Augustinussonntag 2012 in der Stiftskirche Wilten.

Et ecce terrae motus factus est magnus…“ - „Plötzlich entstand ein gewaltiges Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat an das Grab, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf…“, so lesen wir im Matthäus-Evangelium Kapitel 28, Vers 2. Das war der Tag nach dem Sabbat, also unser Ostersonntag in aller Früh. Maria aus Magdala und eine andere Maria wollen nach dem Grab Jesu sehen. Da erblicken sie den Engel, der den beiden Frauen verkündet, dass Jesus aus dem Grab auferstanden ist. „Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden, wie er gesagt hat.“ (Mt 28,6). Diese Worte des Evangelisten Matthäus singt die Kirche in einer Antiphon der Ostervesper. Der Komponist Antoine Brumel hat die Worte und vor allem die Choralmelodie dieser österlichen Antiphon, die sich durch sein ganzes Ordinarium zieht, für seine zwölfstimmige Messe übernommen. Und er bezeichnet sie auch mit dem Vers 2 des 28. Kapitels des Evangelisten Matthäus: „Et ecce terrae motus“ – „Plötzlich entstand ein Erdbeben“.

Erdbeben:
Bekannte von mir haben eines der stärksten Erdbeben der letzten Jahre selber miterlebt und konnten sich in letzter Sekunde wie durch ein Wunder selber retten. Das Erdbeben im Indischen Ozean vor Sumatra am 26. Dezember 2004. Es hatte die Stärke 9,1 auf der Richterskala. Dieses Erdbeben mit nachfolgendem Tsunami hat 230.000 Menschenleben gefordert; über 1,7 Millionen Küstenbewohner rund um den Indischen Ozean wurden damals obdachlos.
Solche Bilder und Zahlen lassen uns ahnen, was Erdbeben auslösen. Sie erschüttern im wörtlichen Sinn die Erde. Das Wort selbst drückt es bereits aus: Erd-Beben, Erschütterung der Erde. Denken wir nur an das englische earthquake oder das lateinische terrae motus, das italienische terremoto, movimento tellurico, oder das französische tremblement de terre, usw.

In vielen Kulturen und Religionen wurden Erdbeben und Naturkatastrophen gedeutet als Ausdruck des Zornes der Götter, als böses Omen, aber auch als Untermalung von Götterepiphanien, von Göttererscheinungen.
Auch im Alten Testament finden wir dieses Motiv: Wenn Jahwe erscheint bzw. auch in Verbindung mit apokalyptischen Hinweisen.
Auch im Neuen Testament wird Jesus besonders bei Matthäus dargestellt als der machtvolle Herr, dem die Naturgewalten gehorchen wie einst Jahwe. Erdbeben markieren im Neuen Testament vor allem heilsgeschichtlich entscheidende Eckpunkte wie den messianischen Einzug in Jerusalem zur Passion (Mt 21,10): „Es geriet die ganze Stadt in Aufregung“; beim Tod Jesu am Kreuz (27,51-54): „Die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Die Gräber öffneten sich…“ Und wie gesagt bei der Auferstehung (28,2): „Plötzlich entstand ein großes Erdbeben“. Es geht hier also nicht nur um schöne und fromme Berichte. Hier geschieht Heilsgeschichte mitten in der Weltgeschichte. Hier kommt etwas in Bewegung, in Aufregung; hier wird die Welt erschüttert. Angesichts dieser Ereignisse erbebt die Erde.

Im Laufe der 2000-jährigen Kirchengeschichte sind viele Menschen von dieser Botschaft erschüttert, bewegt worden und haben ihr ganzes Leben ausgerichtet auf diesen Gott der Bibel, den uns Jesus von Nazareth offenbart hat.
In der Umgangssprache sagen wir manchmal: „Jemand oder etwas hat ein Erdbeben ausgelöst: große Unruhe gestiftet, für Aufregung gesorgt.“
Heute möchte ich auch unsere Herzen von neuem in Unruhe versetzen, wie es der hl. Augustinus ausgedrückt hat: „Unruhig ist mein Herz, bis es ruhet in dir, oh Gott“.

Ich möchte uns in Unruhe versetzen vor allem über zwei ganz wesentliche Botschaften.
1. Wir feiern jeden Sonntag den Tod und die Auferstehung des Herrn. Jeder Sonntag ist ein kleines Osterfest. Natürlich können wir nicht jeden Sonntag – falls überhaupt jemals – begreifen, was da zu Ostern geschehen ist. Jesus hat sein Leben für uns hingegeben und ist auferstanden vom Tod. Er hat den Tod vernichtet und lässt auch uns Menschen teilhaben an der Auferstehung. Das ist die größte Hoffnungsbotschaft dieser Welt. Der Tod ist nicht unser Ende. Es wird weitergehen. Wir dürfen hoffen auf ein Leben ohne Ende. Wir müssen nicht verzweifeln in diesem Tal der Tränen. Wir haben Aussichten auf ewiges Glück.
Ich möchte Sie jedoch heute nicht mit theologischen Floskeln beschwatzen. Ich möchte Sie nur aufrütteln: Lassen Sie sich berühren von dieser unbegreiflichen Botschaft und stimmen Sie ein in einen Dankeshymnus, stimmen Sie ein in die himmlische Musik „Et ecce terrae motus“ – „und siehe, es entstand ein gewaltiges Erdbeben“. Bei der Vorbereitung dieser Predigt habe ich mich mit Kopfhörern von dieser paradiesischen Musik inspirieren lassen. Sie lässt uns wirklich das große Geheimnis der Auferstehung ein wenig ahnen.
2. Der große Bischof Aurelius Augustinus wird „das Genie des Herzens“ genannt, weshalb er auch mit dem Herzen als Attribut dargestellt wird. Augustinus hat lange nach Gott gesucht und hat ihn entdeckt als den dreifaltigen Gott, als den Gott, der in sich Liebe ist. Christus predigt und lebt bis zum Lebensende diese Liebe; nicht Amusement, nicht Vergnügen, nicht oberflächliche Liebe, sondern göttliche Liebe; Liebe, die sich hingibt für den anderen; Liebe, die für den anderen da ist; Liebe, die verzeihen kann; Liebe, die den ersten Schritt setzt; Liebe, die den anderen erträgt; Liebe, die nicht richtet und urteilt; Liebe, die nicht einteilt nach sympathisch oder unsympathisch; Liebe, die niemals aufhört. Augustinus schreibt: „Die Schrift gebietet weiter nichts als die Liebe“. Tatsächlich sind Gottes- und Nächstenliebe der Cantus firmus der Frohbotschaft Jesu. Und Augustinus schreibt weiter: „Liebe ist ein köstliches Wort, doch köstlicher ist es, sie zu tun“.

Liebe Andächtige!
Et ecce terrae motus factus est magnus. “ – „Plötzlich entstand ein gewaltiges Erdbeben.“
Möge die Botschaft von der Auferstehung Christi und die Botschaft von der göttlichen Liebe ein gewaltiges Erdbeben in uns auslösen, uns verwandeln zu dankbaren und liebenden Menschen. Amen.

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