Bericht des Grabungsleiters des Bundesdenkmalamtes (BDA) Mag. Johannes Pöll

Die im Zuge der Innenrestaurierung geplante teilweise Erneuerung des Bodens eröffnete die Möglichkeit, ältere Bauphasen der heute barocken Kirche aus der Mitte des 17. Jahrhunderts n. Chr. zu erforschen. Zwei Fragestellungen standen im Vordergrund. Zunächst sollten Aufschlüsse zum Grundriss der romanischen Stiftskirche des 12./13. Jahrhundert, über deren Aussehen aus schriftlichen Nachrichten, bildlichen Darstellungen und Ergebnissen der Bauforschung bereits einige Eckdaten bekannt sind, gewonnen werden. (Abb. 1 - Ursulaaltar)
Als besonders bedeutsam für die Geschichte des Stiftes einerseits, aber auch hinsichtlich der Entwicklung des Christentums auf Nordtiroler Boden andererseits, galt die Abklärung der vorromanischen Baugeschichte des Gotteshauses. Über diese Epochen schweigen die Schriftquellen mehr oder weniger bzw. liefern nur kryptische Informationen.
Insbesondere stand die Frage nach dem Alter der ersten Kirche im Raum. Die ältere historische Forschung vermutet, nicht zuletzt wegen des Laurentiuspatroziniums, einen frühchristlichen Bau des 5./6. Jahrhunderts n. Chr. Nicht minder interessant ist, ab wann sich eine klösterliche Anlage bei der Kirche etabliert hat und ob hinter der sagenhaften Gestalt des Riesen Haymon, der in der Stiftstradition als Gründer gilt, sich ein wahrer Kern verbirgt und tatsächlich mit einem Frühkloster des 9./10. Jahrhundert zu rechnen ist. Schließlich durften neue Aufschlüsse zur römischen Siedlung Veldidena erwartet werden.

Römerzeit und Kirche 1 (Frühchristentum)

Ein erstes Gotteshaus entstand an der Stelle der heutigen Stiftskirche bereits im 5./6. Jahrhundert n. Chr. Dieser Bau könnte Teile eines spätrömischen Profanbaues unbekannter Funktion und Größe mit verwendet haben. Dafür spricht ein Ost-West-verlaufender Mauerzug, der im Südwesten der Grabungsfläche im Kirchenschiff aufgedeckt werden konnte. An der Flucht dieser Wand orientierten sich alle nachfolgenden Bauten. (Abb. 2 - röm. Mauerzug)
Zwischen der „römischen Mauer" und der im Abstand von 3,20 m parallel verlaufenden Südwand der ersten Kirche (Kirche 1), fanden sich eine Reihe beigabenloser Körpergräber. Die ältesten besitzen Steinumfassungen, stehen damit noch in römischer Tradition und dürften noch ins 5. Jahrhundert zurückreichen. Ein Grab, das mit Ziegelplattenbruchstücken römischer Leistenziegel abgedeckt war, sticht besonders hervor. (Abb. 3 - Ziegelplattengrab) Dieses lag zwar außerhalb der römischen Mauer, orientierte sich aber wie die anderen Gräber an dieser Achse. Der Befund könnte als seitlicher Annexgang interpretiert werden, der zur Aufnahme von Bestattungen diente.
Kirche 1 war mindestens 22 m lang, weder West,- noch Ostabschluss konnten erfasst werden, weshalb leider die für einen Sakralbau wesentliche Elemente des Presbyteriums (Solea, Priesterbank, Altar, Ambo, Reliquienloculus) unbekannt bleiben. Die Nordmauer ist außerhalb der heutigen Kirche im Norden unterhalb der an die Kirche angebauten Garagen zu vermuten. Kirche 1 erhielt im Osten einen Zubau, von dem sich ein Nord-Süd verlaufender Mauerzug erhalten hat. Es könnte sich dabei um einen seitlichen Annexraum handeln, wie er für frühchristliche Bauten häufig belegt ist.

Kirche 2

Ein erster großer Umbau der ältesten Kirche zeigte sich in der Veränderung des Kirchenschiffes. Dabei wurde die Südmauer um eine Mauerstärke nach Süden versetzt. Zu diesem Bau konnten flächig Estrichfußbodenreste freigelegt werden. (Abb. 4 – Überblick mit Böden) Eine Chormauer im Osten weist auf die Trennung von Laienraum und Presbyterium hin. Ein Nord-Süd-gelagerter Mauerstumpf im Westen von Kirche 2 gehört zu einer Trennwand, die den Laienraum von einer Vorhalle absondert. Spätestens mit dieser tiefgreifenden Umbauphase muss der südliche Grabannexgang abgetragen worden sein. Wie aber eine Reihe von Körpergräbern, die auf dem Bodenpflaster des Ganges liegen bzw. dieses durchschlagen, verdeutlichen, hat man an diesem Platz weiter bestattet. Einen zeitlichen Anhaltspunkt für diese Gräbergruppe markiert ein beigabenführendes, teilweise beraubtes Kindergrab. Dem verstorbenen Kind hat man einen doppelkonischen Spinnwirtel aus Ton mit ins Grab gegeben. Diese Sitte ist im romanischen Grabbrauch über einen längeren Zeitraum (6.-9./10. Jahrhundert n. Chr.) geläufig. (Abb. 5 - Kindergrab)
Möglicherweise war Kirche 2 bereits dreischiffig, was mit dem Vorhandensein einer Mönchsgemeinschaft erklärt werden könnte. Für eine exakte Datierung fehlen konkrete Anhaltspunkte. Die spärlichen architektonischen Reste weisen jedenfalls in eine vorromanische Epoche, nach derzeitigem Erkenntnisstand vielleicht ins 9.-10. Jahrhundert n. Chr.

Romanische Stiftskirche

Es handelt sich um eine dreischiffige, querschifflose Pfeilerbasilika, mit einer Länge von ca. 44 m.(Abb. 6 – Plan roman. Stiftsanlage) Fundamente des Dreiapsidenchors wurden im heutigen Presbyterium aufgedeckt. Im Langhaus fanden sich die Spannmauern für die Arkadenstellung zwischen Seitenschiff und Hauptschiff. Ein massives Quermauerfundament im Westen ist derzeit noch nicht schlüssig interpretierbar. Möglicherweise verbirgt sich dahinter ein geplantes, entweder nicht ausgeführtes oder später abgerissenes Westwerk. Die Datierung dieses Baues ist mit der überlieferten Kirchweihe 1201 zu verbinden und damit als Werk der spätestens 1138 nach Wilten berufenen Prämonstratenser anzusprechen. Die neue Ordensgemeinschaft hat dabei offenbar die Vorgängerkirche vollständig geschleift, das Niveau um 60-80 cm angehoben, und einen einheitlichen Neubau errichtet.

Barocke Krypta

In die romanische Hauptapsis wurde im frühen 17. Jahrhundert, wahrscheinlich unter Abt Andreas Mayr, eine Krypta bzw. Kapelle eingebaut, die in den Quellen als Kapelle zum Hl. Kreuz auftaucht. (Abb. 7 - roman. Apsis m. Krypta) Zusammen mit dieser wurde eine ausgedehnte Gruftanlage errichtet. In den beiden Ossuarien in der Mittelachse der Krypta dürften 1639 die Gebeine der seligen Marquard und Wernher beigesetzt worden sein. Die zentrale Gruft am Ende der seitlichen Stiegenabgänge war nicht belegt, ebenso wie die seitlichen Grüfte am Westende der Krypta. Zwei Grablegen im Süden sind heute noch verschlossen, sie dürften die sterblichen Überreste von 20 Personen beinhalten, die beim Bau der Unterkirche bzw. im Zuge der Suche nach den Gebeinen des Riesen Haymon, gefunden wurden.


Abbildungen

Abb. 1: Ausschnitt aus dem Ursulaaltar (um 1480/90) mit Darstellung der romanisch-gotischen Stiftsanlage von Westen aus gesehen.


Abb. 2: Römischer Mauerzug, umschlossen von den Fundamenten der romanischen Kirche im Südwesten der Grabungsfläche (Norden am oberen Bildrand).


Abb. 3: Ziegelplattengrab nach der Entfernung der Deckschicht. Der/Die Tote liegt auf einer Unterlage aus Bachsteinen und Ziegelbruch.


Abb. 4: In der Bildmitte links sind die Reste des Estrichfußbodens der Kirche 2 sichtbar. Im Zentrum eine große grubenartige Störung aus der Bauzeit der barocken Kirche, der eine Reihe von älteren Befunden zum Opfer gefallen sind.


Abb. 5: Kindergrab mit Beigabe einer Spinnwirtel aus Ton.


Abb. 6: Plan des romanischen Baubestandes der Stiftsanlage mit Darstellung des Dreiapsidenschlusses der Stiftskirche. © Plan: M. Mittermair/W. Hauser


Abb. 7: Blick auf die in die romanische Hauptapsis eingebaute frühbarocke Krypta.

Quelle: http://www.bda.at/text/136/821/6717/Die-archaeologischen-Grabungen-in-der-Stiftskirche-Wilten

 

 


Kunst und Archäologie in der Stiftskirche Wilten

Einzigartige Rauminstallation am 7. und 8. Jänner 2006

Die dreijährige Restaurierung der Stiftskirche wurde auf Wunsch von Abt Raimund mit künstlerischen Interventionen begleitet. Das Künstlerpaar Elke Maier und Georg Planer hatte ein Konzept erarbeitet, dessen erster Abschnitt in der Stiftskirche inmitten der von den Archäologen offengelegten, fast 2000-jährigen Geschichte dieses Ortes realisiert wurde, bevor die Ausgrabungsstätte ab Mitte Jänner wohl für Jahrhunderte wieder zugeschüttet wurden. "Mit bloßen Händen" formte Georg Planer in den Tiefen des offenen Erdbodens der Stiftskirche lebensgroße menschliche Körper aus Erde. Seine am "Rücken liegenden, mit dem Gesicht zum Himmel schauenden" Erdmenschen wirkten archaisch und lebendig zugleich, als könnten sie sich aus der Erde, aus der sie geschaffen sind, erheben und gleichzeitig wieder in sie eintauchen. Aus jedem dieser Erdmenschen "erwuchsen" bzw. "ent-sprangen" Lichtstrahlen aus hauchdünnen, von Elke Maier gespannten weißen Fäden, die den gesamten Kirchenraum durchwirkten. Von ganz oben reichten diese "Lichtstrahlen" bis hinunter in die Tiefe, wo die Gräber liegen. Auf diesen bisher unsichtbaren Raum, der erst durch die archäologischen Grabungen freigelegt wurde, strahlte erstmals das "himmlische" Licht.

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