Liebe Andächtige!

Heute am 5. Fastensonntag darf ich Sie und alle Musizierenden ganz herzlich begrüßen in unserer Stiftskirche. Mit diesem Sonntag beginnt die sogenannte Passionszeit, weshalb dieser Sonntag auch der erste Passionssonntag genannt wird.

Gegen Ende der Passionszeit, nämlich am Karfreitag hören wir die Leidensgeschichte des Evangelisten Johannes. Aber es ist gut, wenn wir jetzt schon, am Beginn dieser Leidenszeit diese Texte meditieren.

Abt Raimund Schreier OPraem

Wenn wir die Leidensgeschichte des Johannes lesen, sollten wir wissen, dass sein Evangelium das Evangelium der Vollendung genannt wird. Jesus vollendet, er erfüllt den Plan Gottes. In den Kapiteln 18-21 erfüllt er sein Erlösungswerk. Einige Szenen der Passion weisen besonders hin auf die Erfüllung, auf die Fülle der Offenbarung des Vaters, auf das Leben in Fülle, von dem Johannes immer wieder spricht.

Ein Beispiel ist die Kreuzesinschrift. Pilatus ließ auch ein Schild anfertigen und oben am Kreuz befestigen; die Inschrift lautete: Jesus von Nazareth, der König der Juden“ (Joh 19, 19). Auf den meisten Kreuzen sind diese Worte abgekürzt: INRI. Das ist die lateinische Aufschrift: Jesus Nazarenus, Rex Judaeorum – Jesus von Nazareth, der König der Juden. Das scheint ein unbe-deutendes Detail zu sein gegenüber der Tatsache, dass ein Unschuldiger grausam gekreuzigt wird. Und doch ist diese Inschrift wichtig für Johannes.

Die Inschrift war in drei Sprachen verfasst, in Hebräisch, Lateinisch und Griechisch. Das Hebräische oder Aramäische ist die heilige Sprache der Bibel, Latein war die Sprache der Gesellschaft, der herrschenden römischen Autorität, und Griechisch war die Sprache der Kultur und des Handels. Die Inschrift will sagen: Jesus aus Nazareth, der König der Juden, ist König der Menschheit. Das sollen alle wissen. Es ist eine Erklärung vor der ganzen Welt, sie ist öffentlich und feierlich: „Dieses Schild lasen viele Juden, weil der Platz, wo Jesus gekreuzigt wurde, nahe bei der Stadt lag (V20).“

Die Hohenpriester sind verärgert. Ein König kann nicht am Kreuz enden. Doch Pilatus bleibt bei seinem Entschluss.

Für den Evangelisten Johannes ist der Titel, der Jesus zugesprochen wurde, ein echtes prophetisches Wort, eine königliche Proklamation. Jesus ist der König; er ist der von Israel erwartete Messias; auf dem Kreuz offenbart er seine Größe. Hier offenbart er die übergroße Macht der Liebe Gottes, der auch aus dem Tod Leben hervorkommen lässt. Seine Königsmacht ist rettend und heilend. Die Kreuzesinschrift hat also etwas Erfüllendes, ist Hinweis auf die Vollendung, auf das Ziel, und das ist der Sieg über den Tod.

Auch all unser menschliches Leid, unsere Schwächen, unsere Bedrängnisse, unsere Verletzungen und Kränkungen, all unsere Verlassenheit sind aus menschlicher Warte eine Niederlage, sind ein Karfreitag. Die Leidensgeschichte zeigt jedoch hin auf den Sieg am Kreuz, an dem alles Leid und aller Schmerz überwunden, verwandelt wird durch Christus, dem Gotteslamm, das für uns Menschen gelitten hat. Diesen Gedanken des Gotteslammes, das für uns geschlachtet wurde, wird der Komponist Thomas Selle im Schlusschor besingen und damit den Text aus der Leidens-geschichte  kommentieren: O Lamm Gottes unschuldig. 

Ich danke allen Ausführenden unter der Leitung unseres Stiftskapellmeisters Norbert Matsch für die musikalische Verkündigung der Leidensgeschichte des Johannes, komponiert von Thomas Selle aus dem 17. Jahrhundert. Wahrscheinlich war er ein Schüler von Johann Hermann Schein an der Thomanerkirche in Leipzig und wirkte später in Hamburg.

Nachdem es sich hier um kein Konzert handelt, sondern um eine Andacht, eine Art Gottesdienst, bitte ich am Schluss von Beifallskundgebungen abzusehen. Wir können uns dann in Stille erheben und so unseren Dank und unsere Hochachtung vor den Musikern zum Ausdruck bringen. Danke.

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der Johannespassion

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