„Sonntag der Barmherzigkeit“ nannte Papst Johannes Paul II. den heutigen Weißen Sonntag, den ersten Sonntag nach Ostern. Am Vorabend dieses Sonntags ist er im Jahr 2005 zum barmherzigen Vater im Himmel heimgekehrt. Und an diesem Sonntag wird er nun von Papst Franziskus heilig gesprochen. Gemeinsam mit ihm auch Papst Johannes XXIII., der am 3. Juni 1963 gestorben ist.

Papst Johannes Paul II. ist vielen von uns noch bekannt, war er doch fast 27 Jahre lang Pontifex maximus. Als solcher hat er 1988 auch Tirol besucht, auf dem Bergisel die heilige Messe gefeiert und hier in der Stiftskirche mit uns Prämonstratensern gebetet. Hinten erinnert ein Relief vom Künstler Emmerich Kerle an seinen Besuch. Unsere Stiftskirche hat also meines Wissens schon drei Heilige gesehen: unseren Ordensgründer, den hl. Norbert auf seinen Reisen nach Rom, den hl. Petrus Canisius, der hier gepredigt hat und den hl. Papst Johannes Paul II..

Papst Johannes XXIII. kennt die ältere Generation unter uns. Von ihm sind viele Zitate und Anekdoten überliefert. Er war es auch, der das II. Vatikanische Konzil eingeleitet und eröffnet hat. Am bekanntesten sind uns seine „10 Gebote der Gelassenheit“ – eine einfache und unkomplizierte Lebensphilosophie, in der er auch unserem heutigen Papst sehr ähnlich war.

Diesen „Dekalog der Gelassenheit“ finden Sie auf der Rückseite Ihres Liedblattes, das Sie gern mit nach Hause nehmen und dann jeden Tag immer wieder einen Satz in der Früh meditieren können. Ich möchte nur eines dieser „Gebote der Gelassenheit“ herausnehmen. Nämlich das zweite.

2. Sorgfalt

Nur für heute werde ich größten Wert auf mein Auftreten legen und vornehm sein in meinem Verhalten. Ich werde niemanden kritisieren; ja, ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren oder zu verbessern... nur mich selbst.

Es geht also um ein vornehmes, ein höfliches Auftreten, um ein Sich-zurücknehmen, um eine demütige Haltung, die nicht das Ego in den Mittelpunkt stellt. Es geht um ein Verhalten, das nicht ständig andere kritisiert und versucht andere zu verbessern, sondern zuerst sich selbst.

Es geht letztlich um ein Absterben des Ego, das wir in der Taufe und zu Ostern im Ritus vollziehen. Sie kennen den Taufritus: Der Täufling wird übergossen oder besser eingetaucht in das Taufwasser, in den Schoss des Lebens, aber auch in die Macht des Todes. Der alte, der egoistische Mensch soll absterben. Der ins Taufwasser getauchte Mensch stirbt mystisch – sakramental wie und mit Christus.

Und der aus dem Wasser aufsteigende Getaufte tritt ein in eine neue Existenzweise. Er wird wiedergeboren entsprechend dem Gesetz des Evangeliums. Manchmal sagen wir: Ich fühle mich wie neu geboren. Der tiefste Sinn dieser Redensart liegt für den christlichen Glauben im Ostermysterium. Auch schon betagte Menschen können in einer anderen Lebensdimension jung bleiben. Auch ein 90jähriger kann das Evangelium leben, indem er sein Ich zurückstellt, nicht ständig um sich kreist, nicht nur seine Geschichten erzählt, sondern auf andere hinhört.

Im Wasser der Taufe stirbt der alte Mensch. Das heißt: Ein Christ stellt sich nicht ständig in den Mittelpunkt, muss nicht immer auf sich aufmerksam machen.

Das kann auch heißen: die Armen, ob materiell oder seelisch arm wahrnehmen und ihnen helfen, wo man eben kann.

Mit Christus sterben heißt auch: eingestehen, dass ich ein begrenzter Mensch bin, der nicht alles kann, der nicht so schön ist wie die anderen, der Fehler hat, die er eingestehen muss.

Von diesem Sich-zurücknehmen seiner eigenen Person, der höflichen und aufmerksamen Begegnung mit dem anderen erzählen zwei Anekdoten von und über Papst Johannes XXIII., Angelo Giuseppe Roncalli.

• Altes und Neues Testament.

Der damalige Bischof Roncalli war Nuntius in Frankreich. Während eines diplomatischen Empfangs sprach Roncalli mit dem Oberrabbiner von Paris. Beim Eintritt in den Speisesaal wollte ihm der Rabbiner den Vortritt lassen. Roncalli wehrte ab: „Oh nein, zuerst da Alte Testament, dann das Neue.

• Gesunder Schlaf

Ein neugeweihter Bischof beklagte sich in einer Privataudienz bei Papst Johannes XXIII., dass die Verantwortung seines neuen Amtes ihn nicht mehr schlafen lasse. „Oh!“, sagte Johannes in mitleidvollem Tone, „mir ging es in den ersten Wochen meines Pontifikats genauso. Aber dann sah ich einmal in einem Wachtraum meinen Schutzengel, der mir zuraunte: ‚Johannes, nimm dich nicht so wichtig…‘ Seitdem schlafe ich wieder.“

An diesem Sonntag, dem zweiten Sonntag in der Osterzeit, dem Weißen Sonntag, dem Sonntag der Barmherzigkeit, dem Sonntag, an dem wir zwei neue Heilige geschenkt bekommen, empfehle ich diesen „Dekalog der Gelassenheit“ vom hl. Papst Johannes XXIII., vor allem das zweite Gebot:

Nur für heute werde ich größten Wert auf mein Auftreten legen und vornehm sein in meinem Verhalten: Ich werde niemanden kritisieren, ja ich werde nicht danach streben, die anderen zu korrigieren oder zu verbessern… nur mich selbst.“ Mein Ego muss absterben, damit der neue Mensch geboren werden kann. Dieser neue Mensch, der Christ, schaut auf die andern. Johannes, Günther, Elisabeth, Christine, Emmanuel, Raimund, nimm dich nicht so wichtig! Amen. Halleluja!

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