Abt Raimund Schreier bei der Predigt in St. Barthlmä

Vor drei Tagen waren zwei Schwestern bei mir auf Besuch, Schwestern vom Guten Hirten. Eine der beiden, Sr. Georgette arbeitet seit vielen Jahren im Libanon. Sie und ihre Gemeinschaft dort versuchen zu helfen, wo sie nur können. Denn im Libanon, eigentlich so groß wie Tirol, leben inzwischen acht Millionen Menschen, die meisten davon sind Flüchtlinge aus dem Irak und aus Syrien. Es fehlt an Allem: an Platz, an Nahrung, an Medikamenten, an Schulen und Ausbildungsstätten, an funktionierender Politik. Das Militär ist sehr schwach. Und nun bedrohen inzwischen die IS auch dieses Land. In diesem Chaos versuchen die Schwestern vor allem Kindern zu helfen. Soweit sie einen Raum finden, unterrichten sie, aber nicht nur die üblichen Schulfächer, sondern vor allem christliche Werte: Wie kann man mit Menschen anderer Religionen und Kulturen einen Dialog führen? Wie kann man gemeinsam spielen, ohne sich gleich die Schädel einzuschlagen? Wie kann man Frieden schließen? Kinder und Jugendliche, solche die einwandern, aber auch die eigenen, haben keine Werte mitbekommen.

Solche Situationen gibt es inzwischen weltweit. Im fragmentierten und beschleunigten Leben greift Orientierungslosigkeit um sich; Werte für ein geglücktes Leben und vor allem Zusammenleben sind im Verschwinden; für die Begegnung mit Gott gibt es keinen Platz. Mit solchen und ähnlichen Worten hat Papst Franziskus seine Botschaft an das Katholikentreffen mit 100.000 Besuchern in Rimini vor einigen Tagen gerichtet. „Meeting für die Freundschaft zwischen den Völkern“ heißt dieses Treffen. Dabei beklagt Papst Franziskus vor allem die Geschichtsvergessenheit und den „spirituellen Alzheimer“.

1. Spirituelle Alzheimer-Krankheit

Ohne Freundschaft mit Gott, ohne eine tiefe Beziehung mit Jesus Christus, der uns den Vater zeigt (vgl. Joh 14,9), gelingt keine Beziehung unter den Menschen, unter Völkern und Nationen. Denn eine Freundschaft braucht Werte, Grundregeln, braucht ein Fundament, das unseren menschlichen Schwachheiten standhält.

Deshalb brauchen wir für ein gelingendes Leben die tiefe Freundschaft mit Jesus Christus. Wir müssen wieder Jesus kennenlernen, auf ihn hören, mit ihm Zeit verbringen, mit ihm reden, mit ihm schweigen. Das ist der erste und wichtigste Punkt, den wir heute Abend und immer wieder überdenken müssen: Meine Beziehung zu Gott, die Freundschaft mit Jesus. Aber manchmal drängt sich anderes vor, angeblich Wichtigeres und wir vergessen auf Gott. Da beginnt die spirituelle Alzheimer-Krankheit – und plötzlich wird man daran erinnert, dass man diesen Freund eigentlich schon lange wieder einmal anrufen, zu ihm beten sollte.

2. An Gott erinnern

Dazu möchte ich Ihnen eine kurze Geschichte vorlesen:

In Ropschitz, Rabbi Naftalis Stadt, pflegten die Reichen, deren Häuser einsam oder am Ende des Ortes lagen, Leute zu dingen, die Nachts über ihren Besitz wachen sollten. Als Rabbi Naftali sich eines Abends spät am Rande des Waldes erging, der die Stadt säumte, begegnete er solch einem auf und nieder wandelnden Wächter. „Für wen gehst du?“, fragte er ihn. Der gab Bescheid, fügte aber die Gegenfrage daran: „Und für wen geht Ihr, Rabbi?“ Das Wort traf den Zaddik wie ein Pfeil. „Noch gehe ich für niemand“, brachte er mühsam hervor. Dann schritt er lange schweigend neben dem Mann auf und nieder. „Willst du mein Diener werden?“, fragte er endlich. „Das will ich gern“, antwortete jener. „Aber, was habe ich zu tun?“ „Mich zu erinnern“, sagt Rabbi Naftali. (Der Wächter, in: Martin Buber, Die Erzählungen der Chassidim, Manesse-Verlag 1949).

Die wirkliche Pointe steht für mich im letzten Satz: Der Rabbi braucht jemanden, der ihn erinnert.

Wenn wir Kinder im Winter aus dem Haus gegangen sind, hat die Mutter beim Fenster nachgeschaut, ob wir wohl die Wintermütze aufhaben und hat uns unter Umständen nachgerufen und erinnert: „Setz die Kappe auf!“ Und ich, kaum um die Ecke gebogen, habe sie wieder heruntergerissen, damit die Frisur nicht durcheinander kommt. 

Das ist der zweite Punkt: So wie wir uns in der Familie, in Beziehungen oft gegenseitig erinnern, so brauchen wir das auch in Fragen unserer Beziehung zu Gott. Wir brauchen Menschen, Zeichen, Orte, die uns erinnern.

Aus diesem Grund haben unsere Vorfahren hohe Kirchen, besonders hohe Kirchtürme erbaut, damit wir immer wieder an Gott erinnert werden. Wohl deshalb wollten die Terroristen in Barcelona den wunderschönen und hohen Dom, die Sagrada Familia, zerstören. Wir brauchen christliche Zeichen wie das Kreuz, Kapellen, religiöse Gegenstände; wir brauchen das gemeinsame Glaubensgespräch, das gegenseitige Erzählen von unseren Glaubenserfahrungen; wir brauchen den Religionsunterricht, die Bildungshäuser, die Pfarreien und die Klöster, wir brauchen die Gottesdienste: Orte, die uns an Gott und an seine glückbringende Botschaft erinnern, die uns erinnern, dass das Leben gottvoll ist; die uns erinnern, die Gottes- und Nächstenliebe zu leben; die Werte, die uns Jesus in seinem Evangelium mitgibt und die uns heute so fehlen; die uns erinnern, auf diese Botschaft zu schauen. So wie Nathanael – Bartholomäus zu Philippus sagt: „Aus Nazareth? Kann von dort etwas Gutes kommen?“ Und Philippus antwortet ihm: „Komm und sieh!“

Vor allem Menschen, die es im Leben schwer haben, deren menschliche Beziehung gescheitert ist, die in großen Sorgen stecken, die sich von der Kirche entfernt haben: Sie brauchen solche Orte, Zeichen und vor allem Menschen, die sie erinnern, die ihnen Hoffnung geben und Stärkung.

Ich empfehle das Buch Deuternomium, das 5. Buch Mose im AT zu lesen, besonders das 8. Kapitel: Immer wieder werden wir da erinnert, nicht auf Gott zu vergessen: „Und wenn du gegessen hast und satt geworden bist und prächtige Häuser gebaut hast und sie bewohnst… und Silber und Gold sich bei dir häuft und dein gesamter Besitz sich vermehrt, dann nimm dich in acht, dass …du den Herrn, deinen Gott, nicht vergisst…“ (Dtn 8,12-14 partim).

Deshalb ergeht heute wieder an uns der Auftrag, uns gegenseitig zu erinnern, auf unseren Gott nicht zu vergessen. Wie sagt Goethe in seinem Faust: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!“.

Liebe Schwestern und Brüder!

Im „postfaktischen Zeitalter“, also im Zeitalter, das weniger auf Fakten und mehr auf Gefühlen beruht, in dem auch Demokratien immer schwächer werden, gilt es errungene Werte wieder zu entdecken. Wir haben einen großen Schatz, einen Glaubensschatz, an den wir uns gegenseitig erinnern müssen. Aber Voraussetzung dafür ist die tiefe Freundschaft mit Gott, die wir jetzt in der heiligen Eucharistie wieder von neuem besiegeln. Amen.

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