Abt Raimund Schreier bei der Predigt in der Jesuitenkirche Innsbruck

Krieg, Gewalt, Terror, Verfolgung, Erpressung, Massaker, Mord, streitsüchtige Nationalismen, die zum Religionsersatz werden, Hass, Verachtung, Arroganz gegenüber anderen Völkern, Machtkämpfe, Anmaßung absoluter Macht über Leben und Tod, Kriegsbegeisterung, Glorifizierung der Gewalt, subtile Manipulation von Menschen… Das sind die derzeit meist gebrauchten Worte in den Schlagzeilen und Berichten unserer öffentlichen Medien. 

Dabei möchte man meinen, dass gerade das Gedenken an den Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren, die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, eine mahnende Lehrerin sein müsste. Der britische Historiker Christopher Clark weist wiederum hin auf die Bedeutung der Geschichte, aus der wir lernen sollten. In seiner großartigen Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele wie auch in seinem Buch „Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“, betont er immer wieder, dass die Geschichte kein „Fakten-Friedhof“ sei, sondern eine lebendige Erinnerung und Vergegenwärtigung. Auch kennt er keine Schuldzuweisung, sondern er zeigt auf die Komplexität vor allem in der Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges. 

Wir feiern heute das Fest der „Aufnahme Mariens in den Himmel“. Dabei dürfen wir einen Blick hineinwerfen in den Himmel, in das Reich, in dem es nur Frieden gibt, dorthin, wo der Gott des Friedens uns einmal aufnehmen wird, nämlich in das himmlische Jerusalem. „Jerusalem“ heißt übersetzt: Stadt des Friedens. 

Und wir erinnern uns, dass Maria mit Leib und Seele bereits in den Himmel aufgenommen wurde, sie, die wir in der Lauretanischen Litanei anrufen als die „Königin des Friedens“. In diesen Tagen werden Papst Franziskus und die Bischöfe nicht müde, immer wieder aufzurufen, um den Frieden zu beten - besonders für die Kriegsgebiete unserer Welt.

Aber wir werden heute auch aufgerufen uns Gedanken zu machen, wie wir Frieden schaffen können! Liebe Mitchristen! Der Friede beginnt im Kleinen: in der Ehe, in der Familie, in der Gemeinschaft, im Dorf, in unserem Verein, in unserer Stadt, in unserem Land. Da gibt es so viele Kränkungen, Verletzungen. Da gibt es tiefe Wunden, die oft nicht heilen wollen. Ruhelos kreisen unsere Gedanken um die anderen Personen und ihr verletzendes Verhalten. Die Atmosphäre ist gestört, vergiftet. Und wir suchen nach Rache, nach Vergeltung: „Dem werde ich es schon noch heimzahlen!“ „Das verzeihe ich ihr nie!“ Wir sind enttäuscht, verletzt; wir werden nicht fertig mit den Kränkungen, die uns tief getroffen haben. Und es droht die Verbitterung, es droht der Hass, der Krieg im Kleinen oder die Resignation. Wir sind in uns selbst gefangen. Wir tragen nach und dabei tragen wir selber schwer. Das Zusammenleben wird unerträglich.

Hier gilt es, die Kunst des Vergebens wieder neu einzuüben.

Um es vorweg zu nehmen: Verzeihen heißt nicht, dass wir das Verhalten des anderen automatisch gutheißen. Wir lassen lediglich nicht länger zu, dass die Tat, die uns so sehr verletzt hat,  unser Leben dauerhaft negativ beeinflusst. Vergebung beinhaltet auch keinen Verzicht auf Gerechtigkeit. 

Vergeben: Das ist ein innerseelischer Prozess, der auch manchmal lange dauern kann. Manchmal ist es gar nicht möglich, sofort zu verzeihen. Da würden wir uns überfordern. 

Walter Kohl schreibt ganz eindrucksvoll, welche Kraft im Vergeben liegt. In seinem autobiographischen Buch „Leben oder gelebt werden. Schritte auf dem Weg zur Versöhnung“ setzt er sich mit seiner verhassten Rolle als Sohn des deutschen Bundeskanzlers auseinander. Er musste immer im Schatten seines Vaters stehen. Walter Kohl hat mit seinem Schicksal gehadert, ist innerlich immer mehr versteinert geworden, bis er den Wert der inneren Aussöhnung für sein Leben erkannt hat. Er hat die Vergebung als eine Kraft entdeckt, die ihn zu sich selbst bringt. Seine Erfahrung war: Vergebung hilft, sie heilt und wandelt von innen her. Sie bewirkt, dass er Frieden mit dem Unabänderlichen zu schließen vermag, und dass „er endlich leben kann, ohne gelebt zu werden“. Schmerzende, negative Energie kann sich so in heilende, positive Energie, in Freude, Kreativität und Harmonie verwandeln. Kraft des Vergebens kann Walter Kohl schließlich auch seinen Eltern mit einem neuen Denken versöhnt begegnen. 

Diese Geschichte von Walter Kohl zeigt, was vielleicht ich in meinem eigenen Leben erfahren habe. Vergeben ist ein Weg, der in die Freiheit führt.

Natürlich ist der Anfang dieses Weges ein sehr steiniger. Er bedeutet zunächst Leiden. Es geht mir schlecht. Ich werde einfach nicht fertig mit den Kränkungen und Verletzungen. Ich kann nicht schlafen. Immer wieder muss ich daran denken, wie ungerecht ich behandelt wurde, wie schwer man mich beleidigt hat. Da können Selbsterhaltung und Selbstliebe ein wesentlicher Antrieb für den Prozess des Vergebens sein. Ich vergebe, damit ich diese innere Last endlich los bin. 

Aber auch der Wunsch nach einem menschlichen und respektvollen Miteinander, der Wunsch nach erfüllenden Beziehungen können den Prozess des Vergebens beschleunigen. Gelungene Beziehungen gehören ja bekannter Weise zu den größten Glücksbringern unseres Lebens.

Als Christen haben wir weitere gute Gründe, um zu vergeben: Es sind spirituelle Gründe. Unsere große Sehnsucht zielt nicht nur darauf, dass wir geliebt werden, sondern auch, dass wir lieben können. Liebe will nämlich fließen. Wenn wir vergeben, bauen wir innerseelische und zwischenmenschliche Barrieren ab und öffnen uns für den Grundstrom von Liebe und Vertrauen. Christlich gedeutet ist diese Sehnsucht das Wirken des göttlichen Geistes in uns. Wenn wir ihm Raum in uns geben, indem wir anderen ihre Schuld und ihre Schwächen nicht nachtragen, dann arbeiten wir mit an einer neuen Welt Gottes, für die Jesus gelebt hat. 

Am heutigen Tag, an dem viele Mitbürger und -bürgerinnen vom Land Tirol und Südtirol geehrt werden, sage auch ich Danke für Ihren selbstlosen Einsatz in verschiedenen Institutionen und Vereinen, vor allem denen, die zu einem friedlichen Miteinander beigetragen haben. Ich danke allen, die durch ihr kontinuierliches Dasein und ihr friedenausstrahlendes Wesen geholfen haben, dass Verletzungen und Kränkungen Gemeinschaften nicht sterben, sondern auferstehen lassen.

Liebe Andächtige! Ahmen wir Christus nach, der uns gezeigt hat, wie man Frieden schließt, wie man verzeiht. Er hat sogar in seinem qualvollen Sterben am Kreuz seinen Mördern verziehen. Bitten wir um die Kraft, zu verzeihen! Bitten wir um die Gnade des Friedens! So dürfen wir jetzt bei diesem Gottesdienst, vor allem dann, wenn der Chor für uns das Agnus Dei singt, im Herzen einstimmen: Lamm Gottes, du nimmst hinweg die Sünde der Welt; du nimmst hinweg alle Kränkung und Verletzung. Gib uns deinen Frieden! Dona nobis pacem! Amen.

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