„Ich würde gerne glauben, aber ich kann nicht.“ Lebhaft habe ich dieses Gespräch mit einer jungen Frau noch in Erinnerung. Sie ist nicht getauft, obwohl ihre Eltern gläubig waren: die Mutter evangelisch, der Vater katholisch. Die Kinder sollten später selbst entscheiden, zu welcher Konfession sie gehören wollen und wurden deshalb nicht getauft. Die junge Frau kannte den christlichen Glauben gut und hat sich intensiv mit ihm auseinandergesetzt. Mehrere Jahre besuchte sie eine katholische Ordensschule und hat sich mehr als manche der getauften Mitschülerinnen mit dem Glauben beschäftigt. Dann wurde sie im Leben andere Wege geführt, die Auseinandersetzung mit dem Glauben ist verblasst. Bis sie eines Tages wieder mit der Frage konfrontiert wurde. „Es war zu Ostern“, erzählte sie, „ich war im Ausland in einer fremden Stadt. Ich ging durch die morgendlich ruhigen Straßen, alles schien noch zu schlafen. Da kam ich an einer Kirche vorbei und ging hinein. Die Gemeinde feierte das Hochamt und sang gerade das Halleluja vor dem Evangelium. Es war wunderschön, ein lichtdurchfluteter Raum, Weihrauch hing in der Luft, die festliche Musik, eine richtig erhebende Stimmung. Dann kam das Evangelium. Ich blieb eine Weile in der hintersten Bank sitzen und versuchte, mich von dieser Atmosphäre erfüllen zu lassen. Ich beneidete die Menschen in der Kirche, die offensichtlich an das glaubten, was ihnen verkündet worden war. Da spürte ich schmerzlich: Ich würde gerne glauben, dass das alles stimmt, aber ich kann nicht.“

Ich fragte nach: Dass was alles stimmt? Sie antwortete prompt: Dass wir in einem Gott geborgen sind, der uns liebt; der uns ins Leben gerufen hat, weil er es gut mit uns meint; der uns auch nach dem Tod nicht in die Leere fallen lässt; der auf uns wartet, ja uns nachgeht, wenn wir in die Irre gehen. Das wären alles so tröstliche Gedanken, sie würden das Leben nicht nur sehr erleichtern, sondern auch viel schöner machen…“

Ich denke, diese junge Frau hat verstanden, was glauben heißt. Glauben bedeutet nicht einfach viel wissen über den Glauben, noch weniger erschöpft sich der Glaube einfach in einem bloßen Für-Wahr-Halten von Glaubenssätzen oder Glaubensinhalten.

Glaube ist vielmehr eine existentielle Grundhaltung und ein Lebensvollzug: Im katholischen Erwachsenenkatechismus der deutschen Bischofskonferenz heißt es: „Glauben bedeutet ein Sich-fest-Machen in Gott, ein Trauen und Bauen auf ihn, ein Gründen der Existenz und ein Stand- und Bestandfinden in ihm. Der Glaube ist das im Blick auf Jesus Christus gefasste Vertrauen, dass Gott mir in jeder Lebenslage die Treue hält und Inhalt meines Lebens ist. Glauben ist ein Amen–Sagen zu Gott mit allen Konsequenzen.“ Das meint übrigens auch der hebräische Begriff für Glauben „aman“, von dem auch unser Amen herkommt: „Aman“ ist ein Zeitwort und heißt: fest sein, beständig sein, sich stützen auf, wurzeln in. Der griechische Begriff „pistis“ bedeutet Treue und Vertrauen, das Verb „pisteuein“ entsprechend treu sein, vertrauen, aber auch von etwas fest überzeugt sein bzw. sich an etwas binden.

In irgendeiner Weise glauben wir alle, und zwar im weitesten Sinn, noch bevor sich unser Glaube inhaltlich füllt oder wir über ihn reflektieren, denn in irgendetwas gründen und wurzeln wir unser Leben ein. Wie ich mein Leben konkret gestalte, wonach ich mein Handeln und Entscheiden ausrichte, worauf ich meine Hoffnung setze, ja überhaupt, was ich mir von meinem Leben erwarte und erhoffe: Das sind zutiefst Vollzüge des Glaubens. Sie haben viel damit zu tun, welche Deutung ich meinem Leben gebe, welchen Sinn ich in ihm erkennen kann. Es sind Fragen, die wir mithilfe unserer Vernunft zu ergründen und zu verstehen versuchen, aber bei denen die begreifende Vernunft an eine Grenze gelangt, und zwar dann, wenn es um die letzten Fragen des Menschen geht. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. hat eindringlich davor gewarnt, dass wir diese Fragen des Lebens nur mit Hilfe der verstehenden Vernunft beantworten, denn dann würden wir eine wesentliche Dimension unseres Lebens ausblenden, die nur dem Herzen bzw. den Augen des Glaubens offen steht. Es gibt in unserem Herzen ein intuitives Wissen um den Sinn unseres Lebens – oder wenigstens ein intuitives Suchen und eine Sehnsucht danach – , der unsere Existenz trägt, auch wenn wir ihn nicht bis ins Letzte begreifen können. Benedikt XVI. hat es einmal verglichen mit dem Gefühl der Liebe: Dieses ließe sich zwar auch naturwissenschaftlich und psychologisch erklären, aber jede noch so interessante Erklärung könne bei Weitem nicht heranreichen an die Schönheit eines Liebesgedichtes oder an das Glücksgefühl, wenn dir jemand sagt: Ich liebe dich. Zwei sich Liebende werden kaum einverstanden sein damit, dass ihr Liebesgefühl rein biologisch oder psychologisch erklärt wird, auch wenn es natürlich biologische und psychologische Gesetzmäßigkeiten gibt. Aber was ihre Liebe ausmacht, ist die Beziehung, die zwischen ihnen besteht: die Sehnsucht nacheinander, die Freude aneinander, die Achtung voreinander, die Verantwortung, die sie füreinander übernehmen möchten. Die Grundlage für all dies ist das Vertrauen zueinander, das sie verspüren und das wächst und zu einem festen Band wird, zu einem Grund, auf den sie ihre Beziehung bauen können. Können sie sich ihre Liebe gegenseitig beweisen? Sie können wohl Zeichen setzen, aber im Letzten können sie einander nur vertrauen und jeder dem anderen glauben, dass es stimmt, wenn er ihr und sie ihmt sagt: Ich liebe dich.

Christlicher Glaube zeichnet sich wesentlich aus durch Vertrauen. Wir glauben an einen dreifaltigen Gott, aber dieses „Glauben an“ bedeutet, dass wir ihm glauben, dass wir ihm vertrauen: Das ist kein Gott, den sich irgendjemand ausgedacht hat, sondern vielmehr hat Gott sich selbst geoffenbart. Und wir schenken ihm Glauben; wir glauben Gott das, was er uns über sich und von sich geoffenbart hat. Jemandem glauben bzw. jemandem Vertrauen schenken ist ein zutiefst persönlicher Akt, ein Akt der Beziehung. Glauben im christlichen Sinn ist eine persönliche Beziehung: eine Beziehung des Vertrauens, der Treue, der Liebe. Natürlich wäre jetzt inhaltlich aufzuschlüsseln, was denn Gott über sich geoffenbart hat, besonders in Jesus Christus, und darüber ist mit Hilfe der Vernunft zu reflektieren. Doch das sind ja die Themen der anderen Fastenpredigten, bei denen zentrale Inhalte des Glaubensbekenntnisses vertieft werden. Zum Thema der heutigen Fastenpredigt möchte ich an dieser Stelle festhalten: Glauben im christlichen Sinn bedeutet, an Gott und ihm zu glauben, der sich uns geoffenbart hat als Ursprung, Ziel und Vollendung des Lebens, und dessen Offenbarung im Heilsgeheimnis Christi einen unüberbietbaren Höhepunkt gefunden hat.

Die junge Frau hat mich damals im Gespräch gefragt: „Was Jesus gelebt und gesagt hat, da ist so viel Wunderbares dabei, aber wer sagt mir, dass das auch stimmt? Was er in den Gleichnissen erzählt hat, oder etwa von den Wohnungen, die er uns beim Vater bereiten will?“ Meine Antwort war, dass ich ihr das natürlich nicht beweisen kann, aber dass ich Jesus vertraue, dass er uns damit nicht einen Bären aufbinden oder uns in die Irre führen oder uns einfach nur vertrösten wollte. An Jesus glauben bedeutet eben, ihm glauben, ihm mit kindlichem Vertrauen glauben. Letztlich glauben wir damit aber wiederum Gott, dem Vater, selbst, dass er Jesus nicht im Stich gelassen hat in der dunkelsten Stunde seines Lebens, sondern ihn vielmehr in die Herrlichkeit der Auferstehung geführt und damit gleichsam sein Leben im umfassenden Sinn – seine Handlungen, Taten und Lehre – bestätigt und bekräftigt hat.

Noch einen Aspekt möchte ich nennen, der für das christliche Glaubensverständnis wichtig ist: In der Frühkirche wurde oft betont: „Ein Christ ist kein Christ“, also: Ein Christ allein kann nicht Christ sein. Glauben ist zwar eine höchstpersönliche Entscheidung und Angelegenheit, aber nie nur privat. Christlicher Glaube ist auf eine Glaubensgemeinschaft angewiesen, und zwar aus wenigstens drei Gründen. (1) Die Offenbarung Gottes gilt ja nie nur einzelnen Menschen, sondern betrifft alle Menschen, selbst dort, wo Einzelne der Adressat sind, sind diese dann gesendet zu ihren Brüdern und Schwestern. (2) Glaube bedeutet, das Leben und die Erfahrungen zu deuten im Lichte dessen, was wir glauben, sodass eine Erfahrungsgemeinschaft entsteht, in die der Einzelne eingebettet und von der er auch getragen ist; er darf sich auch auf die Glaubenserfahrungen anderer stützen und darauf vertrauen. Die Erfahrungsgemeinschaft ist aber vor allem ein Raum der Liebe, ein Raum, in dem erfahrbar wird, dass unser Leben Geschenk ist, dass wir angenommen und gewollt, eben geliebt sind. Ohne die konkrete Erfahrbarkeit unserer grundsätzlichen Liebenswürdigkeit – dass wir „der Liebe würdig sind“ – bliebe unser Glaube an Gott, der Liebe ist, irgendwie abstrakt im luftleeren Raum hängen. (3) Schließlich bewahrt mich die Auseinandersetzung mit dem Glauben der Anderen, dass ich mir einfach nur meinen eigenen Glauben zusammenbastle, das glaube, was mir gefällt. Damit würde ich nämlich tatsächlich Gefahr laufen, dass mein Glaube bzw. der Gott, an den ich glaube, mein eigenes Produkt ist, dass ich mir meinen Gott nach meinem Bild und Wohlgefallen erschaffe. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Glauben der Mitgläubigen bewahrt mich davor. Mein Glaube ist nicht etwas, über das ich nach Belieben verfügen kann, sondern er muss sich auch bewähren in der Frage, ob er auch der Glaube sein kann für andere, ob er also nicht nur mich trägt und hält, sondern auch fähig ist, meinem Mitmenschen mit seinen Lebensfragen und in seinen Herausforderungen und Nöten Halt und Stand zu geben. Mein Gott kann nur dann Gott sein, wenn er auch dein Gott sein kann, hat es der deutsche Theologe Johann Baptist Metz einmal auf den Punkt gebracht.

Kehren wir zurück zur jungen Frau. Ich muss gestehen, das Gespräch mit ihr hat mich sehr betroffen gemacht, denn ich habe ihr ehrliches Ringen gespürt und ihre Sehnsucht, glauben zu können. Aber da stand wie ein unbeweglicher Felsblock dieses ihr „Ich kann nicht glauben“. Ich habe ihr damals ans Herz gelegt, es einfach zu versuchen, wie einen Sprung ins kalte Wasser, einmal so zu leben „als ob“ das, was sie so gerne glauben würde, tatsächlich so stimme und zutreffe; ich habe ihr geraten, zu schauen, was dann in ihrem Leben geschieht, welche Erfahrungen sie macht, ob sich etwas verändert, Neues aufbricht, ob ihr Leben dann tatsächlich bereichert, ob es schöner würde, so wie sie selbst gesagt hat. Ich weiß nicht, ob sie es getan hat, ob sie diesen Sprung ins kalte Wasser gewagt hat. Glauben, ja, das hat auch mit Wagnis zu tun und mit einem Vorschuss an Vertrauen, den ich – wie es übrigens auch in jeder menschlichen Beziehung der Fall ist – einbringe. Gott Glauben schenken und es dann wagen, ihm vertrauen und sich dann getrauen...: das tun wir, wenn wir sagen: Ich glaube. Amen.

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