Der selige Papst Johannes Paul II., an dessen Besuch im Jahre 1988 hier in Wilten hinten im Eingang die Darstellung erinnert, hat im Jahre 1999 seine Heimat Polen zum letzten Mal besucht. Zum Schock seiner Organisatoren äußert er ganz spontan den Wunsch, eine Familie zu besuchen. „Vor etwa 40 Jahren habe ich dort“, so der Papst, „an einem besonders heißen Tag bei meiner Kajak-Tour auf Masuren ein Glas kühler Sauermilch geschenkt bekommen.“ Diese Begebenheit fiel dem Papst dank seines Langzeitgedächtnisses plötzlich ein. Er würde gerne sehen, ob es den ärmlichen Bauernhof noch gibt. Die Verblüffung des Bauern konnte nicht größer sein, auch über den Grund des Besuches. Hat er doch unzählige Gläser Sauermilch im Leben verschenkt. Weil dies zur Normalität seines bäuerlichen Lebens dazugehörte. Eine Woche später wurde der Bauer von Journalisten gefragt, ob sich bei ihm seit dem Besuch etwas verändert hat. Seine Antwort: „Früher habe ich meine Armut verflucht. Es schien kein Sinn mehr im Leben zu sein. Und da kam der Papst zu uns und wusste unser Leben zu würdigen. Das hat meine Einstellung zu meinem Leben geändert.“ Rein äußerlich hat dieser nicht geplante Besuch des Papstes nichts verändert. Immer noch dieselbe Armut und immer noch dieselbe Mühsal. Und doch ist alles anders seit dem Tag, an dem ein anderer dieses Leben zu würdigen wusste.

1. Die Würde des Menschen
Was hat denn die Geburt Jesu am Unheil dieser Welt verändert, was an der Existenz der Menschen verbessert? So fragen die Religionskritiker. Rein äußerlich betrachtet: nichts. Und doch, so sagen die Theologen: alles! Gott hat durch seine Menschwerdung die menschliche Existenz gewürdigt.
Durch die Geburt des göttlichen Kindes ändert sich für die Hirten in Bethlehem, die am Rand der Gesellschaft waren, gar nichts in ihrer realen Welt. Sie bleiben arm, rechtslos, ausgesetzt. Und dennoch hat der geöffnete Himmel ihr Leben verändert: Er hat ihnen eine neue Identität gegeben. Die Rechtlosen haben einen Wert bekommen; mehr noch: eine neue Würde. Diese Würde aller Menschen ist eine der deutlichsten Folgen der Botschaft der Heiligen Nacht. Gott hat die Würde des Men-schen gerettet. Wie? Er hat den Menschen so gewürdigt, dass er selber einer von uns geworden ist. Seitdem hat jeder Mensch, auch und besonders der arme und schwache, der ausgestoßene, der kranke und alte Mensch Teil an der Gottheit Jesu. Darin liegt unsere Dignität, unser Würde.
Ich empfehle es der Nachdenklichkeit und der Vorstellungskraft der Zeitgenossen, sich eine Welt vorzustellen, auf der es Christus nicht gegeben hätte.“ – sagt Heinrich Böll. Was wäre die Welt ohne Weihnachten!

2. Unbedeutender Platz: ein Stall
Papst Johannes Paul II. trat also bei seinem Besuch in Polen nicht nur in den Kathedralen und auf den großen Plätzen der Städte auf. Er geht in ein abgelegenes Dorf, um diesem armen Bauern die Ehre zu erweisen, um ihn zu würdigen und ihm nach so langer Zeit nochmals Danke zu sagen.
Jesus Christus ist nicht in Rom zur Welt gekommen, in der Mitte des damaligen Erdkreises und auch nicht in der heiligen Stadt Jerusalem, sondern in Bethlehem, an einem unbedeutenden Ort, und noch dazu in einem Stall. Ein Stall ist an sich kein Platz für Menschen und schon gar nicht ein Platz für ein neugeborenes Kind.
C. G. Jung, der Altmeister der Psychoanalyse ist überzeugt, dass diese Tatsache uns etwas Wichtiges zu sagen hat, die Tatsache, dass Christus ausgerechnet in einem Stall geboren wurde. Stall ist das Bild für das Unaufgeräumte, das Chaotische, wo es dreckig ist und wo es nicht gut riecht, wo man nicht wohnen, nicht bleiben und wo man niemanden empfangen möchte. Und deshalb, so C. G. Jung, sollten wir Menschen den Mut haben, den Stall im eigenen Herzen anzuschauen, all das Ungeordnete, das Chaotische, das Unsaubere, das, was man am liebsten vor sich selber und vor den anderen verbergen möchte. Genau in diesem dreckigen Stall meiner Seele will Christus immer wieder geboren werden.
Weihnachten verkündet, dass Gott im Chaos unseres Stalles sein göttliches Leben aufblühen lässt, dass er die zerbrochenen Stücke, die Scherben und Trümmer unseres Lebens neu zusammenfügen wird.

3. Die Liebe Gottes ist aufgeleuchtet
Papst Johannes Paul II. hat durch diesen Besuch beim Bauern seine Liebe gezeigt, seine Herzenswärme.
Das göttliche Kind kommt in unsere Welt, um die Liebe Gottes zum Leuchten zu bringen. Das geschieht überall dort, wo wir Christen den Menschen in Liebe begegnen, absichtslos, einfühlsam und herzlich. Dies geschieht dort, wo Menschen einander verzeihen, wo sie Frieden stiften. Der weihnachtliche Friede, den die Engel verkünden, er will Wirklichkeit werden in den alltäglichen Beziehungen unter uns Menschen. Er fängt schon an, wenn wir uns aufrichtig grüßen, wenn wir uns in die Augen schauen, aufeinander zugehen, miteinander ins Gespräch kommen, uns begegnen mit Wohlwollen und Respekt. Der Friede wird lebendig, wo wir verlässlich sind, gute Freunde und treue Eheleute, hilfsbereite Nachbarn und aufmerksame Nächste.

• Möge dieses Weihnachtsfest 2012 uns Christen verwandeln, damit wir die Würde aller Menschen wieder neu entdecken,
• damit wir den Stall unseres Herzens für Christus öffnen
• und damit die göttliche Liebe ganz konkret zum Leuchten kommt in unseren Familien, in unseren Gemeinschaften.

Was wäre unser Leben ohne das Weihnachtsfest!?

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