Abt Anselm Zeller OSB bei der Predigt in der Stiftskirche Wilten

Lieber Herr Bischof, lieber Abt Raimund, liebe Gemeinschaft der Chorherren von Wilten, liebe Brüder und Schwestern im Glauben!

Zum 875 jährigen Jubiläum der Erhebung zur Abtei dieses Chorherrenstifts haben wir gerade drei Texte aus der Hl. Schrift gehört. Die Lektoren haben die Texte jeweils abgeschlossen mit dem Hinweis: „Wort Gottes“  und wir antworteten: „Dank sei Gott!“, und der Diakon hat uns nach der Verkündigung des Evangeliums zugerufen: „Evangelium (Frohbotschaft) unseres Herrn Jesus Christus“ und wir haben geantwortet: „Lob sei dir, Christus.“ Diese drei Texte sind also Gottes lebendiges Wort hier und jetzt an uns. Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott in der Feier dieser festlichen Liturgie zu uns sein lebendiges Wort gesprochen hat – heute mit den Texten des 6. Sonntags der Osterzeit und zur Feier des Jubiläums. Wir haben für diese Zusagen Gottes durch unsere Antworten gedankt.

Wir fragen, was sein Wort uns sagen will – sein Wort aus der Apostelgeschichte, sein Wort aus der Offenbarung des Johannes und sein Wort aus dem Johannesevangelium. Allerdings, ohne die Öffnung unseres Herzens, ohne das innere Hören, sind die Texte im günstigsten Fall interessant, im schlechtesten Fall langweilig und belanglos.

In der 1. Lesung hören wir vom so genannten Apostelkonzil (Apg 15,1-2.22-29). Es ist die Rede von „großer Aufregung und heftigen Auseinandersetzungen“ zwischen den Leuten aus der jüdischen Tradition und dem Völkerapostel Paulus, der sich für eine Praxis der Freiheit vom jüdischen Gesetz stark macht. Es ist die Rede von einem Beschluss der Apostel zusammen mit der ganzen Gemeinde zugunsten dieser Freiheit. Und es ist die Rede davon, dass dieser Beschluss durch das Wirken des Heiligen Geistes und nach einem heftigen Streit zustande gekommen ist.

Ist dies nicht ein Hinweis auf Eure lange Geschichte, liebe Mitbrüder aus dem Orden des hl. Norbert? Wie viele Entscheidungen musstet Ihr treffen, Ihr und Eure Vorgänger? Da gab es nicht nur Harmonie und schnelle Lösungen, sondern es war ein Ringen um schwere Entscheidungen. Wahrscheinlich ging es dabei manchmal auch heftig zu; ich spreche hier von meinen eigenen Erfahrungen. Paulus hat in einer äußerst wichtigen Frage aus seiner Beziehung zum auferstandenen Herrn heraus und aus tiefer Gewissheit um den neuen Weg gerungen. Er hat „dem Petrus ins Angesicht widerstanden“. Es ging ihm um die Wahrheit, um Treue in der empfangenen Gnade, um das Heil, um die Freiheit von unnötigen Lasten, um die Antwort auf die Fragen eines neuen Weges. Ja, die ganze Gemeinde hat bei der Entscheidung, die ein Kompromiss war, mitgewirkt.

Liebe Mitbrüder von Wilten, das Apostelkonzil, seine Vorgehensweise, seine Meinungsbildung und sein gemeinsamer Beschluss gibt Euch Mut, auch bei Euren Entscheidungen auf das Wirken des Hl. Geistes zu vertrauen, selbst wenn oder gerade weil um die Erkenntnis des Willens Gottes gerungen werden muss. Nicht Streitsucht, Rechthaberei, Eigensinn und Alleingänge führen zu einem geistgewirkten Ergebnis, sondern das gemeinsame und persönliche Hinhören auf das Wort Gottes, auf einander und auf den Willen Gottes. Dies entspricht ganz dem Geist des hl. Augustinus, nach dessen Regel ihr lebt, dies entspricht ganz dem Willen des hl. Norbert, dessen Spiritualität euch prägt, und entspricht ganz euren Satzungen. Das Wort des hl. Augustinus „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“, gilt auch bei unterschiedlicher Meinung. Wenn Gottes Wort, das uns Tag für Tag bei unterschiedlicher Situation gesagt wird, in uns brennt, werden wir fähig zu einem gemeinsamen Weg. Das Apostelkonzil gibt uns allen in unserer Kirche Mut, liebe Brüder und Schwestern, uns in unserer Kirche einzubringen, wo immer wir zu Entscheidungen beitragen können. Nicht unser Eigeninteresse darf uns dabei leiten, sondern das Ringen um die Wahrheit und um das Heil unserer Brüder und Schwestern.

Schauen wir auf die heutige zweite Lesung (Offb 21, 10-1.22-23), die wir als das Wort Gottes gehört haben. „Ein Engel entrückte mich in der Verzückung auf einen großen, hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt Jerusalem, wie sie von Gott her aus dem Himmel herabkam, erfüllt von der Herrlichkeit Gottes.“ (Offb 21,10) 875 Jahre sind Grund für große und frohe Dankbarkeit. Sie sind aber keine Garantie. Wir können uns nicht in eitlem Ruhm sonnen, uns selber auf die Schulter klopfen und vergessen, dass alles Geschenk des Himmels ist. Der Prophet Jeremia warnte das Volk, die Hände in den Schoß zu legen angesichts von großen Leistungen und Erfolgen. Er stellte sich im Auftrag Gottes an das Tor des Hauses Gottes und rief den Leuten zu: „Vertraut nicht auf die trügerischen Worte: Der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist hier!“ Und er fährt sinngemäß weiter: „Nur, wenn ihr dem Herrn treu bleibt“ – wir könnten heute sagen: „Wenn ihr eurer Berufung treu bleibt“,  „ will ich bei euch wohnen hier an diesem Ort“. (cf  Jer 7, 2ff)

Unser Blick darf nicht an unseren Leistungen und Erfolgen hängen bleiben. Wir wissen vielmehr, dass alles Geschenk Gottes ist, dass es von oben kommt. Das himmlische Jerusalem ist dafür ein wunderbares Bild. Und wir sehnen uns nach der gottgeschenkten Vollendung unserer brüchigen Vorhaben und Taten. Mitten in unserem Suchen und Fragen, unserer Plackerei, unserem Versagen und Scheitern gehen wir unseren Weg zum himmlischen Jerusalem, dessen Mitte der Herr ist. Gewiss, ihr steht ganz hinter euren Aufgaben in Seelsorge und in euren vielfältigen pastoralen Aufgaben; ihr pflegt die Liturgie, sorgt für die Armen, habt über die Jahrhunderte bedeutende Wissenschaftler hervorgebracht, seid Träger hoher Kultur und unterstützt missionarische Tätigkeiten. Viele Menschen wissen sich euch zum Dank verpflichtet. Was wäre die Stadt Innsbruck ohne euer Schaffen! Eine wunderschöne Perle würde ihr fehlen. Zugleich wisst ihr aber auch um die Vorläufigkeit von allem; die Vertreibungen eurer Gemeinschaft die Zerstörung eurer Kirche und eures Klosters im 2. Weltkrieg legen beredtes Zeugnis von der Vergänglichkeit alles menschlichen Schaffens ab. Diese Vorläufigkeit unseres Schaffens kommt in folgender Episode in eurem Stift zum Ausdruck, liebe Mitbrüder: 1806, also in schwieriger Zeit, haben zwei Wiltener Chorherren bei ihrer Gelübdeablegung ihre Treue mit dem Zusatz verbunden: „Solange Gott gnädig ist und in seiner Barmherzigkeit dieses Kloster erhält“. Was damals galt, gilt heute für viele Ordensgemeinschaften in unserer Diözese Innsbruck.

Besonders in schweren Zeiten oder gar bei Katastrophen wird der Blick auf unser gemeinsames, ewiges Ziel gelenkt, eben das himmlische Jerusalem. Leicht kann er im Alltag und bei vielen Aufgaben getrübt werden; wir können geistlich blind werden. Deshalb nehmt ihr euch auch Zeit für das Gebet, übt ihr euch immer wieder ein in das Loslassen und das Freiwerden für Gott in der Meditation und dem Lesen in der Hl. Schrift. Wir definieren uns nicht nach unseren Leistungen, sondern gemäß unserer Beziehung zu Gott.

Schließlich der dritte Text (Joh 14, 23-29), den wir als Geschenk des Wortes Gottes annehmen: Ein Abschnitt aus den Abschiedsreden Jesu im Johannesevangelium. Es ist gleichsam der Höhepunkt des Wortes, das uns heute Gott schenkt. Ich darf die markanten Sätze Jesu in Erinnerung rufen: „Wenn jemand mich liebt, wird er an meinem Wort festhalten. Mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen... Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, der wird euch alles lehren... Frieden hinterlasse ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht!“ Eine größere Zusage finden wir in der gesamten Heiligen Schrift nicht. Diese Zusage gilt nicht nur für die Chorherren von Wilten, für alle hier vertretenen Ordensgemeinschaften, für die Mitglieder des Ritterordens vom Heiligen Grab. Sie gilt für jeden Getauften. Der dreifaltige Gott wird in uns wohnen, wenn wir den auferstandenen Herrn lieben und an seinem Wort festhalten. Im 2. Kapitel eurer Regel, liebe Söhne des hl. Norbert, heißt es: „Lebt alle einmütig und ehrt in euch gegenseitig Gott, dessen Tempel ihr geworden seid.“ Aber auch wir alle sind Wohnung des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Wir sind der Tempel Gottes, wir sind Kirche und wanderndes Gottesvolk zu jenem verheißenen Jerusalem.

Wir freuen uns über die drei Schriftstellen heute zur Feier eures 875 jährigen Jubiläums. Wir wünschen euch die Gegenwart des lebendigen Gottes, das tiefe Vertrauen in seine Liebe zu euch und untereinander – ganz im Geiste des hl. Augustinus, damit euer Zeugnis viele Menschen anstecke und begleite – ad multos annos.

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