Abt Raimund Schreier OPraem

Es war der 11. Oktober 431: Das Konzil von Ephesus verkündet Maria als „Theotókos“, als „Gottesgebärerin“. Der selige Papst Johannes XXIII. wählt dann ganz bewusst auch den 11. Oktober, das war dann im Jahre 1962, um das 2. Vatikanische Konzil zu eröffnen. Und Papst Benedikt XVI. wählt wiederum diesen 11. Oktober anlässlich des 50. Jahrestages des Konzils und eröffnet ein sogenanntes „Jahr des Glaubens“ . In seinem Schreiben „Porta fidei“ – „Tür des Glaubens“ stellt er dabei Maria als beispielhaftes Vorbild für den Glauben hin.

So möchte ich heute Abend zum Abschluss unserer marianischen Feier ein wenig über unseren Glauben nachdenken.

1) In diesem kommenden Jahr des Glaubens könnten wir uns öfters fragen: Was ist denn unser christlicher Glaube? Woran glaube ich denn eigentlich als Christ und wenn ja, stehe ich auch dazu? Bekenne ich mich als Christ zu all den Glaubenswahrheiten? Oder sage ich: Ja, dass es einen Gott gibt, das glaube ich; aber mehr eigentlich nicht. Mit dem Thema Auferstehung, mit Themen wie Gottessohnschaft, Kirche, da kann ich wenig anfangen.
Vielleicht wäre es gut in diesem Jahr des Glaubens, das Credo, das Glaubensbekenntnis durchzugehen – Satz für Satz, und mich oder uns in einer Nachdenkrunde zu fragen: Was spreche ich da eigentlich Sonntag für Sonntag, wenn ich das Glaubensbekenntnis bete oder vom Chor höre? Deshalb lade ich Sie ein: Betrachten Sie das Credo! Lesen Sie auch Texte des 2. Vatikanischen Konzils; lesen oder meditieren Sie aber vor allem die Heilige Schrift. „Denn das Hören des Wortes Gottes im Evangelium“, so schreibt der vor kurzem verstorbene Kardinal Martini, „öffnet mit seiner Kraft unser Herz für den Glauben; das Wort Gottes bringt in dem, der es hört, den Glauben hervor. Das Hören auf das Evangelium...öffnet unser Herz für die großartige Haltung des Vertrauens auf Gott…“, so Martini.
Glaube heißt ja nichts anderes als vertrauen, sich auf jemanden ganz einlassen, sich jemandem anvertrauen. Wir dürfen als Christen unserem Gott vertrauen, ihm glauben. Außerdem macht dieser Glaube uns dann auch fähig, uns stärker auf den Mitmenschen zu verlassen, eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens zu schaffen, die entscheidend ist für die Überwindung vieler Schwierigkeiten im Leben.
In diesem Vertrauen, im geschenkten Glauben erkennen wir Wirklichkeiten, Werte und Tatsachen, die dem Ungläubigen verborgen bleiben. Wir erhalten gleichsam neue Augen, eine Horizonterweiterung.
Deshalb also mein Appell an uns alle: Beschäftigen wir uns wieder mehr mit unserem Glauben, nicht zuletzt auch deshalb, um mit anderen Religionen und Philosophien ins Gespräch zu kommen.

2) Aber der Glaube ist nicht nur eine Sache des Verstandes, der Reflexion, der Erkenntnis der Wahrheit. Glaube muss vor allem gelebt werden: durch die Liebe. Glaube und Liebe hängen ganz eng zusammen. Ja mehr noch: Der Glaube ist Voraussetzung für echte Liebe. Deshalb schreibt Jakobus in seinem Brief – wir haben es eben in der Lesung gehört: „Meine Brüder, was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke?“ (Jak2,14). Und der selige Kardinal John Henry Newman hat einmal folgendes Wort geprägt: We believe, because we love. Wir glauben, weil wir lieben. Er hat damit nicht nur auf den gemeinsamen Wortstamm im Englischen hingewiesen (believe – love), sondern auch auf den tieferen Sinnzusammenhang zwischen glauben und lieben betont.
Wir kennen das aus dem zwischenmenschlichen Bereich: auch dort setzt echte Liebe den Glauben an den anderen Menschen voraus. Erst wenn ich zu jemandem sagen kann: ich glaube an dich, ich vertraue dir, kann ich ihn auch lieben.
So auch bei Gott. Echter Glaube beginnt erst dann zu schwingen, zu glühen, sich zu entfalten, wenn ich vor das Angesicht Gottes trete und mich dem Du des Schöpfers und Erlösers ganz übergebe, indem ich Ja zu ihm sage wie ein vertrauendes Kind zu seinem Vater, indem ich als Bruder oder Schwester von Jesus Christus lebe, indem ich mich leiten lasse vom Heiligen Geist. Dann werde ich – wie der dreifaltige Gott – mein Leben öffnen auf das Leben der Mitmenschen hin, im Dienst an den anderen.
Christus am Kreuz hat es uns nochmals gezeigt, was Dienst am anderen bedeutet: Im äußersten Schmerz, in der grausamen Marter des Kreuzestodes schaut er auf Maria und Johannes. Er kümmert sich um ihre Zukunft. Er gibt ihnen noch den Auftrag, ganz füreinander da zu sein, so wie Mutter und Sohn. Siehe da, deine Mutter; siehe da, deinen Sohn. Schaut aufeinander, wenn ich nicht mehr da bin.
Gestern waren zwei Schwestern vom Guten Hirten bei mir. Sie leben im Libanon, dort wo der Papst gerade eine schwierige Mission als Friedensbringer erfüllt. Diese Schwestern leben mit und für die Ärmsten, besonders für die christlichen Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak. Sie glauben, dass sie in diesen leidenden Menschen Christus begegnen. Da kommen Mütter mit Kindern zu ihnen und bitten um Nahrung. Sie haben keine Milch für ihre Babys; sie können ihre Familie nicht ernähren; der Kühlschrank zuhause ist leer. Da kommen junge Mädchen, traumatisiert durch sexuelle Vergewaltigung auf der Straße durch Terroristen, weil sie keinen Schleier tragen. Da kommen schwer verletzte Kinder, die im Garten oder auf einem Feld gespielt haben und dabei auf eine Mine oder Splitterbombe getreten sind. Beide Schwestern waren jetzt so dankbar, dass sie in Südtirol zwei Wochen Urlaub machen, wieder aufatmen konnten und vor allem in der wunderbaren Schöpfung Gottes sich bewegen konnten ohne Angst haben zu müssen. Diese Schwestern - gemeinsam mit freiwilligen Ärzten, Sozialarbeitern, Studenten im Praktikum sind in Containern stundenlang da, geben ihr Letztes, um diesen Flüchtlingen Leben zu ermöglichen. Sie können wirklich sagen: We believe, because we love.
Ja, sie und viele andere Christen dieser Erde heute und in vergangenen Epochen haben den Glauben sichtbar gemacht, anschaubar. Sie haben gezeigt, dass das Evangelium keine weltfremde und lebensferne Utopie ist; dass ein Leben in der Liebe Gottes neue Tiefen erschließt, letztlich glücklich macht: die anderen und mich selbst. Ich behaupte und glaube: Christen, die lieben, sind der aktuellste Kommentar zum Evangelium; an ihnen kann man das Credo ablesen: die Wahrheiten unseres Glaubens. Ihr Glaubensbekenntnis ist glaubwürdig: Ja, du bist der Messias, du bist der Christus, zu dem ich gehöre und zu dem ich mich bekenne, indem ich meinen Glauben vertiefe und vor allem lebe.
Das wünsche ich uns allen in diesem kommenden Jahr des Glaubens! AMEN.

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