Gründonnerstag 2016 - Stift Wilten

Die Fußwaschung
Jesus Christus – Oscar Romero

„Es war vor dem Paschafest. Jesus wusste, dass seine Stunde gekommen war, um aus dieser Welt zum Vater hinüberzugehen … Es fand ein Mahl statt“ (Joh 13,2). Das ist eigentlich alles, was Johannes über das Letzte Abendmahl schreibt im Gegensatz zu seinen anderen Kollegen, nämlich den Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas. Dann heißt es bei Johannes einige Verse weiter: „Da stand er vom Mahl auf, legte sein Gewand ab und umgürtete sich mit einem Leinentuch. Dann goss er Wasser in eine Schüssel und begann, den Jüngern die Füße zu waschen …“ (13, 4.5).

Vor allem in Kathedralen und Stiftskirchen wird am Gründonnerstag dieses von Johannes berichtete Zeichen in der heiligen Liturgie gespielt – die Fußwaschung.
Vielleicht werden sich manche fragen: Was soll diese Prozedur? Diese Messverlängerung? Hier sitzen zwölf Männer und Frauen, ganz sicher mit sauberen Füßen. Wozu also saubere Füße waschen?
Vielleicht lassen wir einmal den feierlichen Rahmen beiseite und schauen nur auf den Inhalt dieses Rituals. Der Abt bückt sich sehr tief, bis auf den Boden; er muss anderen dicht auf den Leib rücken. Hier wird der Gottesdienst direkt, unmittelbar. Dieses liturgische Spiel ist noch deutlicher als die Worte, die wir im Evangelium gehört haben.

Nämlich: Dort auf dem Boden ist unser Platz. Es ist nämlich der Platz Jesu. Normalerweise erwarten wir ihn in heiliger Sphäre in Weihrauchwolken hoch oben. Aber wir finden ihn vor allem tief unten auf dem Boden bei einer Arbeit, die die Juden nicht einmal jüdischen Sklaven zugemutet haben. Jesus ist nicht oben auf dem ersten, sondern unten auf dem letzten Platz. Der letzte Platz ist der Platz seines Lebens, bis zum Kreuz. Dort finden wir ihn.

Dort ist auch unser Platz. Unser Christsein löst sich nämlich in nichts auf, wenn wir uns diesem Dienst, diesem letzten Platz verweigern. „Wenn ich dich nicht wasche, hast du keine Gemeinschaft mit mir“, (Vers 8) sagt Jesus zu Petrus, der sich zunächst von Jesus die Füße nicht waschen lassen will.

Fußwaschung geschieht also nicht in einem schönen liturgischen Spiel – hier werden wir höchstens an diesen Auftrag erinnert – Fußwaschung geschieht im Leben. Bei der Fußwaschung müssen wir uns bücken, bis auf den Boden, nach unten, und zwar wir, die wir so gerne hoch hinauswollen; das ist doch unter unserer Würde, dafür bin ich mir viel zu schade!

Im letzten Jahr ist ein Mann von Papst Franziskus selig gesprochen worden, der sich auch tief gebückt hat bis zu den Ärmsten der Armen im zentralamerikanischen Staat El Salvador. Er ist eingetreten für soziale Gerechtigkeit und für politische Reformen und hat sich damit in Opposition gestellt zur damaligen Militärdiktatur. Viele Menschen, darunter auch Priester wurden deshalb des Landes verwiesen oder gar gefoltert. Genau heute, am 24. März vor 36 Jahren ist dieser Mann deswegen während der heiligen Messe am Altar erschossen worden, kurz vor den Worten: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird; mein Blut, das für euch vergossen wird“. Es ist Erzbischof Oscar Romero.
Sein Martyrium und seine Botschaft sind ohne den Gründonnerstag, den wir heute begehen, gar nicht zu verstehen. Und umgekehrt: Wenn wir auf Oscar Romero schauen, können wir besser begreifen, was der Gründonnerstag uns sagen will.
Oscar Romero war von einer ungeheuren Liebe zu seinen Menschen erfüllt. Vor allem zu denen, die gequält, die gefoltert, unterdrückt wurden, die Angst hatten.
Das ist die wichtigste Verbindung zu Christus, der vor 2000 Jahren vor Oscar Romero am Kreuz ermordet wurde. Auch Jesus hat sich mit den Armen solidarisch erklärt: „Was ihr ihnen tut, das tut ihr auch mir“, so sagt er in seiner berühmten Weltgerichtsrede“ (vgl. Mt 25,40.45). Oder im Johannesevangelium heute: „Auch ihr müsst einander die Füße waschen“. Auch ihr müsst allen Menschen, besonders den Armen dienen, sie lieben, so wie Gott sie geliebt hat.
Das hat Oscar Romero vorgelebt. Christentum ist nur glaubwürdig, wenn wir Christen denen beistehen, die leiden, die verfolgt werden, die sterben müssen.

Es gibt viele Möglichkeiten, armen und notleidenden Menschen zu helfen. Zurzeit besonders den Menschen, deren Leben bedroht ist und die deswegen aus ihrer Heimat fliehen mussten und bei uns Schutz suchen.
Auch wir, die wir heute Abendmahl feiern und im liturgischen Spiel Füße waschen, sind aufgerufen, wie Christus, oder wie eben ein Oscar Romero unser Leben aufs Spiel zu setzen für die Menschen, die kein Dach mehr haben über Leib und Seele.

Als Zeichen für dieses Mandat – wie die Fußwaschung auch genannt wird – sie ist tatsächlich ein Auftrag an uns: Als Zeichen wird der Abt heute Abend diesen Liebesdienst im Ritual erweisen: Er erweist ihn an sechs Mitarbeitern aus der Wiltener Pfarre; an einem Vertreter unseres Wirtschaftsrates und Freund der Abtei, der uns in weltlichen Dingen berät und am Verwalter, der alle Mitarbeiter des Stiftes repräsentiert; an einem Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem, die sich für die verfolgten Christen im Heiligen Landeinsetzen; an einem der jüngsten Mitbrüder, einem Novizen, stellvertretend für den ganzen Konvent; und an zwei Mitchristen aus Syrien, die vor dem grausamen Krieg in ihrer Heimat fliehen mussten, stellvertretend für die Armen, die Heimat und Hilfe suchen.

Gründonnerstag – Hoher Donnerstag: es ist der Tag, an dem Jesus die heilige Eucharistie einsetzt, seine Hingabe an uns Menschen. In diesem Geheimnis verschenkt er sich uns in Brot und Wein.
Das war aber nicht nur vor 2000 Jahren. Das geschieht bei jeder heiligen Messe – auch heute! Weshalb der Priester bei der Wandlung dieses „heute“ spricht: „Am Abend vor seinem Leiden – das ist heute!“
Auch die Fußwaschung ist nicht nur vor 2000 Jahren geschehen, sie geschieht auch heute Abend als Auftrag an uns alle, jeden Tag den letzten Platz einzunehmen und Menschen die Füße zu waschen: d. h. mit anderen mitleiden, Notleidenden beistehen, Menschen trösten, mit Armen teilen, sie teilnehmen lassen an unserem Leben.

„Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt“ (Joh 13,15), sagt Jesus. Und das Schöne daran: Wenn wir uns auf diesen Auftrag Jesu einlassen, verspricht er uns das Glück, die Seligkeit: „Selig seid ihr, wenn ihr das wisst und danach handelt“ (Joh 13, 17). Wer sich schon öfter auf dieses Mandat eingelassen hat, wird es mir bestätigen: Es können die schönsten Stunden unseres Leben sein, in denen wir über unseren Schatten springen und, statt von oben auf den anderen herabzuschauen, von unten zu ihm hinaufschauen. Wir ahnen, dass wir dort erst anfangen, Christ zu sein. „Selig seid ihr, wenn ihr das wisst und danach handelt!“ Amen. 

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