Prior Florian Schomers OPraem - Prämonstratenser-Chorherrenstift Wilten, Innsbruck

Lieber Abt Raimund, liebe Geschwister und Angehörige unseres Jubilars, liebe „Geschwister“ in der „Familia Wilthinensis“: Freunde und Wohltäter unserer Abtei!

Mittels zweier Bilder: Turmbau und Kriegszug, spricht das heutige Evangelium (Lk 14, 25-33) vom Planen des eigentlich Nicht-Planbaren, vom Berechnen des Unberechenbaren: Vom Kreuztragen und vom vollkommenen Besitzverzicht. Und wir feiern das jetzt in dieser Stunde in diesem herrlichen barocken Rahmen. Welches Paradox!! Widerspricht das nicht der Intention unseres Ordensgründers Norbert und widerspricht es nicht unserem persönlichen Armutsgelübde? Ginge das nicht bescheidener?

Ein Zweifaches darf vorweg gesagt werden: Es kann dem Herrn selbst in dieser Perikope nicht allein um totalen materiellen Verzicht gegangen sein. Jesus selbst treffen wir gerne auf Festen (1) und seine Apostel führten bis zuletzt eine gemeinsame Kasse (2). Eine Predigt zu diesem Evangelium wie zum heutigen Festtag kann und will auch nicht eine kirchenhistorische Abhandlung zum Armutsstreit (3) sein, wiewohl uns Impulse aus diesem zeitlosen Diskurs durchaus inspirieren mögen – besonders etwa die kirchenpolitischen Verflechtungen in der Auseinandersetzung Kaiser Ludwigs des Bayern mit der päpstlichen Kurie in Avignon (4).

Ich möchte versuchen, skizzenhaft betrachtend uns das ins Bewusstsein zu heben, was uns Christus als SEINER Priesterschaft, die er „aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat“ (5) sagen will. ER ist schließlich die „helle Freude“, das Licht dieser Stunde hier und jetzt, der Stunde der Dankbarkeit der Kirche von Wilten.

Verweilen wir zunächst beim Symbol „Turm“, (gr. πυργος) (6). Das Wort meint auch Fluchtburg, mit Türmen versehene Mauer, also Bergung und Schutz (7). Insofern verweist es diametral auf das zweite Symbol: Kriegszug, Hinausgehen, Angriff. Bei den Kirchenvätern verbindet sich Purgos bereits mit Ekklesia (8).

Ganz und gar nicht damit gerechnet hatte vermutlich Abt Gregor von Stremer, als er 1693 überraschend von seinem, mit 48 Jahren verstorbenen Vorgänger Johannes von Freising die Abtswürde zu übernehmen hatte. Er sollte zum bedeutendsten „Bauunternehmer“ in der Geschichte unseres Stiftes werden, aber nicht aufgrund der äußeren Dimensionen seiner Bautätigkeit, sondern vor allem dadurch, dass er die lang diskutierte, bei weitem nicht vom gesamten Konvent gewünschte Ordensreform ins Werk setzte (9). Fünf Jahre nach seinem Amtsantritt war aus den noch aus der mittelalterlichen Bauperiode herrührenden und eher an eine Burganlage als ein Kloster erinnernden Häuschen, Hütten, Erkern und Türmchen, die sich „besser verdienende“ (10) Chorherren nicht selten in Eigenregie adaptiert hatten, der einheitliche Konventtrakt mit den nunmehr gerecht verteilten Wohnzellen geworden. Übrigens bis heute der bescheidenste Baukörper in dem barocken Ensemble. Ob Pfarrvikar, Mühlverwalter oder Lehrender, ob Bruder-Gärtner, Kleriker-Student oder Kastner: Alle Mitbrüder hatten nun eine in etwa gleich große Zelle (mit Ausnahme des Priors, der zusätzlich den schönen Süd-Ost Salon erhielt).

Dem äußeren Bauen entsprach also vor allem ein spirituell-geistlicher Umbau im Inneren: Durch Reskript der Römischen Rota vom 9. Dezember 1655 war nämlich endlich der unselige Exemptionsstreit beendet und feierlich festgestellt worden „…monasterium Wilthinense fuisse et esse monasterium dicti ordinis Praemonstratensis…“ (11) (Wilten war und ist Prämonstratenserkloster!) Übrigens hatte nicht Wilten, sondern die Zirkarie auf Kosten Wiltens diesen Prozess in Rom angestrengt. Nun war es Stremer gelungen, durch straffe Organisation und Motivation (12), durch gerechte Verteilung der Last der Dienste und Ämter auf die Schultern aller, durch die praktische Umsetzung der Ordensideale und die fundierte Ausbildung der in seinen 26 Regierungsjahren eingetretenen Novizen (es waren 47!!!), Wilten von einem Häufchen mehr schlecht als recht nebeneinander-her lebender (quasi-) Säkularkanoniker in eine repräsentative Ordenskommunität von Regularkanonikern im Ideal Norberts von Xanten, überzuführen. Diese Zeit barocker Hochblüte war auch die Zeit, in der man zum ersten Mal an die Fertigstellung des zweiten Turmes der Stiftskirche dachte (der Nordturm war ja 1667 fertig geworden). „Wenn einer von Euch einen Turm bauen will…“ Der Gedanke an den Bau des zweiten Turmes hat die Wiltener nie mehr ganz losgelassen: Er erscheint auf einem Idealplan von 1770, als Idee im Freundeskreis von Abt Alois Stöger, als Anregung und fast „Aufreger“ anlässlich einer harmlosen Mittagsansprache durch den damaligen Landeshauptmann DDr. Herwig van Staa und daraufhin schließlich als Fotomontage in einem Faschingsartikel der Kirchenzeitung 2001.

Schon Bernhard von Clairvaux – Zeitgenosse Norberts – warnt die Äbte seines Ordens: „Wenn du bauen willst, soll dich dazu nur die Notwendigkeit verleiten und nicht das Vergnügen. Die Bausucht hört mit dem Bauen nicht auf. Wer sich nachlässig benimmt, dessen Haus ist ruiniert. Wer zum Vielfraß geworden ist, ändert sich kaum, außer er stirbt.“ (13)

Von „Bausucht“ kann in unserer Kommunität nicht die Rede sein: Sämtliche Baumaßnahmen der vergangenen 20 Jahre entsprangen absoluter Notwendigkeit und dienten allenfalls dem Erhalt der uns im Lauf der Geschichte „zugewachsenen“ Bausubstanz oder der Verbesserung der Wohn- und Arbeitsqualität (14). Im Gegenteil, würden wir zusammenzählen, was in den vergangenen 20 Jahren an Spenden, Hilfsmitteln, Subventionen oder Unterstützung hinaus in unsere Pfarren, in die Jugendarbeit, an Arme und Bedürftige geflossen ist, wir könnten mit Leichtigkeit etwa fünf Türme aufbauen. An dieser Stelle, pflege ich bei Kirchenführungen immer zu fragen: Was kostet ein Kilometer Autobahn? Was kostet ein Fußballstadion? Ein Hubschrauber des Innenministeriums kostet z.B. genau diese Summe (5 Mio. €)

So stehen die Tore – um beim Bild der „Fluchtburg-Ekklesia“ zu bleiben – in Deiner Amtszeit weit aufgerissen, hin zur „Welt von heute“, in einem seriösen und herzlichen Dialog. Es ist das Bild der einladenden Kirche, das Du vertrittst, ohne Verlust an Profil und ohne Verzicht auf das „bergende Element Mauer“. Um ein Haar wärest Du deswegen Opfer des Briefbombenattentäters Franz Fuchs geworden… „Wenn einer von Euch einen Turm bauen will und es nicht tut…“ Ja, der nicht fertiggestellte zweite Stiftsturm steht symbolisch für all das in den vergangenen 20 Jahren verschenkte, für das, was geistlich erbaut wurde, das was niemand messen und zählen kann.

Damit möchte ich zum zweiten Symbol „Kriegszug“ (gr. πολεμος) (15) kommen. „Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde?“ (16) So fragt der leidgeplagte Hiob, so fragt der Mensch heute, auch mancher unserer Mitbrüder, geplagt von Depression, Burn-out, Sinnlosigkeitsgefühlen, Überlastung. Ja, unser Dienst als Kirche gleicht dem vom Herrn selbst gebrauchten Bild: Wie sollen wir „kleine Herde“ (17) uns mit dem bescheidenen „Rüstzeug des Wortes“ den vielfältigen und immer drängenderen Aufgaben, Problemen und Nöten des Menschen heute entgegenstellen? Einer Mediengesellschaft, die uns den Krieg erklärt hat? Einer Armada aus Gleichgültigkeit, Übersättigung und Abstumpfung? Einem rasenden Heer religiöser Unbildung und kultureller Entwurzelung und neuerdings dem aggressiven „Neuen Atheismus“?

Doch das Bild vom Kriegszug lanciert das „duc in altem“ (18) aus dem Gleichnis vom vergeblichen Fischfang. Das Wort des Herrn „Fahr hinaus auf den See!“ schwingt hier mit: Kirche ist kein Garant für „Gemütlichkeit“. „Wenn dein Boot, seit langem im Hafen vor Anker, den Anschein einer Behausung erweckt, wenn dein Boot Wurzeln zu schlagen beginnt in der Unbeweglichkeit des Kais: such das Weite. Um jeden Preis müssen die reiselustige Seele deines Bootes und deine Pilgerseele bewahrt bleiben.“ (19)

Lieber Abt Raimund! In den 20 Jahren Deiner Amtszeit, die wir heute dankbar überblicken, wird durchaus Deine eigene Handschrift erkennbar. Das Wenigste ist Dir von Deinem Amtsvorgänger, Abt Alois, „in den Schoß gefallen“. Du bist v.a. der Mensch, der nimmer müde wird, sich hinzusetzen und zu rechnen: Nicht allein, was das Wirtschaftliche angeht. Mutig inspirierst und begleitest Du neue Wege in der Seelsorge, suchst junge Menschen für unser Ordensideal zu gewinnen, kämpfst unermüdlich gegen jede Form der „Bewusst-losigkeit“ in der Spiritualität unserer Gemeinschaft, sorgst für profunde Ausbildung unserer Juniores, forderst eine Kultur der Verbindlichkeit und des (immer wieder) Miteinander-Sprechens, ringst um Meinungsbildung und Urteilsfindung auf der Basis guter Argumente und fachlicher Beratung. Auf dem von Dir einmal beschrittenen Reform-Weg im Kampf gegen „geistliche Verhüttelung“, individualistisches Pfründendenken und ängstliche Erstarrung wird es kein Zurück mehr geben, weder für Dich, noch für Deine Nachfolger.

Kehren wir zuletzt zu unserem Evangelium vom Turmbau und vom Kriegszug zurück. In den Symbolen von Aus- und Eingehen, Geborgenheit und Exodus wird die Bewegung von Ein- und Ausatmen, das „Pneuma“ der Kirche gegnwärtig: Nachfolge Christi ist und bleibt unberechenbar, ein Paradox! Unsere Mittel reichen niemals aus, weder innerhalb unserer schützenden Mauern und Strukturen, noch im mutigen Auszug auf das Neue hin. Christsein ist immer Wagnis und Anfechtung, auch Rückschritt. Es gibt kein „Null-Fehler-Christentum.“ Schließlich sagt Christus, wir sollen auf alle Mittel, „unseren ganzen Besitz“ (20) verzichten! Damit kann nicht nur materielle Armut gemeint sein: Christus will keine „Sozialfälle“ (21) schaffen. Hier kann es nur um unseren letzten und liebsten „Besitz“ gehen, unseren Willen, unsere „demütige Verfügbarkeit“. (22)

Das war und ist die große geistliche „Auf-Gabe“ der Ordenschristen: IHM gehorsam unser Wollen und damit unsere Zukunft zu überlassen. ER selbst ist das Bergende und das Dynamische, es geht allein um das Vertrauen auf IHN und SEINE Gnade. Ich bin mir bewusst: Das sind hehre Worte, durchaus „welt-fremd“ (23) und abgehoben. Aber worin sonst bestünde unsere Aufgabe, medial gesprochen: Unsere Existenzberechtigung, ökonomisch gesprochen: Unser Anwendernutzen in Gegenwart und Zukunft?

Lieber Abt Raimund! Vor 20 Jahren hat Dich Generalabt Marcel van de Ven nach der Wahl im Kapitelsaal gefragt „…nehmen Sie die Wahl an?“ und Du hast Dein freudiges und furchtloses „Ja“ gesprochen. Wenn die Binsenweisheit stimmt, wonach Kriegs- (Ehe-) und Abtsjahre doppelt zählen, dann hast Du mittlerweile die biblische Zahl der 40 Jahre Wüstenwanderung des Gottesvolkes „auf dem Buckel“. Die wenigsten Tage Deiner Amtszeit waren wohl „freudig und furchtlos“ und wir sind uns bewusst, dass Du Dir jede Art von „Lobhudelei“ oder „Denkmalsetzung“ verbeten hast. Viktor E. Frankl sagt einmal: „Jede Tat ist ihr eigenes Denkmal!“ (24). Nimm dennoch den herzlichen Dank dieses freudigen Tages entgegen in dem großen Dank-Mahl, das wir hier und jetzt feiern.

Ad multos annos: Feliciter!
Amen.

Quellenangaben:
(1) Vgl.Mt 26,5; Lk 5, 29; Joh 2,1ff…
(2) Joh 12,6; Joh 13,29.
(3) V.a im Franziskanerorden mit z.T. fanatischer Heftigkeit geführt.
(4) S. Jedin Hubert, Handbuch der Kirchengeschichte. Bd. III. Freiburg i. Br. 1985. S. 391, bes. auch S. 457. Zudem darf durchaus die „Geschenkaktion“ an die Schwestern im Niger als bewusster sozial-caritativer Kontrapunkt zu Mozarts Krönungsmesse wahrgenommen werden.
(5) (1 Petr 2,9)
(6) S. auch im Gleichnis von den bösen Winzern Mk 12,1 und Mt 21,33 und
(7) S. KITTEL, Gerhard, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1978. Bd VI, S. 953.
(8) Ebd.
(9) Vgl.: 850 Jahre Prämonstratenser Chorherrenstift Wilten 1138-1988. Hier: WEBHOFER Trude, Die mittelalterliche Baugeschichte des Stiftes Wilten. S. 164-168.
(10) In diesem Zusammenhang ist auf die für Wilten typische „Konventual- oder Pitanzpfründe“ hinzuweisen, die ja letztlich Mit-Ursache für den jahrhundertelangen Exemptionsstreit mit den Brixner Bischöfen war. (H. Lentze, Studia Wiltenensia. Innsbruck 1964). Hilfreich scheint mir in diesem Zusammenhang auch die Unterscheidung zwischen den ohne Regel zusammenlebenden „Säkularkanonikern“ und den von Norbert noch einmal reformierten „Regularkanonikern“, welche zumeist nach den weniger strengen Aachener Chorherrenregel lebten, die auch Fleischgenuss und lässige Kleidung erlaubte (Vgl. auch: FUHRMANN, Horst. Überall ist Mittelalter. Von der Gegenwart einer vergangenen Zeit. „Vom Stift zum Salon“…Beck – München 1996. S. 113). Norberts Verdienst war es, die Regularkanoniker durch die Verpflichtung auf die strengere Augustinusregel enger an die Authentizität der„Vita apostolica Bewegung“ rückzubinden. Freilich gab es (und gibt es bis heute) immer wieder Zeiten der sehnsüchtigen Rückschau auf das „lockere“ Leben von Säkularkanonikern. Unser Auftrag kann es von daher nur sein, Norberts Impulse für unser „heute“ fruchtbar zu machen.
(11) Vgl.: 850 Jahre Prämonstratenser Chorherrenstift Wilten 1138-1988. Hier: PALME, Rudolf: Die Beziehungen des Stiftes zur Diözese Brixen. S. 129-146.
(12) vgl. seine Hausordnung „Memoriale canonicorum regularium S. Norberti“ /1699.
(13) Bernhard von Clairvaux (+1153), Epistola de cura et modo rei familiaris. Der dritte und vierte Satz ist wohl nicht nur an die Äbte gerichtet…
(14) Wir sind in diesem Sinne ein mittelständischer Betrieb und Arbeitgeber für 25 Angestellte.
(15) S. KITTEL, Gerhard, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1978. Bd VI, S. 501.
(16) Hiob, 7,1
(17) Lk 12,32.
(18) Lk 5,4.
(19) CAMARA, Dom Helder. Mach aus mir einen Regenbogen. Zürich 1981.
(20) Lk 14,33.
(21) Vgl. Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden. Kompendium der Soziallehre der Kirche. VII. Kapitel: Das Wirtschaftsleben, 1. Biblische Aspekte: „Die Armut wird zu einem moralischen Wert, wenn sie sich in demütiger Verfügbarkeit und vertrauensvoller Offenheit gegenüber Gott äußert. Herder 2006, S. 241.
(22) S. Ebd.
(23) Im Sinne der „Freiburger Rede“ Papst Benedikst XVI. vom 25.09.2011.
(24) FRANKL, Viktor Emil, Psychotherapie für den Alltag.Freiburg 1992, S. 44: „Den Taten, die wir setzen, wird selten ein Denkmal gesetzt, und niemals bleibt ein Denkmal ewig stehen. Aber jede Tat ist ihr eigenes Denkmal!“

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