sich in den Karmel von Echt in Holland versetzen, um ihre Mitschwestern nicht zu gefährden. Jedoch zu spät. Die Bischöfe Hollands schreiben einen sehr mutigen Brief gegen die Judendeportationen. Gleich darauf kommt die Rache. Alle christlich gewordenen Juden werden gefangengenommen und ins KZ gebracht. Auch Edith Stein wird mit ihrer leiblichen Schwester Rosa, die auch Karmelitin war, gefangen genommen und am 9. August 1942 ins KZ Ausschwitz-Birkenau gebracht, dort vergast, in einem Feld verbrannt und verscharrt. Es gibt kein Grab. Das war1942 – also vor 70 Jahren! Schwester Theresia a cruce wird deshalb am 9. August, an ihrem Todestag als Heilige liturgisch gefeiert. 1998 hat sie nämlich Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen. Und im Jahre 2000 wird sie neben den beiden Frauen Brigitta von Schweden und Katharina von Siena zur Mitpatronin Europas.

Edith Stein ist eine der bedeutendsten Gestalten der europäischen Geistesgeschichte. Sie spielt eine große Rolle für Europa als Vordenkerin einer Versöhnung zwischen Christen und Juden und damit für die Begegnung zwischen den Religionen. Ja, ich möchte sagen: Jede religiöse Gemeinschaft, alle Bürger Europas, die auf der Suche nach der Wahrheit sind und nach dem gemeinsamen Wohlergehen, finden bei ihr Inspiration, finden bei ihr ein großes Vorbild. Die Jüdin und Christin Edith zeigt uns wie Werte vertreten und vor allem gelebt werden.
Ihre Botschaft ist wie gesagt das Geheimnis des Kreuzes und Leidens und damit das Geheimnis der Liebe. Im Kreuz hat Gott Frieden gestiftet zwischen ihm und den Menschen; im Kreuz hat er den Weg der Versöhnung gezeigt: Nicht Gewalt, nicht Hass und Rache haben das letzte Wort, sondern Liebe, Friede.
Das Vermächtnis von Sr. Theresia vom Kreuz für Europa und für die Welt heißt: Friede! Shalom! Selig, die Frieden stiften“, hat Jesus von Nazareth gepredigt, und er meint, dass vor allem die selig zu preisen sind, die sich aktiv ins Leben einbringen, um den Frieden zu tun, den Frieden zu schließen – unabhängig von der Schuldfrage. In vielen Gleichnissen fordert Jesus auf, den ersten Schritt zur Versöhnung und zum Frieden hin zu wagen.
Aber diese Themen stehen in unserer Gesellschaft nicht im Vordergrund, obwohl sie Basis wären für die Lösung vieler Probleme wie Kriege, Feindschaften, Intrigen, das Böse in jeder Form, Ungerechtigkeit, Hunger und Leid. Vom Friedenstiften, von Erfahrungen der Versöhnung werden wir wohl kaum etwas finden oder lesen in den Zeitungen. Es sind nämlich die kleinen Schritte, die Garant sind für einen Frieden: das unausgesprochene Wort, der lächelnde Blick, die zur Versöhnung gereichte Hand. Es sind die Alltäglichkeiten, die zu keinen fettgedruckten Schlagzeilen taugen. Aber sie sind der Nährboden des Friedens in der Familie, in Gemeinschaften, Verbänden und Vereinen, in unseren Städten und Dörfern, in unserem Land, in Europa, in der Welt.
Ich möchte Ihnen eine kleine Meditation mitgeben. Es ist ein Text von Rudolf Otto Wiemer: Lob der kleinen Schritte. (Sie finden diesen Text auch auf dem Liedblatt, das Sie mit nach Hause nehmen können.)

Wir loben die kleinen Schritte.
Den Mann, der das voreilige Wort
nicht ausspricht.
Die Stimme, die sagt: Pardon, ich bin schuld.
Die über den Zaun des lästigen Nachbarn
gestreckte Hand.

Wir loben die kleinen Schritte.
Die Faust in der Tasche.
Die nicht zugeschlagene Tür.
Das Lächeln, das den Zorn wegnimmt.

Wir loben die kleinen Schritte.
Das Gespräch der Regierungen.
Das Schweigen der Waffen.
Die Zugeständnisse in den Verträgen.

Wir loben die kleinen Schritte.
Die Stunde am Bett des Kranken.
Die Stunde der Reue.
Die Minute, die dem Gegner recht gibt.

Wir loben die kleinen Schritte.
Den kritischen Blick in den Spiegel.
Die Hoffnung für den anderen.
Den Seufzer über uns selbst.

Ich freue mich, dass ich jetzt ein Kreuz segnen darf, das Kreuz als Symbol der Versöhnung und des Friedens. Ein Kreuz, das im Sitzungssaal der Europa-Region in Brüssel hängen wird. Es wurde vom Südtiroler Künstler Josef Bernardi hergestellt auf Initiative der Schützenkompanien, vor allem der Südtiroler. Möge es zum Segen sein für den Frieden, für ein respektvolles und solidarisches Miteinander in Europa.
Maria, du „Königin des Friedens“, bitte für uns. Amen.

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