Verehrter Erzbischof Alois, liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst, ehrwürdige Schwestern, verehrte Repräsentanten des öffentlichen Lebens, besonders der Stadt Hall, liebe Brüder und Schwestern!

Auf meinen Reisen in andere Länder besuche ich natürlich neben Museen oder Kunstdenkmälern vor allem Gotteshäuser. Da bin ich dann immer fasziniert von der Schönheit, von der Architektur, vom Raum, von den Bildern, den Statuen und den Fresken. Aber vor allem fühle ich mich geborgen im Hause Gottes, weil ich Gott besonders nahe sein darf im Tabernakel. Aber da kommt mir oft das Wort Jesu aus dem eben gehörten Johannesevangelium in den Sinn: „Macht das Haus Gottes nicht zu einer Markthalle!“ Wo ist das Gespür für die Heiligkeit solch sakraler Orte geblieben? Oft wird in diesen Gotteshäusern laut geredet. Ja sogar während der heiligen Liturgie kommen manche essend, trinkend, eisschleckend ins Gotteshaus und werden noch aggressiv, wenn ein Wächter, ein Kustos darauf hinweist, dass das hier fehl am Platz ist oder er gar um Silentium bittet. Aber auch in den Kirchen unseres Landes ist es üblich geworden, vor wie auch nach der hl. Messe sich laut zu unterhalten wie in einem Kaffee oder eben in einer Markthalle. Damit wird den Gläubigen, die sich auf die heiligen Geheimnisse einstimmen oder sie ausklingen lassen wollen, die Stille, die Zeit der Vor-und Nachbereitung genommen.

Jesus hat den Tempel in Jerusalem innig geliebt. Schon als Neugeborener wird er von Maria und Josef in den Tempel gebracht, und dann wohl wieder zu den häufigen Wallfahrten. Einmal bleibt er dort, als Zwölfjähriger; und als die Eltern den Vermissten im Tempel wiederfinden, fragt er sie erstaunt: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ (Lk 2,49). Der Tempel war für ihn das Haus seines Vaters, und darum wusste er sich dort zu Hause. Deshalb konnte er es auch nicht ertragen, dass man daraus eine Markthalle, ja, wie er beim Evangelisten Markus sagt, eine „Räuberhöhle“ (spelunca latronum) gemacht hat (vgl. Mk 11,17).

Im Jahre 1783 hat der „Josefinische Klostersturm auch diese Stiftskirche des damaligen Damenstiftes nicht verschont. Täglich hatten hier über 40 Damen Gottesdienst gefeiert und gebetet. Die Kirche wurde profaniert und in weiterer Folge als Magazin, dann als Reitschule, als Zeughaus und gelegentlich auch als Theatersaal verwendet. Der große barocke Hochaltar wurde nach Bayern verkauft, wie auch die Orgel, auf der einst anlässlich eines Besuches 1769 der junge Wolfgang Amadeus Mozart gespielt hatte. Viele wertvolle Gold- und Silberarbeiten sowie Paramente wurden verschleudert. 

„Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“

Leider passiert es immer häufiger, dass Gotteshäuser geschlossen werden müssen, abgerissen, umgebaut oder umfunktioniert werden zu Wohnungen, Bibliotheken, Konzertsälen, oder wie in Holland und Deutschland schon passiert, sogar zu Diskotheken oder Autowerkstätten. Es kommt leider vor, dass manche Pfarrgemeinden und Diözesen den Erhalt ihrer Gotteshäuser nicht mehr bezahlen können. Dazu kommt: es gibt in manchen Gegenden eben keine Christen mehr, die einen Gottesdienstraum oder ein Haus des Gebetes aufsuchen. 

Zum Glück ist dies bei uns noch Seltenheit. Im Gegenteil: viele Kirchen und Kapellen werden besonders in Tirol restauriert, werden erhalten, auch dann noch, wenn die Plätze beim Gottesdienst nicht mehr alle besetzt sind. Aber vielen Menschen ist ein Gotteshaus doch noch wichtig, gerade für die bedeutenden Stationen auf dem Lebensweg wie Taufe, Erstkommunion, Firmung, Trauung und Begräbnis. Und neben der Erhaltung als Kulturgut erinnert ein Gotteshaus mit seinem Turm, wenn auch nur von außen gesehen, dass es eine höhere Macht gibt, dass wir Menschen letztlich ohnmächtig sind und doch immer wieder um den Segen Gottes bitten müssen. 

Umso mehr sind wir heute dankbar, dass es dieses Gotteshaus noch gibt, das vor 100 Jahren wieder eingeweiht wurde. Das tiefreligiöse Thronfolgerpaar Erzherzog Franz Ferdinand und Herzogin Sophie pflegten eine besondere Verehrung des heiligsten Herzens Jesu. Daher haben sie sich bemüht, im Jahre 1912 die Schwesterngemeinschaft der „Töchter des Herzens Jesu“ nach Hall zu bringen. Mit finanzieller Unterstützung des Kaisers Franz Josefs und des Ordens der Herz-Jesu-Schwestern haben sie von der Stadt das frühere Damenstift wieder zurückgekauft, aus dem das Spital gerade ausgezogen war und haben dafür gesorgt, dass die dazugehörige Kirche wieder von Grund auf restauriert wurde. Bei der Wiedereinweihung vor 100 Jahren wurde diese von Papst Pius X. zur Basilika erhoben. Leider konnte das Thronfolgerpaar die Feier der Weihe am 30. Juli 1914 nicht mehr erleben. Denn einen Monat zuvor war es dem Attentat in Sarajewo zum Opfer gefallen, was ja der äußere Anlass für den grausamen Ersten Weltkrieg war. Die Weihe der Basilika nahm der damalige Weihbischof von Feldkirch und spätere Erzbischof von Salzburg, Dr. Sigismund Waitz vor. So freut es uns heute besonders, dass der emeritierte Erzbischof von Salzburg Dr. Alois Kothgasser dieser Messe vorsteht.

Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!“ In diesem Haus Gottes hier gibt es keine herumlärmenden Menschen. Dieses Haus ist wahrhaft ein Haus des Gebetes. „Domus mea, domus orationis vocabitur“ (vgl. Jes 56,7). Mein Haus wird ein Haus des Gebetes genannt, so wird auch die Schola während der Kommunion singen. 

Bei den Synoptikern, also bei den Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas lesen wir: „Jesus sagte zu ihnen: In der Schrift steht: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht“ (Lk 19,46). Dieses Haus ist wieder ein Haus des Gebetes. Es ist wahrhaft eine Kirche – auf Griechisch kyriaké, was so viel heißt wie „dem Herrn gehörig“. 

Jesus möchte dem Haus seines Vaters einen neuen Akzent, eine große weltumfassende Weite geben. Er will vor allem die Anbetung des Vaters (Joh 4,24). Und so sagt er zur Samariterin am Jakobsbrunnen: „Aber die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit. Denn so will der Vater angebetet werden“ (Joh 4,23). Es ist dies die einzige Stelle in der Bibel, wo von einer Sehnsucht Gottes die Rede ist. „Solche Anbeter sucht der Vater.“ Das ist die neue Dimension der Gottesverehrung im Gegensatz zum alten Tempelkult. Hier geht es darum, anbetend einer Sehnsucht Gottes zu entsprechen. Besonders das Wort Vater, „Abba, bekommt bei Jesus einen neuen Klang. Damit durchbricht er die Unnahbarkeit Gottes, er überbrückt den Abgrund der Gottesferne und erschließt so das Herz Gottes. Es ist jenes Gottesherz, an dem Jesus nach dem Johannesprolog seit Ewigkeit geborgen ist und ruht, und an dem er die zur Gotteskindschaft Gerufenen mit ihm zusammen geborgen wissen will. „Solche Anbeter sucht der Vater“.

Liebe Andächtige!

Wir sind froh und dankbar, dass die Herz-Jesu-Schwestern täglich am Herzen Gottes ruhen, dass sie hier ihre Geborgenheit finden und stellvertretend für viele, die sich um Mitmenschen und das Notwendige des Lebens kümmern müssen, mit dem eucharistischen Christus verbunden den Vater im Himmel anbeten und so der Sehnsucht Gottes entsprechen. 

Wir alle freuen uns, dass es hier noch Schwestern gibt. Ehrwürdige Schwestern! Wir danken für Ihr Gebet. Wir sind dankbar, dass wir viele Anliegen, Nöte und Ängste, die uns zu Herzen gehen, Ihnen weitergeben dürfen, in der Gewissheit, dass unsere Bitten ein offenes Herz finden, Gottes Herz. So dürfen wir mit dem Ruf des Zelebranten „Sursum corda“ – „Erhebet die Herzen“ – unser Herz zu Gott erheben und ihm danken, dass wir noch Gotteshäuser haben dürfen, in denen Gott angebetet und verherrlicht wird. Amen.

 

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