„Musst du immer das letzte Wort haben?“, so hören wir manchmal besonders unter Eheleuten die etwas vorwurfsvolle Frage. Wir reden und sprechen viel, sehr viel, manchmal zu viel. Aber grundsätzlich müssen wir dankbar sein für die vielen Worte, die es in einer Sprache gibt. Denn sie sind das tägliche Kommunikationsmittel, das uns Menschen geschenkt ist.

Und so gibt es zum Thema „Wort“ viele Redensarten: „Hast du noch Worte?“ „Jemand führt das große Wort!“ „Jemanden mit leeren Worten abspeisen.“ „Da habe ich auch noch ein Wort mitzureden!“ „Jemandem ins Wort fallen.“ „Für jemanden ein gutes Wort einlegen.“ „Mit dir muss ich noch ein ernstes Wort reden!“ „Ich nehme dich beim Wort.“ „Jemandem die Worte aus der Nase ziehen“, wenn er nicht sehr mitteilsam ist. „Dein Wort in Gottes Ohr!“ Das bedeutet: Dein Wunsch möge an höherer Stelle Gehör finden, in Erfüllung gehen. Und so fort.

Unter den vielen Worten, die wir uns jeden Tag sagen, und die wir uns ein Leben lang gesagt sein lassen, da gibt es ein paar Worte, die kann ich mir nicht selber sagen. Bei diesen Worten kommt es darauf an, dass ein anderer sie mir sagt.

Sie kennen vielleicht den berühmten Kanon vom hl. Don Bosco: „Die Menschen sind schlecht. Jeder denkt nur an sich; nur ich denk an mich!“ Nicht wenige Menschen lieben hauptsächlich sich selber. Aber: Was habe ich schon, wenn ich mir immer wieder vorsage, dass ich mich selber liebe? Ich kann mir das noch so oft selber sagen: „Ich habe mich gern – und die anderen können mich gern haben…“ – letztlich kommt es darauf an, dass ein anderer zu mir sagt: „Du, ich hab dich gern. Gut, dass es dich gibt.“ Dabei genügt es nicht, sich nur zu denken, dass man den anderen mag. Es braucht Zeichen der Zuneigung, und es braucht – unverzichtbar – das Wort. Oft genügt ein einziges, und man kann wieder atmen, man kann wieder leben. Die wichtigsten Worte im Leben, die kann ich mir nicht selber sagen; da kommt es darauf an, dass ein anderer sie zu mir sagt.

Dazu gehören Worte wie „ich verspreche es“, oder „ich nehme dich an als meinen Mann, als meine Frau, ich will dich lieben, achten und ehren mein Leben lang.“ Dazu gehört auch das Wort „ich vergebe dir“ oder das Wort „Auf dich habe ich gewartet. Du bist meine Rettung. Du bist mein Engel…“. Das sind nicht Wörter, das sind Worte; das sind Worte, die das Leben und oft die Welt verändern allein dadurch, dass sie ausgesprochen sind. Es nützt nichts zu sagen: Du weißt das ja ohnehin, dass ich dich liebe, dass du mir wichtig bist. Die wichtigsten Worte im Leben dürfen, ich sage dürfen, wir uns gesagt sein lassen. Und auch Menschen, die nach außen eine starke Schale zeigen und so tun, als ob sie über allen Gefühlen stehen würden – auch sie sehnen sich auf dem Grund ihrer Seele danach, dass ihnen jemand sagt: „Gut, dass du da bist.“

Vielleicht verstehen wir jetzt ein wenig mehr, was da Großes gesagt wird im Johannesprolog, im Weihnachtsevangelium beim Evangelisten Johannes: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott…und das Wort ist Fleisch geworden“. Gott hat sich ausgesprochen in seinem Sohn Jesus Christus. Übrigens übersetzt der große Gelehrte, der Theologe und Priester, Augustiner-Chorherr und Philologe des 16. Jahrhunderts, Erasmus von Rotterdam diesen ersten Satz bei Johannes aus dem Griechischen Εν   ἀρχῇ   ᾖν   ὁ   λóγος“ ins Lateinische mit den Worten „in principio erat sermo“ im Gegensatz zu Hieronymus, der im 5. Jahrhundert das griechische Wort „logos“ mit „verbum“ übersetzt hatte: „in principio erat verbum“. Erasmus von Rotterdam will damit sagen, dass Gott Gespräch (sermo) ist, dass es der Worte bedarf zwischen Gott und Mensch. Gott hat Ja gesagt, endgültig Ja gesagt zum Menschen, und er wartet auf das Ja von uns.

Und wenn schon wir Menschen untereinander von unseren wenigen Worten, die wir uns in Liebe sagen, oft so gut leben können, um wieviel mehr können wir dann leben vom Wort des lebendigen Gottes. Lassen wir es uns an diesem Weihnachtsfest von Gott aufs Neue gesagt sein: Es ist gut, dass es euch gibt.

Der berühmte Theologe Karl Rahner, der in der Krypta der Innsbrucker Jesuitenkirche begraben liegt, fasst dieses Geheimnis in die einfachen Worte: „Wenn wir sagen: Es ist Weihnacht, dann sagen wir: Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort in die Welt hineingesagt. Und dieses Wort heißt: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch.“ Amen. 

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