Abt Raimund Schreier OPraem

Die Predigt im Wortlaut:

In unserer Wiltener Bibliothek steht unter anderem eine stattliche Reihe von großen Büchern; diese Reihe umfasst 68 Bände. Das Werk heißt „Acta Sanctorum“„Leben und Taten der Heiligen“. Für jeden Tag des Jahres sind da von eifrigen Forschern, vor allem den Jesuiten von 1734 bis 1910 Akte, Dokumente und Lebensbeschreibungen der Heiligen aller Jahrhunderte gesammelt in chronologischer Reihenfolge. Übrigens, nachdem die Jesuiten aufgehoben worden waren, haben die Prämonstratenser im Jahre 1794 einen Band (53.) herausgegeben. Ich habe Ihnen einen solchen Band mitgebracht: Darin sind alle Heiligen, die vom ersten bis zum vierten Oktober gefeiert werden. Auf fast 500 Seiten wird da das Leben des hl. Franz von Assisi in lateinischer Sprache beschrieben.

Es ist unglaublich, was da alles an Biographien und Legenden zusammengetragen worden ist. Aber vor allem beeindruckt die gewaltige Schar der Heiligen. Jeden Tag findet man 30 bis 40 und mehr Namen von Heiligen.

Auch auf alten Ikonen kann man dieser großen Schar von Heiligen begegnen, wie Sie auf der Titelseite unseres Liedblattes sehen können.

Wie heißt es in der Geheimen Offenbarung des Johannes, aus der wir gerade in der ersten Lesung gehört haben? „Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen“ (Offb 7,9). 

In der Tat, die Zahl der Heiligen kann niemand zählen. Zu den Tausenden, die in den Acta Sanctorum verzeichnet sind, kommen noch sehr viele aus den letzten zwei Jahrhunderten. Allein Papst Johannes Paul II. hat 1338 Selig- und 482 Heiligsprechungen vorgenommen. Ein solcher Akt der Selig- oder Heiligsprechung stellt Christen auf die Bühne, die es sehr ernst genommen haben mit dem Leben nach dem Evangelium, besonders mit den acht Seligpreisungen

Achtmal sagt Jesus: „Selig, die…“. Achtmal nennt er, was es braucht, damit ein Leben gelingt. Denn Heilige oder Selige sind nicht irgendwelche Sonderlinge, komische Heilige, sondern Menschen, deren Leben ans Ziel gelangt ist, die den Weg gegangen sind, der selig, der glücklich macht.

Viele Vorbilder stellt uns die Kirche vor: 

Menschen, die barmherzig waren, statt harten Herzens zu sein;

die Frieden gestiftet haben, wo Hass und Streit herrschten;

die nach Gerechtigkeit verlangt haben, statt es sich mit dem Unrecht zu richten; 

die lieber um der Gerechtigkeit willen Verfolgung auf sich genommen haben, als mit den Wölfen zu heulen;

die bereit waren, Schimpf und Schande zu ertragen, statt andere schlecht zu machen. 

Solche Christen leben auch heute unter uns. Sie sind uns ein großes Vorbild und Ansporn, auch Heilige zu werden.

Zwei Beispiele von Heiligen möchte ich in Erinnerung rufen, die aus dem Geist der Seligpreisungen gelebt haben.

Im 13. Jahrhundert lebt eine Frau, die durch ihren Einsatz für Arme, Obdachlose und Kranke schon zu Lebzeiten im Ruf der Heiligkeit stand. Elisabeth von Thüringen wird nur 24 Jahre alt, aber bereits vier Jahre nach ihrem Tod heiliggesprochen. Ihr Gedenktag ist jetzt am 19. November. Wie kaum ein anderer Mensch vor ihr hat sie wohl die erste Seligpreisung wahr werden lassen: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3). Wenn es um die materielle Armut geht, dann hat diese Frau, für viele Menschen vielleicht ein Stück Himmel auf die Erde geholt. Sie selbst war geprägt von der franziskanischen Armutsbewegung. Ihre geistige Armut mag ihr ungetrübter Blick für das Einfache, für die an den Rand Gedrängten, für das Unbeachtete gewesen sein. 

Eine andere Selige unserer Tage: Sie wird im Jahre 2010 seliggesprochen. Das griechische Wort für „selig“ heißt „makários“ und das kann man auch übersetzen mit „glücklich“. „Glücklich sind die, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.“

Ihr Fest war jetzt am 29 Oktober: Es ist Chiara Luce Badano, eine junge Norditalienerin aus Sassello. Chiara Luce ist total lebensfroh, sehr sportlich, bei allen beliebt, freiheitsliebend und doch mit einer klaren Linie. Eines Tages erfährt sie, dass sie Knochentumor hat. Sie wird öfters operiert. Dann müssen die Ärzte sie aufgeben. Chiara weiß, wie es um sie steht. Aber sie bleibt trotz allem glücklich, immer lachend, zu Scherzen aufgelegt, wenn Freunde sie besuchen. Ja, sie ist es, sie, die Schwerkranke, die ihre Eltern und ihre Freunde aufheitert. Natürlich mit allen Höhen und Tiefen. Chiara Luce ist bereit diesen Willen Gottes anzunehmen. Das ist sicher nicht immer leicht. Im Alter von 19 Jahren stirbt sie. Es ist der 7. Oktober 1990. Kurz vor ihrem schmerzhaften Hinübergehen sagt sie noch zu ihrer Mutter mit ganz schwacher Stimme: „Ciao, Mama, sei glücklich, denn ich bin es!“ „Selig, glücklich sind die, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen.“

Es macht Mut, solch spirituell geerdete, ganz im Evangelium eingetauchte Heilige als Vorbilder zu haben. Und ihre Schar ist unzählbar. In den dicken Büchern der Acta Sanctorum sind eigentlich nur ein winzig kleiner Teil derer, die vor Gott Heilige sind – auch wenn auf Erden kaum jemand von ihnen Bescheid weiß. An all diese Vielen, Zahllosen denkt die Kirche heute in großer Dankbarkeit. 

Schauen wir öfters auf diese große Schar der Heiligen, vor allem auf unsere Namenspatrone und Lokalheiligen. Rufen wir sie an um ihre Fürsprache, damit es auch uns gelingen möge, Heilige zu werden, wie schon im Buch Levitikus im Alten Testament der Gott Israels aufruft: „Seid heilig, denn ich, der Herr, euer Gott, bin heilig“ (Lev 19,2). Amen. 

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