Liebe Andächtige!

Es ist ein uralter Traum der Menschheit, unverwundbar und ohne Leid zu sein. Ja, in unserer Gesellschaft meint man, das Leid unter allen Umständen umgehen zu müssen. Die Werbung suggeriert uns, dass wir selbst die kleinste Unpässlichkeit vermeiden können, wenn wir nur die richtigen Produkte kaufen. Wenn uns etwas auch nur ein wenig weh tut, so will uns die Pharmaindustrie weismachen, man müsse sofort etwas einnehmen. Auch und besonders dem seelischen Leid versuchen wir davon zu laufen: Denken wir nur daran, wenn jemand in unserem Bekanntenkreis stirbt, dann tun wir uns schwer, auf die Trauernden zuzugehen, mit ihnen dieses Leid zu teilen. Oder wenn jemand sich scheiden lässt, dann suchen wir nicht sofort Kontakt mit den beiden, wissen nicht, was mit ihnen reden, es fehlen uns die Worte, es ist uns im wörtlichen Sinn peinlich.

Nun, grundsätzlich muss man sagen, dass es - Gott sei Dank - heute viele Wege gibt, das Leid zu lindern, es zu beseitigen. Gott will nicht das Leid. Und doch gehört es zum Leben.

1. Gott erlöst uns durch das Leid.

Ja, es gehört sogar zur göttlichen Heilsgeschichte. Gott ist in Jesus Christus ganz Mensch geworden, er ist heruntergestiegen bis zum größten seelischen und körperlichen Schmerz. Jesus von Nazareth durchlebt die totale Einsamkeit. Er fühlt sich vom Vater verlassen: „Eli, eli, lema sabachtani -Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mk 15,34, vgl. Mt 27,46).Und er nimmt die grausamen Qualen der Geißelung und Kreuzigung auf sich. Ohne das Leid gibt es auch keine Heils- und Erlösungsgeschichte. Im Leiden und Sterben und durch dieses Leid hat Christus uns Menschen geheilt. „Durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,5), haben wir in der ersten Lesung aus dem Buch Jesaja gehört. Die leidensbereite Liebe Gottes ist das Fundament unseres Heils. Wir brauchen uns nicht selber erlösen. Christus hat uns erlöst. Deshalb dürfen wir heute das Leiden und Sterben Christi in Dankbarkeit feiern, weil es die Voraussetzung, das Fundament ist für die Auferstehung, für die Erlösung.

2. Gott ist uns nahe im Leid.

Dadurch, dass Christus alles Leiden der Menschen erlitten hat, kann er uns in unserem Leid ganz nahe sein.

Wenn wir die Leidensgeschichte Jesu lesen und meditieren, dann erkennen wir darin auch die Passion der heutigen Welt: Die politischen und gesellschaftlichen Konflikte, Nöte und Zwänge. Auch heute werden in aller Welt Menschen ungerecht verurteilt, abgeschoben, geschlagen, getreten, ermordet. Viele werden ans Kreuz ihrer gesellschaftlichen Rolle geschlagen: als Asylbewerber, als Obdachlose, als psychisch Kranke. In Jesu Passion wird die Leidensgeschichte der Menschheit dargestellt. Da wissen sich die Menschen verstanden in ihrem eigenen Leid und finden darin Trost für das Ausweglose ihrer Krankheit, für die Nöte ihres Lebens und für ihr Leiden an sich selbst.

Wir alle kennen das Leid auch aus unserem persönlichen Leben: Schwere Krankheit, Trennung, Verlust eines lieben Menschen, Depression, Einsamkeit, Verleumdung, Enttäuschungen, Kränkungen usf. Jeder von uns hat seine Leidens-, seine Passionsgeschichte.

Ich möchte ein ganz konkretes Beispiel bringen von einem Menschen, der besonders in seinen letzten Lebensjahren sehr schwer leiden musste: Kardinal Josef Bernardin, gestorben am 14. November 1996, Erzbischof von Chicago. 1995 hatte man bei ihm einen Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert. 1993 meldeten die Medien, dass er wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt werden solle. Kardinal Bernardin war völlig unschuldig. Jemand wollte sich an ihm rächen. In dieser schweren Zeit des seelischen und körperlichen Leids fühlt sich der Kardinal Jesus besonders nahe.

Dazu schreibt er unter anderem in seinem Tagebuch:

„Die Liebe und die Gebete so vieler Freunde waren ein großer Trost für mich. Aber ich hätte die Last dieses schweren Kreuzes nicht ertragen können ohne das tägliche Gebet. Letztlich war es nur die intensive Beziehung zum Herrn – die in diesen Monaten tiefer wurde - ,die mir half, ein gewisses Empfinden von innerem Frieden zu bewahren; das wiederum half mir, jeden Tag meinen pastoralen Dienst fortzusetzen.

Wir stehen hier vor einem großen Geheimnis; doch es stimmt, dass wir durch das Leiden Jesus sehr nahe kommen können. Und das verändert alles!“ Gott ist uns nahe im Leid.

3. Leid verwandelt

Der Mensch, den schweres Leid trifft, quält sich zuerst einmal mit der bitteren Frage: Warum? Warum ausgerechnet ich? Das ist ganz natürlich. Es braucht solche Phasen des Klagens, des Zulassens. Wenn es dann allmählich gelingt, die Frage nach dem Warum in die Frage nach dem Wozu zu verwandeln, dann beginnt der Horizont sich aufzuhellen. Der Mensch entdeckt dann vielleicht auch den Sinn des Leides. Er blickt in Abgründe und Tiefendimensionen, die anderen verborgen bleiben.

Widerstand und Ergebung“, so schreibt Dietrich Bonhoeffer kurz vor seiner Hinrichtung 1945 in Berlin-Flossenburg. Widerstand und Ergebung kennzeichnen das Verhalten Jesu und das Verhalten der Christen zum Kreuz.

Wir leisten Widerstand, indem wir Leid mildern und es aus der Welt zu schaffen versuchen. Der Kampf gegen das vielfältige Elend unter den Menschen entspricht unserer christlichen Berufung.

In der Ergebung aber stehen wir das Unabänderliche durch; wir können es nicht ändern; es ist nun einmal da. Wir nehmen das Leid an, wir nehmen es auf uns, sicher in der Hoffnung, dass dieser Kelch an uns vorübergehen möge. Zum Christsein gehört also auch die Berufung zum Leiden, zum Ertragen des Widrigen und Skandalösen in einem durchkreuzten Leben. Wer Leid und Schmerz im Glauben durchsteht, aushält und bewältigt, der darf die Erfahrung machen: Selbst das härteste Leid kann sich in Segen und Frieden verwandeln. Darum hat Kardinal Josef Bernardin seinem Buch über seine leidvollen Monate den Titel gegeben: „Das Geschenk des inneren Friedens“.

In jedem Leid, das uns widerfährt, steckt immer die Chance der Verwandlung. Im Leiden wandelt sich unser Menschsein. Wir werden in mancher Beziehung sensibler, vermögen uns besser einzufühlen in jene, die das gleiche Schicksal ereilt hat; wir verstehen den anderen besser und tiefer; manche kleinliche Maßstäbe entfallen uns wie von selbst. Wir leiden mit anderen mit und teilen das Leid; wir werden reifer in unseren Anschauungen und freier von Vorurteilen. Wir werden einfühlsamer in der Begleitung von Leidenden und Sterbenden. Wir sitzen am Krankenbett nicht mit Besserwisserei und fertigen Antworten, sondern nehmen Zweifel und Ängste der Leidenden ernst. Wir schweigen und weinen mit ihnen. Wir können besser zuhören.

So gibt es also in unserem Leben Tore, die nur das Leiden öffnen kann. Leid verwandelt uns! 

Liebe Andächtige!

Karfreitag: Wir feiern das Leiden und Sterben Christi.

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