Karfreitag in der Stiftskirche Wilten

Liebe Andächtige!

„Ecce lignum crucis, in quo salus mundi pependit“„seht das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen“. Heute, am Karfreitag, schauen wir auf das Holz des Kreuzes: „Heil‘ges Kreuz, sei hochverehret, Baum, an dem der Heiland hing“.
„Allda kreuzigten sie ihn“,so haben wir eben in der Johannespassion gehört. Diese völlig nüchterne Art des Berichts gibt den Worten unglaubliche Kraft. Die vielen Passanten waren gewohnt, den grauenhaften Todesqualen der Gekreuzigten zuzusehen, wie wir den täglichen Todesfällen auf unseren Straßen: Da stirbt schon wieder einer! Aber dieser eine, der zwischen zwei Namenlosen am Vortag des jüdischen Osterfestes gekreuzigt wurde, ist anders. Sein Name ist nicht vergessen. Denn der da starb, war Gottes Sohn. Und sein Tod war nicht ein Unfall, sondern freiwillig ist er diesen Weg gegangen, für uns, nicht für sich, für uns!

Wir werden jetzt in dieser heiligen Liturgie das Kreuz, das Zeichen unserer Erlösung, verehren. Aber nicht nur heute: Wir sollten das Kreuz Christi immer verehren, wenn wir an einem Wegkreuz vorbeigehen oder ein Kreuz erblicken: Durch ein Kreuzzeichen oder ein stilles Gebet.

Wenn wir auf das Kreuz Jesu schauen, wenn wir es verehren, dann sehen wir auch das maßlose Leid der Menschheit aller Jahrhunderte: Menschen, die einander ermorden, einander töten; die andere foltern, verstümmeln, massakrieren; Menschen, die Todesängste erleiden; Menschen, die an Hunger und Seuchen sterben; Menschen, die vertrieben werden; junge Menschen, die kein Zuhause haben und auf der Straße übernachten müssen; Menschen, die sich in Kerkern und Zwangsarbeitslagern verlassen fühlen; Menschen, die sich nach einem lieben Wort, einem freundlichen Brief, einer tröstenden Umarmung sehnen; Menschen, die alle in Angst und Verzweiflung schreien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Das Kreuz ist das Zeichen der Grausamkeit, der Folter, des Entsetzens. Seit dem Tod Jesu wurde das Kreuz aber auch zum Zeichen der Hoffnungave crux, ave spes mea! Sei gegrüßt, du Kreuz; sei gegrüßt, meine Hoffnung! – heißt es in einem Hymnus aus dem 6. Jahrhundert. Denn an diesem Kreuz hängt das Heil der Welt: Ecce lignum crucis, in quo salus mundi pependit. Seht das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen.

An diesem Kreuz ist der Heiland der Welt für mich gestorben. Dieser Heiland ist für mich Mensch geworden, hat für mich den grausamen Tod erlitten. Seine Freundschaft, seine Liebe ist so groß und so grenzenlos, dass er für seine Freunde das Leben hingibt. Theologen sagen, dass man das Wort „für“ als Schlüsselwort der Gestalt Jesu ansehen darf. „Sein ganzes Leben wird mit dem Wort ‚Proexistenz‘ umschrieben – ein Stehen nicht für sich selbst, sondern für die anderen... Sein Sein ist als solches ‚Sein für‘. Wenn uns gelingt, dies zu verstehen, dann sind wir wirklich dem Geheimnis Jesu nahe gekommen, dann wissen wir auch, was Nachfolge heißt.“ (Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, Band II). 

Jesus, der als Freund uns seine Treue hält, der uns niemals verlässt - im Gegensatz zu uns Menschen - er erweist sich als Freund bis in den Tod. Er geht diesen Weg für uns! Die Liebe Jesu meint es tödlich ernst. Wie kann ich da noch an seiner Freundschaft, an seiner Liebe zweifeln?

Die Liebe Jesu ist eine maßlose Liebe. Das ist ja das Kennzeichen echter Liebe, dass sie keine Grenzen kennt. Im Überschwang der ersten Liebe versprechen sich oft Liebespaare: Für dich würde ich alles tun! Für dich würde ich durchs Feuer gehen! Später freilich sieht dann oft alles nüchterner aus. Da hört man dann eher sagen: alles muss seine Grenzen haben! Liebe, die bis ans Ende geht, fällt uns Menschen schwer. Die Liebe Christi ist maßlos, grenzenlos. Sie stellt keine Bedingungen. Sie fragt nicht: Bist du auch meiner Liebe würdig? Kannst du mir deine Liebe beweisen? Wir Menschen erwarten immer Gegenliebe, Dank, Anerkennung, wir brauchen ein Echo der Liebe. Christus öffnet uns sein Herz bedingungslos, ohne Vorbehalt, auch auf die Gefahr hin, dass er Undank erntet oder gar abgewiesen wird.

Das ist die wichtigste Botschaft, die uns das Kreuz verkündet: Du Freund, Ich liebe dich grenzenlos, bedingungslos, ich bin dir immer nahe, ganz besonders, wenn du leidest, wenn du Schmerzen hast und nicht mehr aus noch ein weißt. Ich habe diese Schmerzen für dich schon durchlitten, damit du meiner Liebe glaubst. Und ich möchte, dass auch du liebst und dein Leben hingibst für die anderen, für deine Mitmenschen – so wie ich mein Blut vergossen habe für alle.

Das Kreuz, das Zeichen des grausamen Todes wurde für uns zum Zeichen der Hoffnung, zum Zeichen des Heiles. Deshalb verehren wir das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen. Heil‘ges Kreuz, sei hochverehret, Baum, an dem der Heiland hing, wo sich seine Lieb bewähret, Lieb, die bis zum Tode ging. Amen.

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