Benediktinerstift St. Georgenberg-Fiecht, Tirol, Österreich

Lieber Bischof Manfred!
Lieber Abt Anselm und liebe Mönche von Fiecht,
liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
geschätzte Ehrengäste,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

1. Tägliche Bekehrung.
30. April 1138:
Das ist ein ganz wichtiges historisches Datum, das die beiden Abteien St. Georgenberg-Fiecht sowie Wilten verbindet. An diesem Tag stellt Papst Innozenz II. die Schutzbriefe aus für die beiden Klöster, die Bischof Reginbert von Brixen als Reformklöster einsetzt in einer Zeit der Verweltlichung und spirituellen Verarmung der Kirche. Das Kloster Wilten übernehmen Prämonstratenser, die kurz vorher Norbert von Xanten im Jahre 1121 gegründet hatte und St. Georgenberg wird ein Benediktinerkloster.
Ecclesia semper reformanda“ – die Kirche muss immer erneuert werden. Wenn wir dieses Jubiläum feiern, dann freuen wir uns, dass die Kirchen und Klostergebäude auf dem Georgenberg, in Fiecht wie auch in Wilten in den letzten Jahren umfassend restauriert wurden und heute in einem Glanz dastehen wie wahrscheinlich kaum in der fast 1000jährigen Geschichte.
Aber Jubiläumsfeste rufen uns auf vor allem zur Reform unserer Herzen, zur täglichen Hinwendung zu Gott und seiner Botschaft. Bei unserem letzten Kanoniekapitel in Wilten, bei dem wir Visionen für das Jahr 2020 erarbeitet haben, hat uns der Moderator die Frage gestellt: „Was muss sich ab morgen bei dir ändern?“ Reform beginnt bei mir selbst. Mutter Teresa wurde einmal gefragt: „Was muss sich Ihrer Meinung nach in der Kirche ändern?“ Ihre Antwort: „Sie und ich!“ Unser gemeinsames Jubiläum ist also zunächst ein Auftrag an unsere Gemeinschaften mit all unseren Pfarreien, Freundeskreisen und Menschen, die mit uns in Verbindung stehen: Bekehre dich selbst - jeden Tag! Ändere dein Leben! Fange bei dir an!

2. Neben dem gemeinsamen Datum verbindet unsere Abteien sehr viel. Wir haben viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede.
Fiecht hat zwei Klöster: Ein Felsenkloster in der rauen Wildnis und ein Kloster im Tal. Wilten hat nur eines. Was das für die Fiechter Mönche in all den Jahrhun-derten an Belastungen und Mehrarbeit, ja Überlastungen mit sich gebracht hat, zeigt schon die Tatsache, dass in Fiecht bereits der 66. Abt regiert, in Wilten erst der 55.
Aber alle Klöster verbindet eines: Sie sind ein Zeichen der besonderen Gegenwart Gottes.

In der Geheimen Offenbarung haben wir eben in der Lesung vom heutigen 5. Sonntag in der Osterzeit gehört: „Seht die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein.“(Offb 21,3).
Gott muss sein die Mitte jeder Klostergemeinschaft; sonst verkommt sie nur zu einem wirtschaftlichen Unternehmen oder einer größeren Wohngemeinschaft, in der man gut aufgehoben und versorgt sein kann. Mönche leben aus dieser Mitte heraus. Natürlich ist jede christliche Gemeinschaft, jede christliche Familie eine Wohnung Gottes. Aber Klöster sollten eigentlich Modellsiedlungen sein, Leuchttürme, an denen die Gegenwart Gottes besonders aufleuchtet.
Die Wohnung Gottes ist ein Andersort, an dem nicht nur Mönche, sondern auch Besucher und Gäste Gott begegnen können in der Stille, in der Meditation, in der lectio divina, im Chorgebet. In solch göttlicher Atmosphäre kann man Atem holen, ausruhen von Hast und Stress.
Die Wohnung Gottes ist ein Ort der Gelassenheit, wo ich lerne, mich auf Gott zu verlassen. Welch schönes Wortspiel: Hier kann ich mein Ego, mein übertriebenes Streben nach Selbstverwirklichung, meine Hybris, meine Überschätzung „verlassen“ - auf Gott hin.
In der Wohnung Gottes finde ich einen Ort des rechten Maßes inmitten einer maßlos gewordenen Zeit. Der heutige Mensch hat das Gefühl für Grenzen verloren: Grenzen in den Lebensansprüchen, Grenzen der Machbarkeit, Grenzen der Freiheit. Es ist die Regel des hl. Benedikt, die ein nachahmenswertes Sensorium für Maß entwickelt hat.
Die Wohnung Gottes ist weiters ein Ort des Zuhörens, ein Ort des Zeitschenkens: Ganz entgegen dem rein ökonomischen Verständnis, zugespitzt in Benjamin Franklins Parole „Zeit ist Geld“.
In der Wohnung Gottes kann ich mich in uralten Ritualen, im geregelten Tagesablauf ganz in die Hände Gottes fallen lassen; hier kann ich mich befreien von der Blitzgeschwindigkeit der modernen Kommunikationstechnik. Hier wohnt Gott, den die Brüder und alle, die hier herkommen, in der heiligen Liturgie loben und anbeten; hier gibt es den Luxus von angeblich verschwendeter Zeit, in der man nicht auf die Uhr schaut, in der man Gott verehrt im gesprochenen und vor allem gesungenen Lobpreis.
Die Wohnung Gottes ist ein Ort des Friedens und der Versöhnung.
Die Wohnung Gottes ist auch ein diakonischer Ort, an dem Leidende und Arme einen Platz finden; ein Ort, an dem eine müde und resignierende Gesellschaft Räume der Hoffnung und des Trostes findet: „Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wir bei ihnen sein. Er wird alle Tränen von ihren Augen abwischen…
Abteien sind Orte, in deren Mitte Gott wohnt, sind Orte des Gottesdienstes.

3. Die Fiechter und die Wiltener verbindet das Gründungsdatum. Uns verbindet das Wesentliche eines Klosters. Und noch etwas verbindet uns: Auf dem Georgenberg gibt es ein äußerst bekanntes architektonisches Meisterwerk. Die hohe Brücke. Brücke hat für unsere Abteien zunächst nicht immer eine positive Konnotation gehabt: Die Brücke auf dem Georgenberg ist öfters abgebrannt oder sogar eingestürzt. Sie musste mühsam immer wieder aufgebaut werden. Um 1438 gab es den „Schwazer Brückenstreit“, die Streitfrage zwischen den Mönchen und den Freundsbergern: Wer ist verantwortlich, die reparaturbedürftige Brücke instand zu setzen und zu bezahlen? Die Abtei hat abgelehnt. Hans von Freundsberg stellte sich daraufhin höchstpersönlich auf dem Georgenberg ein und drohte dem Abt, er werde ihn eigenhändig zum Fenster hinauswerfen, sollte der „Pfaff“ nicht augenblicklich Zahlungsbereitschaft erkennen lassen. Trotz der ablehnenden Haltung des Oberen blieb der „Georgenberger Fenstersturz“ aus. Hier finden wir wieder eine Parallele zu Wilten. Abt Konrad Speiser aus dem Geschlecht der Herren von Friedberg bei Volders, der 17. Abt von Wilten, wurde wegen seiner Zuneigung zu den Wittelsbachern von den habsburgisch gesinnten Innsbruckern im Jahre 1368 von der Sillbrücke hinuntergeworfen und in der Sill ertränkt.
Let’s bridge: Lasst uns Brücken bauen“, so haben tausende von Jugendlichen im vergangenen Jahr beim internationalen Genfest in Budapest gesungen und sind sich in diesem Geist des Brückenbauens begegnet. Die Mädchenband Gen Verde hat das berühmte Lied komponiert, das auf der ganzen Welt in vielen Sprachen gesungen wird: Warum denn bauen wir Brücken zueinander? Die Brücke ist ein uraltes Symbol des aufeinander Zugehens, des Zusammenkommens, der Begegnung, der Verbindung.
Die Mönche von St. Georgenberg-Fiecht haben in den letzten 875 Jahren, ganz besonders im letzten Jahrhundert viele Brücken gebaut:
Brücken zu den Wallfahrern in den Nachtwallfahrten und Menschen auf persönlicher Pilgerschaft; Brücken zu Gottsuchern bei Besinnungs- und Meditati-onskursen, in Einzelexerzitien, bei Fortbildung, beim Mitleben im Kloster zu heiligen Zeiten; Brücken zu Asylanten; Brücken zu Jugendlichen, Firmlingen und Schulklassen; Brücken zu Gästen; Brücken zu Kirchenfernen; Brücken in Missionsländer. Diese Brücken führen Menschen zum Glauben, zum Gottvertrauen; Brücken laden ein zum Dialog wie zum Teilen des Glaubens. Für dieses Brückenbauen zu Menschen, die sich nach Halt und Lebensorientierung sehnen, möchte ich Euch in deren Namen ein großes Danke aussprechen
Das Symbol Brücke sagt uns: Ein Kloster ist nicht nur ein Ort des Gottesdienstes, sondern auch des Menschendienstes.

Liebe Festgemeinde!
Jubiläumsfeiern lassen unsere Erinnerungen tanzen in der Vergangenheit und uns auf das Heute schauen: Dabei werden wir dankbar:
• Dankbar, dass Benediktinermönche an diesem heiligen Ort ihrer Berufung treu geblieben sind und täglich umkehren.
• Wir sind dankbar, dass Gott in diesem Hause wohnt und verehrt wird;
• wir sind dankbar, dass hier Brücken gebaut werden zwischen gottsuchenden Menschen.
Jubiläumsfeiern lassen uns auch voll Hoffnung in die Zukunft schauen: Menschen haben Sehnsucht nach spirituellen Orten, nach gottvollen Räumen und Zeiten. Liebe Gemeinschaft von Fiecht! Solange Gott die Mitte dieses Klosters bleibt, werden Menschen kommen und die Stimme Gottes hören, die da sagt: „Siehe, ich mache alles neu!“ (Offb 21,5a). Amen.

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