Univ.-Prof. Dr. Józef Niewiadomski

“Erlöster müßten die Christen aussehen, als dass man an ihre Erlösung glauben könnte” - sagte Friedrich Nietzsche. Der 150 Jahre alte Spruch macht seither die Runde. Der zutiefst frustrierte Pfarrersohn, der in seiner Kindheit Dunkles, ja Allzu-Dunkles erlebte, vom Vater mit derselben strengen Konsequenz zur Zucht und Ordnung und zum Glauben an den alleinigen Erlöser Jesus Christus gedrillt wurde, dieser im evangelischen Pfarrhaus aufgewachsener Pfarrersohn wird in seinem Erwachsenenleben zum schärfsten Kritiker des Christentums der europäischen Geschichte. Den Dionysos, den heidenischen Gott des Weines und des Rausches, den Gott der Wolllust und auch der Gewalt möchte der Christentumshasser kennen, Christus aber aus seiner Lebensgeschichte ausradieren, unzähligen Zeitgenossen nicht ganz unähnlich, die sich auch durch den Abschied vom Christentum, durch die Ausradierung des Erlösungsglaubens mehr an Lebensqualität versprechen und mehr an Lebenslust erwarten. So ganz nach dem Motto: “Lebenslust statt Glaubensfrust!” Sind sie deswegen zu verurteilen? Ist es alleinig ihre Schuld, wenn sie den Glauben an die Erlösung in Jesus Christus nicht verstehen? Oder diesen Glaubens gar als das Gift, das ihnen ihr Leben vergiftet hat, begreifen? Sind die zahlreichen Zeitgenossen zu verurteilen, weil sie dem Christentum den Rücken gekehrt haben und ihre spirituelle Heiman bei unzähligen esoterischen Gruppen, oder fernöstlichen Religionen suchen?

Nein! Nein, liebe Schwestern und Brüder. Auch die Kirche trug zu diesem Desaster bei. Zu lange und oft auch zu fanatisch predigte sie ein Verständnis des Glaubens an die Erlösung, das den Menschen das Leben sauer machte. Weil es unnötige Ängste produzierte. Ängste vor der Hölle, Ängste vor dem strafenden Gott, Ängste, die auch Gott wenig Ehre bereiteten. Dieses Bild des himmlischen Vaters, das diesem Vater mehr als einen sadistischen Polizisten, oder aber einen ressentimenterfüllten Buchhalter zeigte, denn als einen barmherzigen und liebenden Vater, dieses Bild prägte lange auch die kirchliche Verkündigung der Erlösung. Die Logik dieser Theologie war klar und eindeutig. Eindeutig, wie die Milchmädchenrechnung. Demnach konnte nur der Preis des Kreuzestodes Jesu, den Zorn Gottes besänftigen, dem Teufel sein Recht auf die Menschen streitig machen, uns also alle - die wir ja bloß arme Sünder sind - eine Chance erwirken, eine Chance auf den ewigen Himmel. Wie viele Menschen haben aber ihr Leben lang darunter gelitten, dass sie diese Chance wiederum verspielen, oder zu wenig nutzen? Wie viele waren von neurotischen Ängsten geplagt, dass sie gar zur Verdammnis geradezu vorherbestimmt sind? Keiner weiß es! Keiner! Nur der barmherzige Gott allein! Nur er allein. Nicht der strenge Polizist und auch nicht der himmlische Buchhalter, die wohl ja alle nur Produkte menschlicher Phantasien waren. Nein! Jener wahre Gott der Offenbarung, der sich bedingungslos an die Menschen ausgeliefert hat. Ausgeliefert als barmherziger Vater. Als ein Vater, oder auch eine Mutter, die ganz gleich, wie denn ihre Kinder geraten sind, immer noch zu diesen Kindern stehen, sie auffangen wollen, von all dem Dämonsischen und Teuflischen im Leben retten und ein Stück weiterbringen wollen: in Richtung geglücktes Leben.

Liebe Schwestern und Brüder, der Umbruch im Umkreis des 2. Vatikanischen Konzils rückte ein lebensbejahendes Gottesbild in den Vordergrund. Ich selber prägte mir den Umbruch als die Kurzformel ein: GOTT LIEBT MICH! Liebt mich BEDINGUNGSLOS! Nimmt mich an, so wie ich bin! “Gott, der Liebhaber des Lebens” ist mir zur Lieblingsmetapher geworden, einer Metapher, die mir ungeheuere Freude an meinem Glauben zurückgab. “Gott, der Liebhaber des Lebens” ließ mich auch erlöster aussehen und mich erlöster fühlen. “Wozu aber dann das Kreuz? - werden viele fragen und sie haben auch gefragt. Und das Kreuz aus ihrer Lebensumgebung verbannt! Wenn Gott dem Menschen bedingungslos liebt und den Preis des Todes Jesu nicht braucht, warum dann dieser schrecklicher Tod? Versuchen wir eine Antwort auf diese Frage, die zugleich auch eine Antwort auf die Frage ist, die im Titel dieser Predigt steht: “Was heißt Erlösung?” Versuchen wir eine Antwort, indem wir dem tieferen Grundnerv nachspüren, dem Grundnerv, der unser christliches Glaubensbekenntnis strukturiert.

Gottes Sohn, derjenige, der am Herzen des Vaters ruht, ist heruntergekommen, um diese bedingungslose Liebe des Vaters zu predigen, zu zeigen und zu leben, dieser Gottes Sohn hat sich entäußert, wurde gar wie ein Sklave, verzichtete freiwillig auf seine Privilegien, auf seinen sicheren Platz im Himmel. Derjenige, der herunterkam: auf die Augenhöhe mit Dir und mit Dir und auch mit mir, identifizierte sich auch mit mir. Identifizierte sich mit den Geringsten, mit dem sprichwörtlichen Mann von der Straße und auch mit der Frau. Und wie? Und wann? - werden sie fragen. “Alles, alles was dem Geringsten angetan wird, das wird mir angetan” - sagte er als Richter in seiner großen Gerichtsrede (vgl. Mt 25,31-46). Was hat das zu bedeuten? Normalerweise hören wir dieses Worte als Mahnung und auch als Drohung. So ganz nach dem Motto: Passt auf, dass ihr die Menschen nicht verhungern lässt und auch nicht verdursten. Missbraucht sie nicht. Besucht sie, wenn sie krank sind oder im Gefängnis. Betrügt sie nicht und schlägt sie nicht. Steinigt also die “Ehebrecherinnen” nicht und auch die anderen Gesetzesübertreter. Denn, wenn ihr das tut, dann steinigt ihr Christus selber. Dann betrügt ihr ihn, lässt ihn verhungern, oder an der Einsamkeit ersticken, weil ihr ihn nicht besucht. Wenn ihr also eure Mitmenschen misshandelt, dann produziert ihr das Kreuz. “Ihr schlägt mich ans Kreuz” - sagt im Grunde Christus in seiner Gerichtsrede. Der am Kreuz leidende Gottesohn, dieser Schmerzensmann verdichtet nämlich all das menschliche Elend, das dem sprichwörtlichen Menschen von der Straße angetan wird. Von den Menschen angetan. Nicht von Gott! Auch im 21. Jahrhundert angetan. Er verdichtet dieses Elend aufgrund seiner Identifizierung mit den Opfern unserer Taten und Untaten: “Ich, ich habe es verschuldet, was du gelitten hast” - singen wir - oft gedankenlos - im Passionslied: “O Haupt voll Blut und Wunden”. Wie gesagt, normalerweise hören wir diese Gerichtsworte Jesu als Mahnung und auch als Drohung. Und das ist gut so!

Heute aber, heute bei dieser Passionspredigt wechseln wir unsere Perspektive der Betrachtung. Wir wechseln den Standort und die Fronten. Denn: als Kirchenbesucher, als Eucharistiefeiernde kommen wir alle beladen mit unseren Problemen hierher. Wir kommen - um nur einige Beispiele anzuführen - wir kommen mit der uns beklemmenden Angst. Angst, dass ich abstürze! Weil ich den Job verloren habe. Weil mich eine tiefe Depression hinunterzieht. Weil mir die Einsamkeit zusetzt. Weil mich der Partner sitzen ließ und ich nicht mehr ein- und ausweiß. Nicht einmal weinen kann ich...! Wir kommen aber auch verfangen im Teufelskreis der Selbstbeschuldigung und der Komplexe. Weil mir halt so wenig gelingt im Leben! Wir kommen auch bedrückt, weil ein Schicksalschlag zugeschlagen hat; die unerwartete Diagnose: “Es steht nicht gut mit Ihnen”; der plötzliche Tod eines geliebten Menschen: “Es tut mir leid, wir konnten nicht mehr machen”. Liebe Schwestern und Brüder, als Eucharistiefeiernde kommen wir beladen mit all den Steinen, die uns am Herzen liegen, die uns ja drücken, uns in die lähmende Perspektivlosigkeit treiben. Beladen! Oft an der Grenze der Verzweiflung! Von Enttäuschung und Frustration nur so vollgepumpt schauen wir den Gekreuzigten an und vernehmen seine Stimme: “Alles, was dem Geringsten angetan wird, das wird mir angetan!” Um Gottes willen: wir vernehmen seine Stimme und fangen an zu verstehen, dass wir selber, dass jeder von uns, dass also Du und Du und auch ich, dass ICH dieser Geringste bin. Dass also das, was mir angetan wird, angetan durch andere Menschen: durch den Chef, durch meinen Ehemann, oder auch Lebenspartnerin, durch meine Kinder, aber auch durch die Krankheit, die mich plagt, oder durch die Sucht von der ich nicht freikomme, dass schlussendlich auch das, was ich mir selber alles antue, wenn ich vom Selbsthass und Komplexen von dem sprichwörtlichen Scheitel bis zur Sohle vollgestopft, mir nur noch im Kreis drehe, dass al das, von ihm, der heruntergekommen ist und am Kreuz erhöht wurde, dass all das von ihm erlitten wird. Dass also der Stein, der mir am Herzen liegt, auch sein Herz bedrückt, weil er halt sich mit mir identifizierte und mir gerade deswegen der Stein stückweise vom Herzen fallen kann. Denn: Geteiltes Leid ist halt schon halbes Leid. Ja, liebe Schwestern und Brüder: bei der Frage nach der Erlösung dürfen wir ruhig den Perspektivenwechsel wagen.

Fassen wir zusammen: Der Richter, der sein Gericht ankündigt, er sitzt nicht auf dem Richterstuhl. Vielmehr lässt er sich selber richten, wird selber unter die “Böcke” gezählt. Der Sohn Gottes, der sich mit dem Geringsten identifizierte, wird ja selber zum Opfer, wird selber geschlagen, wird selber erniedrigt. Auch von mir! Wenn ich andere erniedrige und misshandle, wenn ich mich selber zum Opfer meiner selbst mache, dann wird er zum Inbegriff des Opfers. Er wird zum Inbegriff des Verletztseins, des an den Rand Gedrängtseins, des dem Hohn Preisgegebenseins. Er wird: Zum Inbegriff der stumm gewordenen Einsamkeit im Leiden. Zum Inbegriff des in Angst in den Abgrund Fallenden und auch des Sterbenden. Damit er all das aus der Kraft jener Liebe, die stärker ist als der Tod, damit er all das aus der Kraft seiner göttlichen Liebe wandeln kann.

Der Richter, der in seiner Passion selber gerichtet wurde, ist uns also zum Retten, zum Erlöser geworden. Und dies im doppelten Zusammenhang. Er ist uns zum Retter und Erlöser geworden, uns, die wir selber auch OPFER sind und im Glauben erfahren dürfen, dass er unser Leid teilt und unser Leid deswegen ein geteiltes Leid ist. Und wir: die Kranken und Sterbenden, die Abstürzenden und die Depressiven, die Einsamen niemals restlos einsam sind. Weil er, der unsere Krankheiten getragen, weil er immer noch eine Stufe tiefer ist, um uns aufzufanden. Der Richter, der selber gerichtet wurde, ist uns aber auch zum Retter und zum Erlöser geworden, uns, die wir selber auch TÄTER sind, andere Menschen also zum Pofer machen. Sie oft in die Einsamkeit stürzen, oder in Verzweiflung. Sie verletzten, oft auch töten, wenn auch meistens nur mit Worten. Der Richter, der selber gerichtet wurde, wird uns auch in diesem Zusammenhang zum Retter und zum Erlöser. Wenn er zum Vater betet: “Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun!” Den Blick auf das Kreuz richtend, kann der moderne Mensch auch im 21. Jahrhundert einen Überschuss an Hoffnung vom Kreuz empfangen. Er kann vom Glauben an die Erlösung eine Überschuss an Hoffnung empfangen, die ans alle leben lässt. In unserer Welt, einer Welt, die voll des Leides ist, voll der Korruption, des Zynismus und des Hasses, voll der Gewalt, des Ressentiments und der Verzweiflung. Den Blick auf das erlösende Krez richtend können wir bekennen: Die Welt kann unmöglich so schlecht sein, dass die Liebe und die Hingabe, das Mitleid und das Teilen von Leid - die Wandlung also - aus dieser Welt vertrieben werden. Nein: Mitten in dieser Welt bleiben Liebe und das geteilte Leid Wirklichkeit. Dafür bürgt der Gekreuzigte, der sich mit den “Geringsten” identifizierte, in seinem Tod ihren Tod starb und vom Vater auferweckt wurde. So auferweckt, wie auch wir auferweckt werden. Deswegen können wir, können die Christen nicht um die Hoffnung gebracht werden. Wir dürfen uns glücklich preisen, stolz sein und auch erlöster aussehen: in unserem Alltag. Nicht Lebenslust anstatt Glaubensfrust prägt ja unser Leben, sonder das exakte Gegenteil: Glaubenslust statt Lebensfrust!

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