Wer von Ihnen schon einmal in Jerusalem war, kennt natürlich auch den Tempelberg, wo heute nur mehr die Westmauer des im Jahre 70 nach Christus zerstörten Tempels steht, die so genannte Klagemauer. Die Juden weinen immer noch um ihren Tempel. In den Texten des heutigen Kirchweihfestes spürt man, wie viel der Jerusalemer Tempel dem Volk Israel bedeutet hat: „Wie liebenswert ist deine Wohnung, Herr der Heerscharen! Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel des Herrn.“ (Ps 84,2f).

Jesus als Tempelliebhaber
Es war ja nicht irgendein Tempel, sondern der Tempel, das zentrale Heiligtum, die Mitte der heiligen Stadt Jerusalem und damit ein Symbol dessen, was Israel im Innersten zusammengehalten hat. Der Tempel war verbunden mit den Wallfahrten nach Jerusalem, mit Zusammenkünften des ganzen Volkes.
So berichtet der Evangelist Johannes ziemlich am Beginn seines Evangeliums, also des Wirkens Jesu: „Das Paschafest der Juden war nahe und Jesus zog nach Jerusalem hinauf“ (Joh 2,13). Jesus also reiht sich ein in die große Wallfahrt, um dort das Paschafest zu feiern. Jesus hat als Jude auch den Tempel geliebt, und er hat als Gottessohn das Haus seines Vaters geliebt. „Macht das Haus meines Vaters nicht zur Markthalle“, wird er die Taubenhändler tadeln. Jesus hatte eine heilige Begeisterung für das Haus seines Vaters, und er zog als Wallfahrer immer wieder begeistert dorthin.

Auch für uns Christen sind die Kirchen die Herzmitte unseres Ortes, unseres Klosters, unseres Lebens. In dieser heiligen Wohnung ist Gott gegenwärtig, wenn wir Eucharistie feiern, wenn wir Chorherren drei Mal am Tag das Lob Gottes singen stellvertretend für viele, die nicht beten können und angeblich keine Zeit dafür finden. Hier feiern wir die Höhepunkte des liturgischen Jahres in besonderer Dichte und mit großer Feierlichkeit. Hier erleben Chorherren die Sternstunden ihres kanonikalen Lebens: bei der Ordensprofess, eventuell bei einer Priesterweihe, bis zum dem Tag, an dem die Mitbrüder an einem Sarg das Requiem feiern. Hier werden wichtige Ereignisse unserer Lebensgeschichte gefeiert: Taufe, Firmung, Trauung, Jubiläen. Staunend können wir wie Jakob in Bet-El ausrufen: „Wirklich, der Herr ist an diesem Ort…hier ist das Haus Gottes und die Pforte des Himmels.“ (Gen 28,16f). Hier ist das Haus Gottes, nicht weil Gott auf steinerne Gebäude angewiesen wäre, er „den selbst der Himmel und die Himmel der Himmel nicht fassen“, wie König Salomo bei der Einweihung des herrlichen von ihm erbauten Tempels in Jerusalem betend bekannt hat (vgl. 1. Lesung: 1 Kön 8,27).
Auch wir freuen uns über unseren Tempel, über unsere Kirche. Und ich danke allen, die diese Liebe nicht nur durch ihr Kommen, sondern auch ganz konkret zeigen: Vom Reinigen und Putzen, vom Blumenschmücken, vom Vorbereiten der Liturgie, bis zu den liturgischen Diensten. Fast genau nach einem Jahr der Wiedereröffnung unserer wunderschön restaurierten Stiftskirche dürfen auch wir einstimmen in den Psalm 84,2: „Wie liebenswert ist deine Wohnung, Herr der Heerscharen! Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel des Herrn.“

Jesus als Tempelkritiker
Jesus liebt seinen Tempel. Aber gerade weil er den Tempel und den Glauben seines Volkes liebte, war er auch tempelkritisch. Es gab nämlich im Tempel, der ja ein Riesenunternehmen mit Tausenden von Priestern war, auch beachtliche Missstände. So z. Bsp. die Wucherpreise beim Kauf der Opfertiere. Denn diese Tiere wie auch die Tempelsteuer durften nur mit umgewechselter Tempelwährung bezahlt werden. Zu diesem Zweck hatten sich im äußeren Vorhof des Tempels Geldwechsler niedergelassen, die wiederum ein entsprechendes Aufgeld für den Umtausch einzogen. Und Jesus platzt der Kragen und er treibt sie alle aus dem Tempel, aus dem Haus seines Vaters. Aber er ist trotzdem dem Tempel treu geblieben.
Auch heute gilt es trotz berechtigter Kritik der Kirche treu zu bleiben, nicht auszutreten sondern aufzutreten. Denn hinter diesem äußeren Bau steht der Bau des Heiligen Geistes, die Kirche aus lebendigen Steinen, die über die ganze Erde und bis in Ewigkeit reicht. So schön und so wichtig unsere Kirchengebäude sind: Sie dienen letztlich dem Aufbau der Kirche Christi. Ob nämlich Kirche lebendig ist, hängt nicht an einem noch so herrlichen Gebäude. Das hängt immer an den Menschen, die das geistige Haus dieser Kirche bilden. Es gilt also, die Kirche aus lebendigen Steinen immer wieder zu renovieren, zu erneuern, sprich täglich umzukehren, wie auch unser hl. Vater Norbert es immer wieder gepredigt hat.

Liebe Andächtige! Menschen erfahren eine heilende und orientierungs-schenkende Kirche in der Stille eines Gotteshauses, bei der Feier der Liturgie, in der die Taten Gottes verkündet werden.
Aber in Fülle erfahren sie heilende Kirche erst dann, wenn sie darin und außerhalb Menschen begegnen, die erfüllt vom Heiligen Geist, erfüllt von der Freude über die Gegenwart Gottes eine Kirche vermitteln, die Heil schenkt und Glück. Möge das heutige Kirchweihfest uns diese Freude wiederschenken. Amen.

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