„Theologie in Hörsälen ohne Kreuz“ – so stand in der Kathpress vom 18. Feber 2018. In den Hörsälen der Universität Wien und inzwischen auch der Innsbrucker Theologischen Fakultät mussten laut Universitätsleitung die Kreuze abgenommen werden. Sie mussten weg. Öffentliche Säle dürften mit keinen Glaubenssymbolen versehen werden aus Achtung vor Andersdenkenden und Andersgläubigen – so hieß es. Seit der Gründung der Wiener Katholischen Theologischen Fakultät im Jahre 1384 hingen dort Kreuze.

Natürlich bricht deshalb unser Glaube nicht zusammen; und es ist sicher wesentlich wichtiger eine Kreuztheologie zu leben, im Wissen, dass der heutige Mensch das Kreuz weg haben will; das Kreuz muss weg! Er will ein Leben ohne Kreuz, ohne Schmerz: so much pain! Das sei menschenunwürdig.

Hätte es da nicht Kompromisse geben können? Ist es nicht so, dass das Kreuz für uns Christen unser Zeichen ist? Immerhin gibt es in Österreich, wenn auch auf dem Papier, noch drei Viertel Christen, das sind etwa sechs Millionen Menschen. 

In allen Jahrhunderten haben Christen das Leiden Christi meditiert, haben Kreuze aufgehängt und angebracht, um sich zu erinnern: Christus ist für mich gestorben. Auch ich muss das Kreuz tragen und darf es tragen für andere. Ganz besonders, als Ordensgemeinschaften die ersten Spitäler bauten, da haben sie in jedes Zimmer ein Kreuz gehängt, damit die Kranken Trost finden könnten.

Der berühmte Isenheimer Altar von Matthias Grünewald aus dem 16. Jahrhundert stand in einem Spital, in dem Menschen mit den schrecklichsten Krankheiten lagen. Viele sahen aus wie der grauenhaft zerschundene Leib Jesu (vgl. Titelbild auf dem Liedblatt).

Warum hat Meister Grünewald das Leiden Jesu so realistisch und grausam dargestellt? Warum wird auch heute noch die Passion Jesu so blutig gemalt, besungen, verfilmt -  wie etwa der Film „The Passion“ von Mel Gibson?

Karfreitag - Stift Wilten

Es gibt wohl zwei Gründe:

1. Die Tatsache, dass die Passion Jesu wirklich unvorstellbar grausam war. Noch heute muss uns das Entsetzen darüber befallen, dass Menschen anderen Menschen solche Qualen bereiten können. Passion geschieht auch heute: Die allabendlichen Bilder im Fernsehen zeigen uns unendliches, schreckliches Leiden in aller Welt, Kriege, Gewalt, Naturkatastrophen, Flucht. Stummes Leid liegt auf einem großen Teil der Menschheit: Hunger, Krankheit, Unterdrückung, Unfreiheit. Und wieviel verborgenes Leid versteckt sich hinter der Fassade unserer Wohlfahrtsgesellschaft; denken wir nur an den Pflegebereich oder auch an nicht enden wollende Depressionen, an tiefe Erschöpfungszustände und andere Facetten innerer Not.

Das Kreuz Jesu erinnert uns daran, nicht vom Leid der anderen wegzuschauen, sondern hinzuschauen, es mitzutragen, zu helfen, wo es möglich ist, beizustehen, zu trösten, oder auch einfach in der Nähe zu sein und zu schweigen, lieber öfters schweigen, als ergreifende Worte über das Leiden zu sprechen.

Das Leiden kann auch Gemeinsamkeit stiften, Solidarität schaffen. Jemand erzählte mir, als er mit Krebs im Krankenhaus lag, traf er auf derselben Station eine Mitpatientin und fühlte sich mit ihr zutiefst verbunden, auch wenn er sie gar nicht kannte. Ähnliche Zeugnisse einer tiefen inneren Verbundenheit gab es auch in den KZs und Todeszellen: eine „Ökumene des Leidens“.

Und noch etwas: Ein wacher Blick auf das Leid der anderen hilft ganz nebenbei auch, das eigene Leid zu vergessen.

Der Blick auf das Leid der anderen schafft Solidarität, Gemeinschaft. 

2. Der zweite Grund, warum das Leiden Christi oft so realistisch und grausam dargestellt wird: All das, was wir hier sehen und betrachten, ist eine erschütternde Feststellung des Glaubens. All das hat Jesus wegen mir und für mich gelitten. Im Angesicht solcher Bilder - wie der Gekreuzigte des Isenheimer Altares - konnten und können Leidende, Kranke und Behinderte ihr Leiden mit dem Leiden Jesu verbinden. Der zärtliche Blick Jesu am Kreuz tröstet, die Kraft seiner Worte und Verheißungen stärkt uns und vermittelt Hoffnung. Und die Menschen wussten im Blick auf den Auferstandenen, welche Erlösung sie erwartete.

Liebe Andächtige!

Eine Kultur, die das Kreuz ablehnt und gegen das Kreuz protestiert, beraubt sich einer enormen Kraft.

Deshalb: Wenn wir vom Leid der anderen hören und sehen, wenn wir selber leiden, schauen wir auf das Kreuz, auf den, der für uns gelitten hat: Er schenkt uns Trost und Nähe; und er verbindet uns Leidende zu einer Gemeinschaft, die uns auch trägt und ein Stück Heil schenkt.

Wann immer wir an einem Kreuz vorbeigehen oder davor stehen, denken wir an das unermessliche Leid so vieler Menschen und danken wir dem Gekreuzigten, der für uns den Tod auf sich genommen hat, indem wir sprechen: „Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst“. Amen.

 

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