Dekan Józef Niewiadomski

Wie soll man heute AN GOTT glauben, wie von ihm reden? In einer Zeit, in der im Namen Gottes Terroranschläge verübt werden! Die Selbstmordattentäter, die sich selbst in die Luft jagen und andere Menschen in ihrem Hass mit in den Tod nehmen: bestätigen sie nicht die liberale Meinung: Gottesglaube sei das eigentliche Gift des menschlichen Zusammenlebens? Gottesglaube sei die Quelle der Intoleranz? Wie soll man heute an Gott, DEN VATER glauben, werden auch die Feministinnen aufschreien. Das patriarchale Gottesbild verführe nicht bloß Männer, sondern ganze Kulturen zur Unterdrückung der Frau. Wenn schon Glauben, dann auf jeden Fall Glauben jenseits von Gott Vater. “Grüß Göttin” - konnte man vor nicht allzu langer Zeit an den Grenzen Tirols lesen. Wie soll man schließlich an Gott, den Vater, DEN ALLMÄCHTIGEN glauben, werden auch die gut sozialisierten Katholiken fragen, jene, die der Kirche den Rücken gekehrt haben. Katholiken, die dann auch zur Rechtfertigung ihres Schrittes immer wieder auf die Übel in der Welt und das viele Leiden hinweisen. Katholiken, die sich unter Gott eben nur noch einen übermächtigen Ordnungshüter vorstellen können, im Grunde einen Buchhalter, oder einen himmlischen Polizisten, der peinlich genau beobachtet und strafft: “Ein Auge gibt’s was alles sieht, was auch in finstrer Nacht geschieht!” Vor allem unter der Bettdecke. Der göttliche Polizist, dem strengen Vater mit seiner Zuchtrutte nicht ganz unähnlich, der ihnen gerade in der Pubertät das Leben sauer machte, nistete sich in vielen Köpfen ein: als Inbegriff des schlechten religiösen Gewissens. Indem diese religiös sozialisierten Menschen dem göttlichen Buchhalter den Rücken gekehrt haben, glauben sie nun frei geworden zu sein. Frei vom übermächtigen Vater. Frei vom Buchhalter. Frei vom Polizisten. Frei für das Leben, wie sie sich selber dieses Leben vorstellen: eben ein Leben ohne Gott!

Liebe Schwestern und Brüder! Der Katalog der Ressentiments gegen Gott, der ganz persönlichen Ressentiments ist in unserem kulturellen Gedächtnis zu einem ganz dicken Buch gewachsen. Vielen - allzu vielen Menschen der Gegenwart erscheint Gott, jener Gott, den das Glaubensbekenntnis der Kirche in einem Glaubenssatz zu umschreiben sucht, dieser Gott erscheint vielen Zeitgenossen als die eigentliche Ursache der vielfältigen Schatter, die sie in ihrem Alltag erfahren, als Störenfried, als einer, der Ihnen das Leben vermasselt. Wie können nun wir: die Gläubigen mit diesen Schwierigkeiten, die auch keinem von uns fremd sind, wie können wir damit umgehen? Können wir solche Schwierigkeiten auch rational klären?

Sucht man in der Tradition eine einfache und klare Antwort auf solchen Ressentiments, so wird man sich mit folgendem Hinweis verhelfen können. Auf welche Art und Weise nimmt ein Mensch, der sich von der Sonne abgewendet hat, wie nimmt er diese Sonne wahr? Als Ursache des Schattens! Die Sonne im Rücken scheint ihm die Ursache des Schattens zu sein, jenes Schattens, der sich vor seinen Augen ausbreitet. Und ihm die Welt verdunkelt. Ob er nach links oder nach rechts rückt, nach vorne oder nach hinten, er wird dem Schatten nicht entfliehen. Er kann auf diesen Schatten bloß nur fluchten. Ein Leben lang. Verhält es sich nicht ähnlich mit dem Menschen, der Gott den Rücken kehrt und der nur noch mit dem Restglauben lebt? Oder aber mit einem aggressiv abgelehnten Gott? Dieser wird von dem Menschen nur noch als Quelle der Schwierigkeiten erlebt. Als Ursache der Intoleranz. Der Unterdrückung. Als Grund seines Selbsthasses. Sein Leben lang wird dieser Mensch nach links oder rechts rücken, nach vorne oder nach hinten: aus dem Schatten kommt er nicht hinaus!
Als ob sie diese Logik des Schattens verinnerlicht hätten, nähern sich alle großen Religionen der Menschheit: das Judentum, das Christentum und auch der Islam, sie nähern sich dem Satz: “Ich glaube..., Ich glaube an..., Ich glauben an Gott!”, sie nähern sich diesem Satz über einen anderen Satz, nämlich: “Dreh dich um! Kehre um! Wende dein Gesicht der Sonne zu! Drehe dich der Sonne zu und finde Freude an Gott und dem Glauben!” Die Freude an Gott wird dein Schutz sein, damit du dein Leben nicht mit den hoffnungslosen Fluchtversuchen vergeudest. Der Flucht aus dem Schatten, den du selber wirfst. Unisono im Chor der großen Weltreligionen mitsingend, auf den Wert der Umkehr zur Sonne also aufmerksam machend, schert das Christentum aber dann doch noch aus dem multireligiösen Chor aus: Wenn es im Glaubensbekenntnis betet: Wir glauben, ich glaube an GOTT, DEN VATER!

Was hat das zu bedeuten, wenn wir fast bei jeder Messe so beten, wenn wir bekennen: ich glaube an Gott, den Vater? Fragt man den sprichwörtlichen Menschen von der Straße, jenen der platte Aufklärungsbücher liest und Popularsendungen zu religiösen Themen schaut, so wird man land auf land ab mit platten Missverständnissen konfrontiert. Das Bekenntnis sei doch bloß Verkirchlichung alter germanischer Vorstellungen: der Vorstellung von Gottvater Wotan, oder aber klassisch mythologischer Bilder des Gottvaters Zeus, Jupiters und wie sie auch alle heißen mögen: diese robusten Männer in bestem Mannesalter, potent und kriegslüstern. Oder aber Männer, die ein bisschen vergreist sind. Land auf, land ab findet man als Antwort auf die Frage nach dem Inhalt des Bekenntnisses jenes Wesen also, das die Feministinnen so gerne als den Gottesglauben an die Wand malen, indem sie ein Zerrbild tradieren.

Nein! Nein, liebe Schwestern und Brüder, wenn Christen bekennen: “Wir glauben an Gott, den Vater”, dann sagen sie etwas ganz anderes aus. Sie stammeln bloß ein anderes Bekenntnis nach: das Bekenntnis Jesu, der als einziger unter der Sonne auf einzigartige Art und Weise bekennen konnte: ich glaube Gott, dem Vater! “Niemand hat Gott je gesehen. Der einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht” - bekennt das Johannesevangelium (Joh 1,18) und bringt damit jene religiöse Revolution auf den Begriff, die einen Stolperstein für alle Religionen der Menschheit darstellt. Wir glauben - um in unserem Bild zu bleiben -, dass die uns alle erleuchtende Sonne, die wir ja meistens im Rücken haben, weil wir uns von ihr immer wieder abwenden, wir glauben, dass diese Sonne von uns Menschen nicht nur durch Umkehr gefunden werden kann, was halt alle Religionen als gemeinsames Erbe glauben. Die Christen glauben darüber hinaus, dass die Sonne selbst in unseren Schatten kam. Und dazu noch: sie kam der menschlichen Umkehr zuvor! Nur das Christentum sieht ja in Gott nicht eine unpersönliche Macht, also nicht bloß so etwas wie die Sonne und auch nicht den Mann oder aber die Frau im besten Alter, Wesen also, deren Hauptaufgabe darin besteht, die Welt zu ordnen, zu strafen, zu hegen und zu pflegen. Nein! Die Christen glauben Gott als Liebe, also als Gemeinschaft von Personen, als eine Fülle von Beziehungen, als den Inbegriff von Hingabe. Der göttliche Sohn kommt in den Bereich unseres Schattens, er wechselt also die Seite. Und warum? Um uns das wahre Antlitz des Vaters zu offenbaren. Um Missverständnisse zu klären. Um die Religionskritik im besten Sinn des Wortes zu betreiben. Um Gott, dem Vater sein Gesicht vor den Menschen zu rehabilitieren und so die göttliche Beziehung im Bereich menschlicher Schatten Wirklichkeit werden zu lassen. Und wie ging die Rehabilitierung vor sich? Erlauben sie mir ein paar Bespiele des Suchens nach dem wahren Antlitz des Vaters in Erinnerung zu rufen.

-“Hey, Du da. Junger Mann! Der du dich in die Wüste zurückgezogen hast um zu fasten und zu beten. Du bist doch der Sohn! Sohn..., mach die Steine zu Brot. Sohn, schaff den Hunger ab. Dann hast du Macht und Anerkennung. Kannst alle Menschen Gott unterwerfen!” (vgl. Lk 4,3). Jesus ist verunsichert. Was hat er da gehört, was gesehen und erlebt? War es das Gesicht des Vater, das da zu ihm sprach, oder aber das des Versuchers? Gerade vor ein paar Wochen glaubte er doch bei der Taufe im Jordan die Stimme des Vaters gehört zu haben: “Du bist mein geliebter Sohn!” (vgl. Lk 3,22).Welche Stimme hört er nun? Dem glaubensverunsicherten Katholiken des 21. Jahrhunderts wird es gut tun, auf Jesus zu schauen und auf seine Schwierigkeiten zu achten. Auf Schwierigkeiten, das Gesicht des göttlichen Vaters vom Gesicht des Satans zu unterscheiden. Denn: nicht alles, was sich als Gott ausgibt, kommt vom wahren Gott. Schon gar nicht im Kontext des Wettrennens um Macht und Anerkennung. Da kann sogar der Segen des Brotes zum teuflischen Instrument der Manipulation der Menschen werden. Gerade in der Zeit des Neoliberalismus und der scheinbaren Säkularisierung gehen uns die Masken des Versuchers und das Gesicht des göttlichen Vaters allzu oft ineinander über. Und meistens wird auch das Gesicht des göttlichen Vaters bespuckt für jenen Missbrauch und Manipulation von Menschen, die der Versucher zu verantworten hat. Weil Jesus Gott, dem Vater glaubt, erliegt er selber nicht der Versuchung, Religion als Machtmittel zu missbrauchen. Und der Christ? Wir glauben an GOTT, DEN ALLMÄCHTIGEN Vater, damit wir den Diktatoren nicht an den Leim gehen und auch nicht den manipulierenden Trend, auch jenen mit frommen Anstrich.

-“Na, du großer Prophet. Mose schrieb doch vor solche Ehebrecherinnen wie diese da zu steinigen. Was sagst du dazu?” (Vgl. Joh 8,1-11).Wiederum ist Jesus herausgefordert, das Gesicht des göttlichen Vaters vom Gesicht des Ordnungshüters, vom Gesicht des himmlischen Polizisten, vom Gesicht des Buchhalters zu unterscheiden. Meisterhaft löst er die Spannung. Einer nach dem anderen verlassen die selbstgerechten Möchtegernsteiniger die Bühne. Jesus und die Ehebrecherin bleiben allein. Was Gott, der Vater für diese Frau zu bedeuten habe, das hat Jesus am deutlichsten in der Geschichte vom barmherzigen Vater auf den Begriff gebracht (vgl. Lk 15,11-32). Und was heißt das für unser Bekenntnis? Der Christ glaubt an GOTT , DEN BARMHERZIGEN VATER, der dem Versager entgegengeht, ihm in die Arme schließt und ihm gar ein Fest bereitet. Er glaube an Gott, den barmherzigen Vater, damit er der Versuchung widersteht, im Namen Gottes Menschen zu steinigen, auch nur mit Worten zu steinigen.

-“Vater, wenn es möglich ist, möge dieser Kelch an mir vorübergehen. Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!” (Vgl. Lk 22,14 u.a.) Jesus im einsamen Kampf mit sich selbst und seiner Vaterbeziehung am Abgrund aller menschlicher Schatten. Was will Gott, der Vater von ihm? Den Tod, das Leiden, die Vernichtung? Wer offenbart ihm seinen Willen? Judas? Die Folterknechte? Der Mob? Pilatus, der ihm zum Tode verurteilt? Alle scheinen sich gegen Jesus verschworen zu haben. Ist auch sein Vater einer mit von der Partie? Das Unterscheiden der Gesichter des Vaters vom Gesicht des Versuchers damals in der Wüste war kinderleicht verglichen mit dem Ringen im Ölgarten. Jesus weiss, dass der Vater ihn liebt, ihn ja als Sohn zeugt, also nicht tötet! Vielleicht kann aber die Liebe des Vaters im Abgrund menschlicher Schatten bei Menschen, die zur Umkehr nicht fähig sind, vielleicht kann diese Liebe nur noch durch eine derart erschreckende Einsamkeit des Sohnes artikuliert werden? “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!” (vgl. Lk 23,34). Bis zum Schluss hält Jesus daran fest, dass der Vater der Inbegriff der Feindesliebe ist, der Inbegriff der Barmherzigkeit und des Verzeihens. Der Inbegriff des Lebens, gar des Lebens im Tod.

Und weil Jesus Gott, seinem Vater selbst in der Erfahrung der Gottverlassenheit glaubte, weil er uns aus unserem Schatten hinaus, mit in die Gemeinschaft des Vaters mitnahm, können auch wir mitten in unseren Schatten dem Vater Jesu Christi glauben und mit ihm rufen: Abba.., Vater. Vater unser im Himmel, dein Name werde geheiligt! Wir können dies rufen und beten selbst dann, oder gerade dann, wenn wir selber der Sonne den Rücken gekehrt haben und vor uns nur noch den dunkelsten aller Schatten sehen, den Schatten der Verzweiflung, den Schatten des Todes.

Im Unterschied zu anderen Religionen - liebe Schwestern und Brüder - liegt der Schwerpunkt des Christentums nicht auf der Umkehr der Menschen, also auch nicht auf Ethik, sondern in der Erfahrung göttlicher Beziehung mitten im Abgrund der Schatten. Wir können mitten in dieser von Schatten durchzogenen Welt an Gott, den Vater glauben. An jenen Vater, der nicht Gewalt und Intoleranz anstachelt und auch nicht mit Gewalt zurückschlägt. An jenen Vater, der die Menschen nicht manipuliert und nicht missbraucht. An jenen Vater, der nicht sexistische ist und auch nicht sadistisch. Er ist nicht ein sadistischer, am Leiden der Menschheit Lust empfindender Gott. Er ist ein LIEBENDER VATER, der mitleidet, der in seinem Sohn sich das Leiden der Welt gar zu eigen macht. Um Leiden und den Tod zu verwandeln. Er ist der Vater Jesu Christi, der Jesus von den Toten auferweckt und auf diese Weise das Leben schafft, gar durch den Tod hindurch schaft. Und sich so als allmächtiger Herr über Leben und Tod erweist. So allmächtig wie halt die Liebe allmächtig sein kann. Um noch einmal zu unserem Bild zurückzukommen: ob wir uns mit dem Gesicht der Sonne zuwenden, oder die Sonne im Rücken haben, der Vater Jesu Christi bricht seine Beziehung zu uns niemals ab. Das ist das Tröstlichste und auch das Schönste an unserem christlichen Glauben. Die Freude an diesem Glauben, die Freude an Gott sei unser Schutz.

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