Unser Mitbruder Gottfried hatte seit seinem Studienaufenthalt in Jerusalem eine besondere Liebe und ein spezielles Interesse für die Heilige Schrift. Die biblischen Texte las er immer wieder im Urtext, das Alte Testament in hebräischer und das Neue Testament in griechischer Sprache. Und er wurde nicht müde, immer wieder zu wiederholen, dass die erste Regel für uns alle das Evangelium ist; erst dann kommen Ordensregel, Konstitutionen, Kirchenrecht und so fort.

Deshalb lassen Sie mich sein Lebensvermächtnis zusammenfassen in drei biblischen Zitaten:

1)Ich gebe mein Leben hin für die Schafe (Joh 10,15b).

Gottfried hat mir in der vergangenen Fastenzeit einen sehr schönen Brief geschrieben. Bevor ich Ihnen jedoch den Brief vorlese, braucht es einige Vorbemerkungen: Gottfried war stark verbunden mit marianischen Gruppen, mit Gebetsgruppen und verschiedenen Bewegungen. Ganz besonders mit der Fokolarbewegung, dem sogenannten „Werk Mariens“, das in den 40-er Jahren während des Zweiten Weltkrieges entstanden ist. Chiara Lubich und ihre Gefährtinnen haben sich ganz für die Armen in der Stadt Trient eingesetzt. Bei Bombenalarm sind sie in die Bunker geflüchtet und haben dort bei Kerzenlicht das NT gelesen. Dabei haben sie vor allem entdeckt, dass in der Kirche die Nächstenliebe zwar gepredigt, aber kaum gelebt wird. Sie haben sich vorgenommen, diese Liebe ganz konkret und soweit als möglich immer zu leben. Zur gegenseitigen Hilfe haben einzelne Gruppen oder zwei Personen einen sogenannten „Pakt der Liebe“ geschlossen und sich versprochen, füreinander das Leben zu geben. Nur auf diesem Hintergrund ist der Brief zu verstehen. Er schreibt also:

Lieber Abt Raimund! Was ich Dir sagen möchte, ist, dass ich stolz auf dich bin. Aus Deinem Artikel im „Tiroler Sonntag“ habe ich vor allem den Satz beherzigt: „Die österliche Bußzeit ist eine Zeit, in der ich mich einüben kann in die Haltungen Jesu…“ Das trifft den Nagel auf den Kopf! Was ich zuweilen mitmache, ist Anklang an das Leben Jesu. Meine zeitweilige Dunkelheit kann ich nur ertragen im Blick auf den Verlassenen Jesus. Er ist meine Kraft und Hoffnung, die ich nötig brauche, um wieder in die Freude zu kommen. Ich will keineswegs jammern! Meine Fortschritte im körperlichen Zustand sind erstaunlich gut. Ein Schritt nach dem anderen, damit „die Seele nachkommt“. Warum ich schreibe, ist sehr einfach. Ich biete Dir den Pakt der gegenseitigen Liebe an: Was ich tue und was mir schwerfällt und wehtut, soll DIR, unserem Konvent und dem Werk Mariens zugute kommen. Ich bin bereit, das Leben für Dich zu geben…“.

Sein Gottvertrauen, seine tiefe Liebe zum Gekreuzigten und zur Schmerzensmutter, der Desolata, haben Gottfried immer wieder Kraft und innere Freude geschenkt. Aus dieser Einheit mit Gott hat er wirklich gelebt, auch und besonders in den dunklen Stunden seiner Krankheit. Er wollte wirklich all sein Leiden wie Christus hingeben, damit Gott es verwandeln kann in Freude, in Einheit und Frieden. Bei meinen Besuchen hat er mich immer gefragt: Was sind deine Anliegen? Meine Antwort: Einheit und Frieden! Und er: Dafür werde ich fest beten. Neben seinen vielen priesterlichen Beiträgen war dies wohl sein größter und wichtigster: das Gebet und seine Lebenshingabe. Wir dürfen ihn jetzt bitten, bei Gott Fürsprecher zu sein für den Frieden in unserem Konvent, in unseren Gemeinden, in den Familien, in unserem Land. „Ich gebe mein Leben hin für die Schafe“.

2)„Während sie (die Frauen) ratlos dastanden, traten zwei Männer in leuchtenden Gewändern zu ihnen“ (Lk 24,4).

Der junge Wolfgang, später dann mit Ordensnamen Gottfried, hat sich nach seiner Matura in Kufstein nach einigem Suchen, auch durch Vermittlung unseres Mitbruders Herrn Gebhard Pfluger, dessen Neffe der Religionsprofessor des Gymnasiasten Wolfgang Scheiber war, für den Prämonstratenserorden interessiert. Ich als damals junger Priester war Ansprechpartner hier im Stift. Ich erinnere mich an seine langen und mit wunderschöner Handschrift geschriebenen Briefe, in denen er seine Begeisterung für das Evangelium, für die Sache Gottes und besonders für das Charisma des Prämonstratenserordens zum Ausdruck brachte. Er war sehr angetan von dem Gedanken, dass ein Prämonstratenser im weißen Habit an die Engel in den leuchtenden Gewändern am leeren Grab Jesu erinnern, und dass wir so in besonderer Weise Zeugen des Auferstandenen sein dürfen. Das hat ihn begeistert – manchmal bis ins Schwärmende und überschwänglich Ausufernde. Er hatte die Gabe, diese Begeisterung weiter zu schenken an die Menschen in den Pfarreien, wo er wirkte, an der theologischen Fakultät, in der er als Assistent beschäftigt war, in den verschiedenen Gruppen, besonders bei Jugendlichen.

Diese Freude des Auferstandenen wurde später leider oft in den Grabkammern seiner kranken Seele eingesperrt, sodass sie nicht nach außen dringen konnte. Aber im Innersten war sie immer da, wenn auch für ihn und die anderen nicht immer spürbar.

Diese innere Begeisterung als Priester und Ordensmann hat ihn auch so beliebt gemacht bei vielen Menschen unseres Landes. Man hat gespürt: Er lebt mit und in Gott.

Das wurde deutlich bei seiner Verkündigung, bei der Feier der hl. Messe, bei der Spendung der Sakramente.

Das war zu spüren bei seinem Studium der Theologie und Philosophie, wo er in vielen Diskussionen und Gesprächen die Frage nach Gott in den Mittelpunkt stellte.

Das war ganz besonders zu greifen – und man wurde unwillkürlich ergriffen – bei seiner Tätigkeit als Kantor und beim Spiel der Geige oder Bratsche. Singen und Musizieren war für den Hochbegabten in erster Linie Ausdruck der Freude über Gottes Gegenwart, das war echtes Gotteslob, Preis und Ehre an Gott. Die Musik wurde auch manchmal – leider immer seltener – zur Therapie für seine leidende Seele.

Die tiefe Gottesbeziehung wurde auch sichtbar in seinem Einsatz für die Armen und Obdachlosen wie auch für die Blinden und Kranken, weshalb er dann ja auch die Krankenpflegerschule besucht und im Malfattiheim und dann im Notburgaheim gearbeitet hat.

An dieser Stelle möchte ich allen ganz herzlich danken, die Gottfried während seiner Krankheit begleitet und gestützt haben: besonders Frau Doris Feuerstein vom Notburgaheim mit dem Pfleger Lukas, der sich in ganz aufopferungsvoller und liebenswürdiger Weise um ihn bemüht hat und für ihn da war. Danke. Danke auch allen Ärzten und Pflegern sowie FreundenInnen, die ihn immer wieder besucht haben.

Der Chorherr Gottfried war stolz, ein Prämonstratenser im weißen Habit zu sein, ein Zeuge des Auferstandenen. Wenn auch der Karfreitag in seinem Leben oft stärker präsent war als Ostern, so lebte er doch oder erst recht in einer tiefen Gottesbeziehung. Das war sein Glaubens-zeugnis.

3)„Fürchte dich nicht vor dem Tod“ (Sir 41, 3) (Lesung)

Gottfried hatte keine Angst vor dem Tod. Solches Bekenntnis ist gerade heute von Bedeutung; da man den Tod immer mehr in die dunkle Kellerkammer einer Klinik zu verdrängen sucht. Er hatte keine Angst vor dem Tod. Im Gegenteil: Manchmal oder immer öfter hatte er Sehnsucht nach dem Tod, Sehnsucht nach Ruhe und Alleinsein.

Für uns kommt dieser Tod zu früh. Aber wie heißt es in der eben gehörten Lesung aus dem Buch Jesus Sirach: „Ob tausend Jahre, ob hundert oder zehn, im Totenreich gibt es keine Beschwerde über die Lebensdauer“ (V.4). Aber ein großer Trost bleibt uns. Im nächsten Vers heißt es: „Ein Hauch ist der Mensch dem Leibe nach, doch der Name des Frommen wird nicht getilgt“ (Sir 41,11).

Der Name „Gottfried“ bleibt eingeschrieben im Buch des Lebens bei Gott, und er bleibt eingeschrieben in unseren Herzen. Möge sein Name für ihn nun eschatologische Realität werden: Gott-fried: Friede Gottes.

Diesen heilenden und heilsamen Frieden wünschen wir ihm nun in der Welt Gottes, in der es nichts Bedrohendes und keine bösen Stimmen mehr gibt. Fürchte dich nicht vor dem Tod! Im Gegenteil: Freue dich auf den heilsamen Frieden in Gott!

Liebe Andächtige! Diese drei biblischen Zitate mögen uns als Vermächtnis unseres lieben Herrn Gottfried bleiben:

• Ich gebe mein Leben hin ...

• es traten zwei Männer in leuchtenden Gewändern zu ihnen.

• Fürchte dich nicht vor dem Tod.

AMEN.

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