Es gibt Diebe, die von den Gesetzen nicht bestraft werden und doch den Menschen das Kostbarste stehlen: die Zeit!“, so Napoleon Bonaparte. Dichter und Philosophen wie auch Theologen haben sich im Laufe der Zeitepochen viele Gedanken gemacht über das Phänomen Zeit. Die Zeit hat großen Einfluss auf unser alltägliches Leben. Wie oft reden wir im Laufe eines Tages von der Zeit: Von der guten alten Zeit, wenn wir die vergangenen Jahre mit ihren Erinnerungen verklären. Ich habe keine Zeit! Diesen Satz hören wir sehr oft aus dem Munde unserer Mitmenschen. Wir sagen, dass jemand, der nichts tut, die Zeit totschlägt. Und wenn lästige Menschen nicht aufhören zu reden, dann stehlen sie uns die Zeit. Im Gegensatz dazu opfern wir Zeit für jemanden, der uns braucht. Und manchmal tun wir etwas nur alle heiligen Zeiten, das heißt selten. Manchmal sind wir unmodern: Wir sind nicht mit der Zeit. Und wenn uns die Zeit davon zu laufen scheint, dann sagen wir: Wie doch die Zeit verfließt und verrinnt! Diese Terminologie erinnert uns an die altägyptischen Wasseruhren bzw. die alte Sanduhr.
Die Uhr, die die Zeit misst, repräsentiert sozusagen die Zeit. Deswegen schauen wir ja so oft auf die Uhr während der Arbeit, bei einer endlosen Konferenz oder bei einer gar zu langen Predigt.
So möchte ich in diesem Gottesdienst an der Wende vom alten zum neuen Jahr über die Zeit meditieren an Hand von drei verschiedenen Uhren.

1. DIE SANDUHR
Vorige Generationen haben die Zeit mit der Sanduhr gemessen. Da haben sie mitangesehen, wie der Sand vom oberen Glas ins untere rinnt. Zeichen der verrinnenden Zeit. Die Zeit läuft ab, sie ist befristet. Sie ist endlich. Die Sanduhr ist Hinweis auf die Endlichkeit des menschlichen Lebens. Und damit auch auf den Blickwinkel der Ewigkeit.
Sie kennen vielleicht die Geschichte von dem Studenten, der voller Begeisterung zum hl. Philipp Neri kommt und ihm sagt, dass er sein Staatsexamen als Jurist bestanden habe. Ohne ihm zu gratulieren, fragt ihn Philipp Neri: „Und was kommt dann?“ Immer noch voller Begeisterung gibt der Student zur Antwort: „Dann werde ich Rechtsanwalt. Dann werde ich Prozesse führen und gewinnen.“ „Und dann?“, fragt Philipp Neri weiter. „Dann werde ich heiraten und Kinder haben.“ „Und dann?“, bohrt Philipp Neri weiter. „Dann werde ich vielleicht in ein hohes Staatsamt berufen.“ „Und dann?“ Recht kleinlaut gibt der Student zur Antwort: „Dann werde ich sterben.“ „Schau, und dann wirst du vor Gottes Gericht stehen. Daran solltest du bei allem, was du tust und anfängst, denken.“
Dieser Blickwinkel der Ewigkeit relativiert so viel und macht uns sehend für das Wesentliche des Lebens. Und er macht uns aufmerksam auf das Jetzt. Denn die Zeit der Vergangenheit und die Zeit der Zukunft haben wir nicht in den Händen. Nur die Gegenwart, das Jetzt.
Der Augenblick macht uns auch aufmerksam, macht uns achtsam für das Neue, für einen neuen Anfang. Gott schenkt uns in unserer Lebenszeit immer wieder einen Neuanfang, besonders dann, wenn wir meinen, alles wäre am Ende. Deshalb wünschen wir uns auch einen „guten Rutsch“! Das hat nichts mit dem Hinüberrutschen in das neue Jahr zu tun. Das kommt aus dem jüdischen rosch ha schana (rosch ist der Kopf, der Anfang). Rosch ha schana ist das jüdische Neujahrsfest: der Anfang des neuen Jahres. Wünschen wir uns einen guten Anfang, immer wieder einen Neubeginn im Leben des Augenblicks, im Blickwinkel der Ewigkeit.

2. DIE AUTOMATIKUHR
Heute tragen viele Menschen eine Automatikuhr. Sie zieht sich von selbst auf durch unsere Handbewegungen. Durch die Bewegung wird Energie gewonnen. Alles ist in Bewegung, alles fließt - πάντα ῥεῖ: ein Satz des griechischen Philosophen Heraklit. Alles ist in Bewegung. Hier ist nicht Stress oder übertriebener Aktionismus gemeint, sondern energiegeladene Aktivität. Zum Überleben braucht der Körper Bewegung, und wir brauchen Arbeit, aktives Schaffen für eine funktionierende Gesellschaft. Zum Miteinanderleben brauchen wir soziale Netze, Treffen, das Aufeinanderzugehen. Unsere Seele braucht zum Überleben positive Impulse, braucht eine Botschaft, eine Message, die Glück und Wohlbefinden zuspricht. Für all das braucht es unsere actio, unseren aktiven Beitrag für uns und das Leben der anderen. Für uns Christen heißt das Verkündigung, Einsatz für Menschen in materieller und seelischer Not.
Ich danke allen, die sich mit großer Energie engagieren für das Leben vieler Menschen: Für das Leben im Stift, in unserer Pfarre, ganz besonders für die Armen, für die Gottsuchenden. Ich kann mich jetzt nicht bei jedem einzelnen bedanken: Exemplarisch möchte ich heute nur eine Gruppe nennen, die in großer Treue Gott am Altar dient: Es sind die Ministranten. Ich danke Euch für dieses Vorbild, das Ihr der ganzen Gemeinde gebt und für Eure Dienste.
Für die innere Energie sind für uns Zeiten notwendig, in denen wir die Automatikuhren ablegen. Dann bleiben sie stehen. Aber in diesen Zeiten des angeblichen Stillstands, der körperlichen Erholung, des Entspannens, der seelischen Auszeit brauchen wir keine Uhr: Wir dürfen und müssen uns und anderen Menschen solche Zeiten schenken. Es ist übrigens das schönste Geschenk, das wir in diesen Zeiten des Gejagtseins und des überfüllten Terminkalenders schenken können. Geschenkte Zeit wird dann auch zur erfüllten Zeit.

3. DIE SOLARUHR
Hier geht es um die Kunst, Sonnenenergie zu speichern. Es braucht keine Batterien. Ein Akku wird gespeist von der Sonne.
Auch unsere Seele dürfen wir im kommenden Jahr, besonders in diesem „Jahr des Glaubens“, in die Sonne halten. Unsere Sonne ist Christus, das Licht, das uns unser Leben, auch unser Glaubensleben erhellt, erwärmt, anfeuert.
Deshalb lade ich Sie ein, im kommenden Jahr unsere Seele wieder öfters in die Sonne zu halten, besonders am Sonntag, an dem wir göttliche Kraft geschenkt bekommen durch das Wort Gottes und durch das göttliche Brot; bei Exerzitien im Alltag, bei Glaubenskursen und Fastenpredigten, bei der Lektüre der Heiligen Schrift, in Glaubensgesprächen, bei Wallfahrten, im persönlichen Gebet.
Gerade in Zeiten der inneren Trockenheit, in Zeiten des Glaubenszweifels brauchen wir die göttliche Sonnenenergie als Kraftquelle für eine erfüllte Zeit. Möge dieses Jahr des Glaubens uns durch viele Zeitzeugen deutlich machen, welch großes Geschenk unser christlicher Glaube sein kann. Altbischof Reinhold wurde zu seinem 91. Geburtstag unter anderem gefragt: „Was empfinden Sie als größte Gnade in Ihrem Leben?“ Der Altbischof zögerte keine Sekunde und gab zur Antwort: „Meinen Glauben. Das ist etwas Schönes, was ich nie widerrufen musste.“

An der Zeitenwende des Jahres dürfen wir die Frage im zweiten Futur, stellen: Wer möchte ich einmal gewesen sein?
• Beim Jahresbeginn entscheiden wir uns wieder für ein Leben, gesehen im Blickwinkel der Ewigkeit, gelebt im Augenblick. Daran erinnert uns die Sanduhr.
• Wir entscheiden uns für einen bewegten Einsatz für unsere Mitmenschen wie auch für Zeiten der Entspannung und der Stille. Daran werden wir erinnert durch die Automatikuhr.
• Und wir entscheiden uns für ein Leben, das sich der göttlichen Sonne aussetzt. Das ist das Bild der Solaruhr.

Legen wir unser Leben ganz in die Hände Gottes, wie wir beim Nachtgebet (Komplet) der Kirche beten: „Herr, auf dich vertraue ich, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Amen.

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