Generalvikar Monsignore Jakob Bürgler

Wie ist das nun mit dem Heiligen Geist? Ist das nicht ein bisschen primitiv, an eine „göttliche Taube“ zu glauben? Das Jahr des Glaubens, das Papst Benedikt ausgerufen hat, will uns helfen, an die Wurzeln unseres Glaubens zu graben und vielleicht auch manches neu zu entdecken. Deshalb heute Gedanken zum Heiligen Geist. Weniger mit Positionen aus der Theologie „untermauert“, sondern mehr aus dem Blickwinkel des Erlebten formuliert. Der Geist als List. Der Geist als Herr. Der Geist als Gegenwart.

Der Geist als List
Es war im Jahr 1940. Ein einfacher Mann aus der Schweiz macht sich auf den Weg nach Frankreich. Er ist auf der Suche nach einem passenden Ort. Er möchte eine Bruderschaft gründen. Der Mann kommt aus der reformierten Tradition und ist Protestant. Ein ordensähnliches Leben ist dort eigentlich undenkbar. Aber der Mann hat eine innere Sicherheit, die ihn antreibt. Er kommt in das kleine Dorf Taizé. Und er spürt: Hier bleibe ich. Das ist der Ort, den ich gesucht habe. Er beginnt, Schritt für Schritt, durch viele Mühen hindurch, ein Leben in Gemeinschaft. Sein Wunsch: Eine kontemplative Gemeinschaft soll es sein. Schweigen, Gebet, Versöhnung unter den getrennten Christen. Auf einmal kommt alles anders. Jugendliche entdecken diesen Ort. Von Jahr zu Jahr werden es mehr. Die jungen Menschen entdecken in Taizé einen Ort der Hoffnung, eine Quelle für ihr Leben. Die Zahl wird immer größer. Und der Mann, der einst ausgezogen war, um in Zurückgezogenheit zu leben, und mit ihm die anderen Brüder, denken darüber nach, den Ort zu verlassen. Das wollten sie nicht – so viele junge Leute, die ihr „Projekt“ „in Frage stellen“! Nach langem Nachdenken sagen sie: Nein, wir bleiben! Die jungen Leute kommen, weil Gott sie zu uns schickt. Es ist Gottes Auftrag an uns, für die suchenden Menschen da zu sein. Die Prägung von Taizé wird anders als sie geplant war. Manche sagen: Es war die List des Heiligen Geistes, die diesen Weg ermöglicht hat. Und Roger Schutz, der Gründer der Gemeinschaft, lässt sich „überlisten“.
Ein anderes Beispiel: Die Kardinäle sind in Rom versammelt. Es gilt, einen neuen Papst zu wählen. Der große, verehrte Papst Pius ist verstorben. Und die Kardinäle wählen einen Überraschungskandidaten. Einen alten Mann. Johannes XXIII. Der kann sicher nicht viel ändern! Im Grunde soll ja alles so bleiben, wie es gut geordnet und berechenbar ist, stabil und klar. Aber dieser alte, einfache Mann ruft ein Konzil aus und einen ungeahnten Weg. Gegen viele, auch heftige Widerstände. Er spürt: Dieser Weg muss jetzt gegangen werden. Es ist die Geburtsstunde des Zweiten Vatikanischen Konzils. Das Konzil – eine List des Heiligen Geistes? Der Heilige Geist als List. Auf uns und unser Leben übertragen kann das heißen: Lassen wir uns tatsächlich überraschen? Sind wir bereit, uns auf einen neuen Weg, auf eine neue Ein-Sicht einzulassen? Haben wir – bei aller inneren Festigkeit und Überzeugung – die Freiheit, dass etwas Neues und Ungewohntes, vielleicht Ungeahntes wachsen und Gestalt werden kann?

Der Geist als Herr
Vor wenigen Wochen bin ich von einer Studienreise in den Süden Indiens zurückgekehrt – tief bewegt und erfüllt, beeindruckt von dem, was ich gesehen und erlebt habe. Ganz besonders angesprochen hat mich die tief im Inneren verankerte und verwurzelte Spiritualität, die ich beobachten und miterleben durfte. Auf meiner Reise habe ich auch etliche hinduistische Tempel besucht. Und immer wieder hat mich ein symbolischer Akt tief beeindruckt. In den Tempeln bringen Priester Opfer dar. Sie verbrennen die Gaben der Menschen und aus dem Feuer des Ofens wird Asche entnommen. Diese Asche wird dann in kleinen Behältern gesammelt und den betenden Menschen gereicht. Die Gläubigen nehmen nun ein wenig von der Asche und streichen sie auf ihre Stirn.
Mit der Asche setzen die Hindus ein Zeichen. Gott möge die Gedanken reinigen. Er möge das Denken und damit das Erkennen und Wahrnehmen läutern, es frei machen, und damit das ganze Leben und die ganze Seele des Menschen mit seinem Geist, mit seiner Gegenwart erfüllen. Die Asche will also den ganzen Menschen reinigen und befreien, von allen möglichen Verstopfungen und Blockaden frei machen, von aller Selbstbesessenheit und Ich-Verbohrtheit lösen, von dem Kreisen um das eigene Ich hinführen zur Offenheit und Verfügbarkeit für Gott, für seinen Geist, für seine Gedanken, für seine Gegenwart. Innerlich frei werden, die eigenen Vorstellungen loslassen, damit Gott sein Wort und seinen Geist in uns legen kann.
Damit taucht eine wichtige, manchmal auch unangenehme Frage auf: Wer bestimmt mein Leben? Welcher Geist leitet mich? Welcher Geist wird sichtbar in meinen Entscheidungen, in meiner Umgangsform mit anderen Menschen, in meinem Denken, Reden und Tun? Wessen Geistes Kind bin ich? Darf der Heilige Geist Herr sein über mein Leben?
Sich reinigen lassen, damit Gottes Wille besser und tiefer erkannt werden kann. Die Vorbereitungszeit auf Ostern ist eine Zeit der Reinigung der Gedanken. Das kann man auf unser ganz persönliches Leben hin denken, das ist aber auch wichtig im Blick auf den Weg der Kirche. Vor kurzem habe ich einen Artikel in einer Tiroler Zeitschrift gelesen, geschrieben von einer sehr aktiven Christin, in dem Helmut Schüller und die Pfarrerinitiative gleichgesetzt werden mit Martin Luther und seiner Reform. Ob das tatsächlich die Wirklichkeit trifft? Ob da nicht ideologische Faktoren eine Rolle spielen? Es ist gut, Gott um die Reinigung unserer vorgefertigten Meinungen, unserer fixen Bilder und Gedanken, unserer Vorurteile und Urteile, unserer Ideen und Fixierungen zu bitten. Wer den Willen Gottes erkennen will, für sich und für die Menschen, der muss sich reinigen, frei werden von den eigenen Wünschen und Vorstellungen. Der Geist als Herr. Wenn es so ist, dann werden die scharfen und unversöhnlichen Töne rund um die Kirchenreform sicher verhaltener und demütiger.

Der Geist als Gegenwart
Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Erfahrungen, die in der Heiligen Schrift gesammelt sind, die Ereignisse des Lebens Jesu, die Gestaltwerdung der ersten kirchlichen Gemeinschaft, heute allein mit der „geschichtlichen“ Brille gelesen werden, also ganz im Blickwinkel einer Vergangenheit, die beeindruckend gewesen aber vorbei ist, im Sinne von erbaulichen, schönen Geschichten, die man auch mit schönen Geschichten oder Märchen austauschen kann – was ja bei manchen Kindergottesdiensten, Hochzeiten und Taufen geschieht. Die Bibel ist, so gesehen, Ausdruck und Bericht von Vergangenem, von einer zwar zentralen, aber heute nicht mehr präsenten Wirklichkeit.
Wenn wir im Glaubensbekenntnis den Glauben an den Heiligen Geist bekennen, dann drücken wir eine gänzlich andere Sichtweise aus. Das, was damals in den Zeiten Jesu Christi geschehen ist, das, was wir Heilsgeschichte nennen, ist nicht Vergangenheit, nicht vorbei, nicht bloße Geschichte, sondern Gegenwart! Wir werden nicht nur durch bloße Erinnerung mit dem Gestern verbunden, sondern durch den lebendigen Geist Gottes! Es gibt eine Brücke zwischen dem, was war, und dem, was ist, und dem, was kommen wird. Und diese Brücke ist der Geist. Der Geist Gottes verbindet mit seinem Atem Zeiträume und Orte und Menschen. Der Geist Gottes ist der Atem, über den Jesus auch heute wirkmächtig und präsent ist.
Der indische Jesuit Anthony de Mello verwendet für diese Kraft der Gegenwart das sprechende Bild einer Kinoleinwand. „Warum ist Gott unsichtbar? Ist er nicht! Deine Sicht der Dinge, deine Vision ist getrübt und verzerrt – und deshalb siehst du ihn nicht. Die Leinwand im Kino wird unsichtbar, sobald der Film auf sie projiziert wird. Obwohl du unablässig auf diese Leinwand schaust, vermagst du sie doch nicht mehr zu sehen und wahrzunehmen – denn du bist zu sehr von dem darauf projizierten Film abgelenkt und eingenommen. … Also halte ein und schau, was sich genau vor deinen Augen befindet. … Die Menschen fragen danach, wie sie Gott finden können? Die Antwort ist hier. Wann werden sie ihn finden? Die Antwort ist jetzt. Wie werden sie ihn finden? Die Antwort ist, schweige, geh in die Stille und schaue." (Anthony de Mello, aus einem Artikel in der Zeitschrift „Concilium“. Heft Nr. 17, November 1982.)
Weil es der Geist ist, auf dem – wie im Kino auf der Leinwand – das alltägliche und bunte und reizvolle Leben spielt, ist der Geist „Gegenwart“. Und diese Gegenwart zeigt sich in jenen Wirklichkeiten, die im Glaubensbekenntnis benannt sind: in der Kirche; in der Versöhnung und Vergebung der Sünden; in der Hoffnung auf die Auferstehung der Toten.

Der Heilige Geist – eine „harmlose“ Taube? Nein, ganz und gar nicht. Der Geist ist List. Er will überraschen und „überlisten“. Der Geist ist Herr. Er will das Leben formen und prägen. Der Geist ist Gegenwart. Er durchatmet die Welt und die Kirche und will auch mich erfassen.

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