Abt Raimund Schreier, Prämonstratenser-Chorherrenstift Wilten, Innsbruck, Tirol, Österreich

Die Kirche gibt es nun schon seit fast 2000 Jahren“, sagt der Mann, „aber die Menschheit ist dadurch auch nicht besser geworden.“
Seit Milliarden von Jahren gibt es Wasser auf der Erde“, antwortet der Pfarrer, „und nun sehen Sie sich einmal ihren Hals an!“
Dieser Witz hat einen sehr wahren Kern. Wie oft hören oder betrachten wir die Botschaft der Heiligen Schrift; wir tauschen uns aus, wir sprechen darüber: Aber was ändert sich in uns oder unter uns? Wir jammern oft, dass die Kirchen bei den Gottesdiensten halbleer sind, dass viele Menschen nichts mehr mit Kirche, mit dem Glauben zu tun haben wollen, dass sie Gott nicht mehr brauchen. Und oft überlegen gerade wir Seelsorger: Was könnte die Menschen, besonders die jungen Menschen faszinieren, dass sie vom Christentum wieder angezogen werden, dass sie als Christen leben und so beitragen zu einer besseren Welt?
Ich glaube, dass wir uns oft zu sehr um Nebensächliches kümmern, dass wir um innerkirchliche Probleme kreisen, vor allem um das eigene Ich und dabei auf das Wesentliche vergessen.

Auch im Judentum gab es zurzeit Jesu zwei auseinanderstrebende Tendenzen. Einerseits die Tendenz, ohne Ende Gebote und Gesetze zu erlassen und für jedes noch so kleine Detail des Lebens Normen und Richtlinien vorzuschreiben. Und die andere Tendenz: inmitten dieser Ansammlung von erstickenden Geboten jene Dinge auszumachen, die bei Gott wirklich zählen, nämlich die Seele des ganzen Gesetzes. Deshalb geht ja einmal ein Schriftgelehrter zu Jesus und fragt ihn: „Welches Gebot ist das erste (das Wichtigste) von allen? Jesus antwortet: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und mit all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. “ (Mk 12,28b-31)
Das ist das wichtigste Gesetz! Das ist das Wesentliche unserer christlichen Botschaft, das wir weitergeben sollen, aber nicht nur mit Worten, sondern vor allem durch unser Lebenszeugnis!

Leider vergessen wir oft auf das Wesentliche und beschäftigen uns eben mit dem Unwesentlichen. Was kann man dagegen tun? Eine Geschichte mag helfen das zu verstehen.
Eines Tages wurde ein alter Professor als Fachmann herbeigerufen, um vor den Mitgliedern der höheren Chefetage einiger bedeutender nordamerikanischer Firmen über effizientes Zeitmanagement zu sprechen.
Er fasste den Entschluss, mit ihnen ein Experiment zu machen: Als er vor der Gruppe stand, die sich bereit erklärt hatte, Aufzeichnungen zu machen, holte er unter dem Tisch ein großes leeres Kristallglas hervor. Dann nahm er ein Dutzend Steine, so groß wie Tennisbälle, die er behutsam, einen nach dem anderen ins Glas legte, bis es bis oben hin gefüllt war. Als keine Steine mehr hineinpassten, fragte er die Kursteilnehmer: „Glaubt ihr, dass das Glas voll ist? “ Alle antworteten: „Ja“. Daraufhin wartete der alte Professor einen Moment und fragte noch einmal: „Seid ihr euch sicher?“
Er beugte sich wieder unter den Tisch und holte eine Kiste voller Kies hervor. Den Inhalt schüttete er soweit es ging in das Glas mit den großen Steinen und wiederholte danach seine Frage: „Ist das Glas jetzt voll? “ Die Kursteilnehmer fingen nun an zu begreifen und sagten: „Möglicherweise noch nicht ganz“. „Nun gut!“, erwiderte der alte Professor, beugte sich ein weiteres Mal unter den Tisch, um ein Säckchen mit Sand aufzuheben, den er wieder in das Glas leerte.
Der Sand füllte schließlich alle Hohlräume aus, die noch zwischen den Steinen und dem Kies vorhanden waren. Wieder fragte er: „Ist das Glas jetzt voll?“ Und diesmal antworteten alle vollkommen überzeugt: „Nein!“ „Wahrhaftig“, sagte da der Professor, nahm den Krug, der auf dem Tisch stand, und goss Wasser in das Glas mit Steinen, Kies und Sand, bis es randvoll war.
An diesem Punkt hob er den Blick in Richtung Publikum und fragte: „Welche große Wahrheit lehrt uns dieses Experiment?“ Der Kühnste der Gruppe dachte an das Thema des Kurses, die Planung der Zeit, und antwortete: „Es zeigt uns, dass wir mit ein wenig gutem Willen immer noch Platz finden in unserem Tagesplan, auch wenn er noch so ausgefüllt sein mag: für eine Verpflichtung oder eine andere Sache, die es zu tun gilt.“
„Nein“, antwortete der Professor, „das ist es nicht. Was das Experiment zeigt, ist etwas anderes: Wenn die großen Steine nicht zuerst ins Glas gelegt werden, wird man sie nie mehr hinein bekommen können.“ Nach einer Weile ging allen die Offensichtlichkeit dieser Erklärung auf, und der alte Professor fuhr fort: „Was sind in deinem Leben die großen Steine, die Prioritäten?
Sind es Gesundheit, Familie oder Freunde? Geht es dir darum, ein Anliegen zu verteidigen, oder etwas zu Ende bringen, was dir sehr wichtig ist? Am Wichtigsten ist es, die großen Steine an die erste Stelle eurer Tagesordnung zu setzen. Wenn man den Tausenden von anderen kleinen Dingen – den Kiesel und Sand – Vorrang einräumt, füllt man das Leben mit Nichtigkeiten.
Dann gibt es nie die Zeit, sich den wirklich wichtigen Dingen des Lebens zuzuwenden. Vergesst nicht, euch häufig die Frage zu stellen: „Was sind die großen Steine in meinem Leben? Damit ihr sie dann auf eurer Tagesordnung an die erste Stelle setzen könnt.“ Danach verabschiedete sich der alte Professor mit einer freundlichen Geste und verließ den Raum.


Schwestern und Brüder!
Es gilt, die großen Steine unserer christlichen Botschaft zu entdecken: Vor allem anderen (ante omnia) und ganz besonders die beiden großen Gebote, nein, es ist eigentlich ein einziges Gebot: Gott zu lieben und den Nächsten.

Die Heiligen, wie der heilige Apostel Bartholomäus, haben nichts anderes getan, als diese wesentliche Botschaft weitergetragen. Dafür sind sie Tausende von Kilometern gegangen, dafür haben sie sogar ihr Leben hingegeben. Mit dieser Frage sollten wir jeden Tag beginnen: Was ist das Wesentliche in meinem Leben? Was sind die großen Steine, die ich heute in mein Lebensglas hineinlegen soll?

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